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Biodviversität

Kommentar: Artenvielfalt geht auch auf dem 10.000-ha-Betrieb

Hecke als Biodiversitätsfläche
am Montag, 01.11.2021 - 11:10 (9 Kommentare)

Das JKI hat festgestellt, dass auf Schutzflächen mehr blüht als auf dem Acker. Ach was? Das darf auch so sein! Ein Kommentar von agrarheute-Pflanzenbauredakteur Klaus Strotmann.

Auf einer nicht genutzten Fläche blüht mehr als auf einem Weizenacker. Diese wenig überraschende Erkenntnis bringt eine aktuelle Untersuchung des Julius Kühn-Instituts.

Oder etwas ausführlicher: Die Wissenschaftler haben in Brandenburg drei unterschiedliche Flächentypen auf ihre „floristische Artenvielfalt“ untersucht, also auf die Zahl und Bedeckung blühender Arten und deren Blühintensität. Unter die Lupe genommen haben sie

  1. Schutzäcker, auf denen noch nie Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurden,
  2. ökologisch und
  3. konventionell bewirtschaftete Flächen.

Heraus kam ein Blühpflanzenindex im Verhältnis von 100 zu 53 zu 3 – von den Schutzäckern zu ökologischen und konventionellen Flächen. Also viel weniger blühende Wildpflanzen auf intensiv genutzten Flächen.

Dr. Jörg Hoffmann vom JKI sagt es in Wissenschaftsdeutsch: „Verbunden mit der ab etwa 1950 einsetzenden Intensivierung der Ackerflächennutzung wäre somit ein sehr drastischer Rückgang der floristischen Biodiversität auf den konventionellen Äckern zu konstatieren.“

Auf Schutzäckern wachsen keine Lebensmittel!

agrarheute-Pflazenbauredakteur Klaus Strotmann

Wie gesagt, wenig überraschend. Bejubeln will ich die kleine „3“ im Vergleich zur großen „100“ nicht. Aber ich will sie trotzdem würdigen. Denn dahinter steckt unser heutiger Wohlstand: Züchterische Höchstleistungen, technischer Fortschritt, volle Regale und satte Bäuche.

Herr Dr. Hoffmann spricht die 1950er-Jahre an. Möchte ernsthaft irgendjemand noch einmal in diesen Zeiten leben? Ich glaube nicht.

Wir haben heute die produktivste (und billigste…) Nahrungsproduktion seit Menschengedenken. Und das auch dank mineralischer Dünger und chemischem Pflanzenschutz.

Natürlich gehört zum Fortschritt auch, Strategien immer wieder zu überdenken. Ich bin froh darüber, dass manche Wirkstoffe der 80er heute verboten sind, dass wir Stickstoff und Pflanzenschutzmittel heute immer punktgenauer einsetzen und Mengen reduzieren können. Und dass wir dabei trotzdem hochwertige Lebensmittel in ausreichender Menge und bester Qualität ernten können.

Denn das ist der Punkt: Auf Schutzäckern wachsen keine Lebensmittel!

10.000-ha-Betrieb: Hier leben 100 unterschiedliche Wildbienenarten

Oft wird das in einen Topf geworfen und heraus kommt das wirre Ziel, alle landwirtschaftlich genutzten Äcker müssten stillgelegte Naturschutzflächen werden. Was das bedeutet, dürfte mittlerweile jedem klar sein – vor allem ein riesiger Importbedarf von völlig unkontrollierbarer Qualität.

Aber mir geht es um einen anderen Punkt: Artenvielfalt muss nicht zwingend auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche stattfinden. Beide Flächennutzungstypen haben ihre Berechtigung: Nahrungs-/Energieproduktion UND Artenvielfalt. Nebeneinander. Jeweils hoch spezialisiert. Und die Biodiversitätsflächen bestenfalls auch vernetzt.

Und das soll nicht auf Großbetrieben funktionieren? Gerade dort, wie ich neulich bei einem Besuch auf dem 10.200-ha-Betrieb APH Hinsdorf bei Dessau festgestellt habe. Der Betrieb stellt gezielt Flächen für Biodiversität zur Verfügung – und begleitet das wissenschaftlich.

Das Ergebnis: Allein von 600 in Deutschland bekannten Wildbienenarten kommen in den Saumbiotopen, Hecken und Blühstreifen der APH 100 Arten vor. Ein sensationelles Ergebnis. Diesen Lebensraum könnte kein Acker, auch kein ökologisch bewirtschafteter, zur Verfügung stellen.

Denn rufen wir uns in Erinnerung: Mechanische Eingriffe sind nicht weniger schädlich für die Artenvielfalt als chemische. Der Striegel zerstört das Gelege der Feldlerche und der Pflug hinterlässt einen ähnlich blanken Acker wie ein Herbizid.

Biodiversität funktioniert nur über sinnvolle Förderpolititik

Biodiversitätsflächen müssen dabei ähnlich professionell „behandelt“ werden wie intensiver Acker, sonst funktioniert das mit der Artenvielfalt nicht. Schließlich sind die Ansprüche der Wildbienen, Spinnen, Vögel, Laufkäfer und Falter völlig unterschiedlich.

Was schön für unser Auge ist, dient noch lange nicht dem Artenschutz. Und wertvolle Wildkräuter sind weniger konkurrenzstark als Unkräuter. Teuer angelegte Biodivflächen drohen ohne sinnvolle Pflege innerhalb kürzester Zeit zu verungrasen.

Artenvielfalt funktioniert aber nur über sinnvolle Förderpolitik. Wenn Flächen nach fünf Jahren ins Umbruchverbot fallen, hat niemand Interesse an einer langfristiger Gestaltung von Biodiversitätsfläche. Das eigentliche Problem ist nicht der Pflanzenschutz auf intensiv genutzten Flächen, sondern der Flächenverlust.

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