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Düngeverordnung

Intensivkulturen: Streit um Rote Gebiete und Messpunkte im Rheintal

Grundwasser-Messstelle
am Samstag, 16.01.2021 - 06:00 (Jetzt kommentieren)

Gewässerschonender Anbau ist auch in Intensivkulturen möglich. Die Ausweisung des Hessischen Rieds als rotes Gebiet, das für Nitratausträge als besonders gefährdet gilt, will Dr. Willi Billau vom regionalen Bauernverband nicht hinnehmen. Hier seine Argumente.

Deutschland habe mehr 11.000 Messtellen für Grundwasser, jedoch nur die Analysewerte der auffälligsten 700 Messstellen nach Brüssel gemeldet, sagt Dr. Willi Billau vom Hessischen Bauernverband Starkenburg, Region Südliches Ried.

Ihn ärgert, „dass wir deshalb bei der Nitratbelastung des Grundwassers auf dem vorletzten Platz in der EU liegen, vor Malta. „Hätte das Bundesumweltministerium den Nitratgehalt sämtlicher Brunnen gemeldet, so wie alle anderen EU-Länder auch, würde Deutschland im oberen Mittelfeld rangieren und die EU hätte nicht Klage erhoben.“

Jahrelange Mühen umsonst? Was bisher im Hessischen Ried geschah

Die EU-Nitratrichtlinie von 2000 sollte den rechtlichen Rahmen vereinheitlichen und die Politik stärker auf eine nachhaltige Wassernutzung ausrichten. Schon 2006 wurden im Rheintal Veranstaltungen durchgeführt mit dem Ziel, möglichst viele Landwirte zu überzeugen, Möglichkeiten zum Wasserschutz auch umzusetzen oder Dauerbeobachtungsflächen beizusteuern.

Unter Mitwirkung der Wasserverbände und des Regionalbauernverbandes wurden zunächst 4 „Maßnahmenräume“ ausgewiesen:

  • Nördliches Ried,
  • südliches Ried,
  • Riedsande und
  • Bergstraße.

Dort wurden unter anderem Grunddaten erhoben, Messstellen für Grundwasser bestimmt, Landnutzungsdaten erhoben, mit Daten der Bodenschätzung abgeglichen und die Gefahr durch Nitratauswaschung bestimmt.

Nmin-Probenahmen stark ausgedehnt

Die Absicht war, durch starkes Ausdehnen der N-min-Probenanzahl und der Zeitpunkte der Probenahme einen Überblick zu bekommen über

  • die Höhe der Düngung,
  • den Verbrauch der Kultur und
  • die eventuellen Verlustraten.

So sollte die Stickstoffdüngung auf das erforderliche Maß der Entzugsdüngung zurückgeführt werden, um Stickstoffverluste zu verringern.

Verbunden wurde das mit Beratungsrundschreiben, Informationsveranstaltungen und Feldrundgängen. Es wurden Versuche mit Zwischenfrüchten angelegt, um Reststickstoff zu Vegetationsende zu binden. Auch kolorimetrische Blattuntersuchungen wurden als Dienstleistung angeboten, um den Stickstoffversorgungsgrad der Pflanzen in der Hauptwachstumszeit einzusehen.

Selbst Sensorspaten eingesetzt: Vorleistungen blieben unberücksichtigt

Parallel dazu fand im Januar 2017 ein Gespräch zwischen dem Bauernverband Starkenburg und dem Geschäftsführer der Spacenus GmbH statt. Die Firma in Darmstadt-Eberstadt entwickelt Tools, die von künstlicher Intelligenz (KI) gestützt werden. Das Ziel war, satellitenbasierte digitalisierte Karten, die mit optischen Sensoren aufgenommen wurden, an den gemessenen Werten betreffender landwirtschaftlicher Flächen aus Starkenburg abzugleichen und zu eichen.

Die daraus entwickelte App „Solorrow“ erhielt 2019 den Hessischen Gründerpreis und dient zur teilflächenspezifischen Präzisionsdüngung. Das Gegenstück, „Stenon“, bekam den Brandenburger Innovationspreis 2020. Das ist eine laborunabhängige Bodenanalyse in Echtzeit. Sie soll Versorgungswerte aller relevanten Nährstoffe per „Spatenstich“ liefern und abgleichen.

Der „Sensorspatenist mit Ionenselektiven Feldeffekttransistor-Sensoren ausgerüstet. Wenige Sekunden nach Einstich sollen sich relevanten Messwerte ablesen lassen. Gleichzeitig werden diese mit zugehöriger Geoposition versehen in der Cloud gespeichert. Billau: „Alle diese Vorleistungen fanden keine Berücksichtigung bei der Ausweisung roter Gebiete.“

Pauschal 20 Prozent weniger Dünger nicht nachvollziehbar

Billau beklagt, dass eine 20 %-ige Reduktion der Stickstoffdüngung gemessen am pflanzlichen Bedarf nie von der EU gefordert wurde. „Das haben wir allein der Bundesregierung zu verdanken“, sagt der Landwirt. Er weist auf Ertrags- und Qualitätsdepressionen hin „bis zur Nichtvermarktbarkeit der Produkte“ und die „die Probleme der Tierhalter, denen jetzt 20 % der Fläche für die Gülle“ fehlten.

