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Gerichtsurteil

Kommentar zur Monsanto-Klage: Wo sind die Beweise?

agrarheute-Pflazenbauredakteur Klaus Strotmann
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Klaus Strotmann, agrarheute
am
13.08.2018

289 Millionen Dollar - so viel muss Bayer für Monsanto an einen kalifornischen Hausmeister zahlen. agrarheute-Pflanzenbauredakteur Klaus Strotmann auf der Suche nach Fakten.

Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Für meinen Geschmack auch, was Gerichtsverfahren angeht. Ein Grünpfleger aus Kalifornien hat einen Prozess gegen Monsanto gewonnen, den es hier so nicht gegeben hätte.

Von 2012 bis 2015 hat Dewayne Johnson die Grünflächen eines Schulbezirks mit Glyphosat behandelt und ist seit 2014 an einer Form von Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Dass das tragisch ist, steht außer Frage.

Mir stellen sich dafür eine ganze Reihe anderer Fragen. Vor allem hätte ich gerne mal den Zusammenhang zwischen seiner Erkrankung und dem Wirkstoff in Roundup zerlegt.

40 Jahre zugelassen und kein Beweis für Krebsverdacht

Seit mehr als 40 Jahren ist das Totalherbizid auf dem Markt, und seitdem so genau untersucht wie kein anderer Pflanzenschutzwirkstoff. 800 wissenschaftliche Gutachten und Studien kommen zu dem Schluss, dass Glyphosat nicht krebserregend ist.

Das sagen nicht irgendwelche Überseeinstitute, sondern auch europäische und deutsche Fachbehörden, wie die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA, die europäische Chemikalienagentur ECHA oder das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung BfR.

Für „wahrscheinlich krebserregend“ hält die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC, sie gehört zur WHO, ist aber nicht die WHO selbst, wie vielfach behauptet) den Wirkstoff Glyphosat. Die Agentur hat sich allerdings bei ihrer möglicherweise-Bewertung die Gefahr des Wirkstoffs angesehen, nicht das Risiko.

Der Löwe: Gefahr ist nicht gleich Risiko

Weil es immer durcheinandergeschmissen wird, ein kurzer Exkurs „Gefahr versus Risiko“. Gefahr meint die grundsätzliche Toxizität, die von einem reinen Wirkstoff ausgeht. Rotes Fleisch und Matetee sind nach dieser Definition ebenso gefährlich wie Kochsalz, Alkohol und Kaffee.

Das Risiko berücksichtigt dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass von dem Stoff tatsächlich eine Gesundheitsgefahr für mich ausgeht. Und zwar bei „sachgemäßem Einsatz“.

Bildlich gesprochen ist der Löwe für mich grundsätzlich eine ziemlich hohe Gefahr, wenn er sachgemäß hinter Gittern sitzt, ist das Risiko für mich aber überschaubar.

Weil es die Regeln zum „sachgemäßen Einsatz“ gibt, dürfen wir nach wie vor rotes Fleisch essen und Bier oder Kaffee trinken – und eben auch Gyphosat verwenden.

Sachkunde grenzt Landwirt vom Verbraucher ab

Und damit bin ich wieder beim tragischen Fall des an Krebs erkrankten Dewayne Johnson. Ich wüsste wirklich gern, ob er jede seiner bis zu 30 Glyphosatanwendungen im Jahr gemäß der Anwendungsauflagen durchgeführt hat.

Nämlich so, wie es jeder Landwirt in der Ausbildung lernt, mit der persönlichen Schutzausrüstung und in sachgemäßer Dosis, sachgemäßem Zeitpunkt, sachgemäßer Technik. Das grenzt den sachkundigen Landwirt vom Privatanwender und für meinen Geschmack auch vom Schulhausmeister ab.

Amerikanisches Abwälzen von Verantwortung

Das Gericht wirft Monsanto vor, das Unternehmen habe Johnson nicht ausreichend vor den Gefahren des Mittels gewarnt.

Das ist für mich die typisch amerikanische Art, Verantwortung auf andere abzuwälzen - ähnlich dem Aufdruck auf Pappbechern, dass man sich Zunge und Finger verbrennen kann oder jenem Warnhinweis auf Mikrowellen, dass sie sich nicht zur Trocknung von Haustieren eignen.

Klärt der Anwendungshinweis am Kanister nicht hinreichend über die Auflagen und den korrekten Umgang mit Pflanzenschutzmitteln auf?

Wo wurden die Beweise geführt?

Wurde in dem Prozess der Nachweis gefordert, dass der Anwenders sachgemäß mit dem Mittel umgegangen ist? Und wie wurde der Zusammenhang zwischen der Anwendung und seiner Erkrankung hergestellt?

Ich raufe mir die Haare beim Gedanken daran, dass ein kompletter Prozess inklusive 289 Millionen Dollar Schadensersatz auf vagen Vermutungen ohne wissenschaftlich basierte Beweise fußt.

Präzedenzfall für 5.000 weitere Klagen

Und ich hoffe sehr, dass die Folgeinstanzen belastbare Beweise analysieren. Denn was in Kalifornien an Recht gesprochen wurde, ist nichts weniger als ein Präzedenzfall für 5.000 ähnliche Klagen gegen die US-Tochter der deutschen Bayer AG.

Und damit ein Präzendenzfall für die Bewertung dieses Wirkstoffs. Der – zurück zu den Fakten – bisher als nicht krebserregend eingestuft ist. Ich bin mir sicher, dass sich deutsche Gerichte nicht auf so ein dünnes Eis begeben würden.

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