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EuGH-Urteil

Kommentar: Gebt der Grünen Gentechnik eine Chance

Labor
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Karl Bockholt, agrarheute
am
25.07.2018

Nun ist es also höchstrichterlich entschieden: Der EU-Gerichtshof lockert das Gentechnikrecht nicht. Auch Pflanzen, deren Erbgut per Genschere Crispr/Cas gezüchtet sind, gelten als gentechnisch verändert. Sie müssen extra gekennzeichnet sein.

Kommentar

Karl Bockholt

Bisher geht es in Deutschland vor allem um eine schnell gezüchtete Raps- und um eine Apfellinie. Sie tragen Punktmutationen, die mit der Genschere Crispr/Cas erzeugt wurden. Dazu liegen Anträge beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vor zu der Frage: Handelt es sich hier um gentechnisch veränderte Organismen (GVO) laut Gentechnikgesetz oder nicht? Die Antwort vom EuGH ist nun eindeutig: ja.

Das ist letztlich ein Rückschritt für die Züchtung. Da muss die Frage erlaubt sein, ob das Gentechnikrecht noch zukunftsfähig ist? Oder ob es nicht längst hätte überprüft werden müssen, damit neue Züchtungsmethoden überhaupt eine Chance bekommen.

Grüne Gentechnik braucht eine Chance

Die bisherige Regulierung samt Sicherheitsüberprüfung hat die Angst vor Grüner Gentechnik unter dem Strich immer mehr vergrößert. Dabei ist die Frage nicht eindeutig beantwortet, ob tatsächlich in jedem Fall biologische Gefahren drohen, nur, weil biologische Sicherheit geprüft wird oder kontrolliert werden soll. Bei Crispr/Cas ist die Sache nicht ganz so klar.

Meines Erachtens reicht die auf den Züchtungsprozess bezogene Betrachtung nicht aus. Das Gericht lässt das entstandene Produkt außer Acht. Der EuGH ignoriert mit seinem Urteil zudem die bisherige wissenschaftliche Bewertung diverser Experten. Danach unterscheiden sich die mit den neuen Techniken gezüchteten Pflanzen überhaupt nicht von klassisch gezüchteten.

Das Urteil gibt der Grünen Gentechnik keine Chance. Die hat sie aber verdient. In der Medizin, bei neuen Medikamenten, ist die Gentechnik dagegen längst akzeptiert. Der Nutzen solcher Arzneien ist einfach zu groß. In der Pflanzenzüchtung und bei Lebensmitteln ist das dagegen beileibe nicht der Fall. Hier ist die Angst einfach zu groß. Die Verbraucher fürchten sich vor neuer Züchtung aus dem Genlabor.

Europa koppelt sich ab

Dabei sind in gut 30 Jahren Grüner Gentechnik keine Katastrophen aufgetreten. Unmittelbare Folgen für die Gesundheit sind nicht belegt. Zwar entdecken immer neue Studien bislang übersehene Nebenwirkungen. Auch behaupten sie, es sei eine Legende, dass die Veränderungen im Endprodukt nicht nachweisbar seien. Was aber soll gelten, wenn eben genau das doch der Fall ist? 

Enthalten die mit Crispr/Cas gezüchteten Pflanzen keinerlei fremdes Genmaterial, dann ist pragmatische Vernunft gefragt. Dann ist der immer wieder geschürte Streit um die Grüne Gentechnik nur noch Selbstzweck. Genome Editing ist nach derzeitigem Forschungsstand präziser und effizienter im Vergleich zur klassischen Züchtung und auch zur bisherigen Grünen Gentechnik.

Mit dem heutigen Urteil verlieren wissenschaftliche Bewertungen als Basis für rechtliche und politische Entscheidungsprozesse weiter an Bedeutung. Europa koppelt sich zudem womöglich vom technologischem Züchtungsfortschritt ab. Das zeigt keinen vernünftigen Weg auf.

Eine vertane Chance

Natürlich wollen Verbraucher wissen, was in ihren Lebensmitteln steckt. Und zweifelsohne kann Grüne Gentechnik auch durchaus neue Schwierigkeiten bringen, etwa Superunkräuter, die nur schwer in den Griff zu bekommen sind. Aber wenn die neuen Methoden zum selben Ergebnis kommen wie klassische Züchtung - und das auch noch deutlich schneller, dann ist ein Umdenken angebracht. Das lässt das Urteil vermissen.

Meiner Ansicht versprechen die neuen Züchtungstechniken ein echtes Potenzial an Innovationen. Für viele weltweite Herausforderungen, wie Klimawandel und Ernährungssicherheit der wachsenden Bevölkerung, bringen sie ganz praktische Lösungen. Genome editing-Züchtung bietet raschere Zuchtfortschritte, die nötig sind, und völlig neue Strategien, auch für weniger Pflanzenschutzmittel.

Sie sollte die klassische Züchtung zwar nicht ersetzen, aber ergänzen. Neue, ertragreiche Sorten bringen dann gleichzeitig schneller Widerstandskräfte gegen Dürre und Wassermangel oder gegen Schädlinge und Krankheiten. Diesen handfesten Nutzen können auch Gegner nicht einfach weg diskutieren.

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