Ebenso „unverständlich“ sei es für Frühgebiete wie das hessische Ried, dass eine Winterbegrünung der Flächen vorzunehmen sei, auf die im Frühjahr Sommerungen angebaut werden sollen und die frühestens am 15. Januar umgebrochen werden dürfen. Billau: „Dabei brauchen gerade Kulturen wie Frühgemüse, Kartoffeln, Zwiebeln oder Zuckerrüben einen frostgaren Boden, der hierfür noch vor Winter gepflügt werden und möglichst früh befahrbar sein muss.“

Die unendliche Geschichte: Gewässerschonend auch in Intensivkulturen

Die Ausweisung des Rieds als für Nitratausträge potenziell gefährdetes Gebiet mit leichten Böden, Intensivkulturen, Beregnungseinsatz geschah laut Billau „schon um das Jahr 2000“. Seitdem versuche der Regionalbauernverband, darzulegen, dass ein gewässerschonender Anbau auch von Intensivkulturen möglich sei.

Mit colorimetrischen Methoden, etwa Nitracheck, und reflekrometrischen, etwa Merck RQflex 20, wurden „seit 2010 Hunderte von Wasserproben aus Beregnungsbrunnen“ gemessen. Sie wiesen

  • erstens verbreitet sehr niedrige Werte auf und
  • schwankten zweitens im Tagesverlauf sehr, so Billau.

Eigene Messungen nicht anerkannt, "offizielle Messstationen unbrauchbar"

Da diese Eigenmessungen offiziell nicht anerkannt werden, orientieren sich die Landesbehörden, hier das Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), an den vorhandenen Messbrunnen mehrerer Netze. Billau: „Wir haben die Messbrunnen nicht alle anerkannt, da sie oft inmitten von Gemeinden liegen, etwa in Viernheim, im Abstrom, etwa in Trebur, oder nahe Altdeponien, etwa bei Lampertheim.

Referenzjahr dieser Werte soll 2013 sein. Aber sowohl im nördlichen Ried bei Trebur als auch im südlichen Ried bei Lampertheim seien die Werte mittlerweile auf 21 beziehungsweise 35 mg gefallen, so Billau. „Sie entlasten uns vom Vorwurf der Grundwasserbelastung.“

Welches Messnetz verwendet wurde

Eine Rückfrage beim Ministerium ergab laut Billau, dass nicht nur die Messwerte der Referenzbrunnen, sondern auch die Einschätzung des Thünen-Instituts (TI), „dass wir ein Risikogebiet bezüglich des Nitrataustrags sind“, zur Einteilung in rote Gebiete beitragen.

„Das TI schätzt uns auf mehr als 60 kg Stickstoff-Verlustrate/ha. Unsere Entgegnung, dass fast jeder Betrieb in Starkenburg zertifiziert ist und eine Düngebilanz vorlegen kann, warum denn die exakten Zahlen nicht ermittelt wurden, erzielte nur Achselzucken“, sagt Willi Billau. „So hätte man diejenigen, deren Verlustrate höher als 60 kg ist, mit Auflagen belegen und diejenigen, welche es richtig gemacht haben, von einer Kollektivbestrafung bewahren können.“

Von Pyrit bis Anammox: Wie sich Nitrat abbaut

Vom HLNUG werde behauptet, so Willi Billau, dass die niedrigen Nitratwerte in den Grundwässern des hessischen Rieds durch das hohe Denitrifikationpotenzial der Böden bedingt sei. Die sogenannte Nitratatmung, bei der Bakterien den Sauerstoff des Nitrats zur Energiegewinnung nutzen, oxidiere Pyrit zu Eisensulfat. Dabei würde Nitrat abgebaut. Billau: „Hierbei würde aber auch der Pyrit verschwinden. Da unsere Grundwasserstände sehr oft schwanken, so unsere Feststellung, würde sich Pyrit in der Reduktionszone regenerieren.“

Außerdem sei vor wenigen Jahren ein weiterer Weg des Nitratabbaus entdeckt, der sogenannte „Anammox-Prozess“. Dabei sei kein Pyrit im Spiel. Chemisch stelle das eine „Komproportionierung“ dar. Das heiße, in Anwesenheit von Ammonium und Nitrat zerfallen beide Oxidationsstufen zu elementarem Stickstoff. Billau: „Das ist ein großer Gratis-Sicherheitsmechanismus in unseren Böden.“

Abschließend verweist Willi Billau darauf, dass alle Trinkwasserentnahmestellen in den Riedwäldern im Zustrom der Produktionsfelder liegen. „Selbst bei partiellen Überschreitungen, die wir natürlich vermeiden wollen, wäre die Trinkwasserversorgung nie in irgendeiner Weise gefährdet.“

Mit Material von Billau
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