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Agrarunternehmer

Krieg in der Ukraine: Zwei betroffene deutsche Ackerbauern berichten

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am Freitag, 02.09.2022 - 06:30 (2 Kommentare)

Die Sinnlosigkeit der Zerstörung frustriert. Wie geht es deutschen Landwirten, die in der Ukraine wirtschaften? agrarheute hat zwei Unternehmer aus Niederbayern und aus der Rhön gesprochen.

Der brutale Krieg in der Ukraine gerät immer mehr aus den hiesigen Schlagzeilen. Die betroffenen Menschen aber müssen irgendwie weiter wirtschaften. Alle hoffen aufs Überleben. Zwei deutsche Unternehmer berichten.

So managt Hans Wenzl aus Niederbayern seinen Ackerbaubetrieb

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Landwirt Hans Wenzl aus Pfalsau in Niederbayern bewirtschaftet seit 2003 einen mittlerweile 5.000 ha großen Ackerbaubetrieb in Rogi rund 200 km südlich von Kiew und circa 300 km von der Hafenstadt Odessa entfernt. Normalerweise reist Wenzl mit dem Flugzeug dorthin, aber aktuell gibt es keine Flüge nach Kiew.

Jetzt muss er die 1.600 km mit dem Pkw über Österreich und Ungarn zurücklegen. Die Situation an der ungarisch-ukrainischen Grenze sei immer noch sehr chaotisch, berichtet der 72-Jährige. Die Kampflinie bei Cherson/ Nikolaiev sei "Gott sei Dank rund 300 km weit", sagt der Agrarunternehmer. Von seinen 40 Mitarbeitern sind 6 beim Militärdienst, aber zum Glück nicht direkt an der Front. "Aber wir sorgen uns sehr um unsere Leute", so Wenzl.

Direkt am ersten Kriegstag wurde ein Munitionslager 40 km entfernt von seinem Betrieb von einer Rakete getroffen. Wenzl hat 3 Fahrzeuge sowie Getreide an das Militär abgegeben. "Der Zusammenhalt der Landbevölkerung ist seit dem Krieg sehr viel stärker geworden", so seine Beobachtung. Durch die Abwertung der einheimischen Währung seien viele Dinge des täglichen Bedarfs aber teurer geworden.

So verlief die Ackerbausaison 2022 im ukrainischen Rogi

Die Ackerbausaison 2022 verlief bisher "vergleichsweise normal". Dünger, Pflanzenschutz und Diesel war schon im vergangenen Winter beschafft worden, bevor der brutale Krieg ausbrach. "Dank ausreichender Niederschläge konnte dieses Jahr eine gute Ernte eingebracht werden."

Raps wurde in der letzten Augustdekade gesät. Weizen aus der Ernte 2021 hat Wenzl vor der Ernte 2022 an eine nahegelegene ukrainische Mühle verkauft. Körnermais vom letzten Jahr liegt noch im Lager. „Wir sind in der komfortablen Situation, dass wir genug Lagerkapazität für unsere Ernte haben und aktuell nicht verkaufen müssen“, so Wenzl.

Der Betrieb vermarktet seine Ernte über internationale Handelshäuser über den Hafen Odessa. „Hier ist aktuell für uns aber noch kein Absatz möglich“, sagt Wenzl.

So groß ist die Ungewissheit beim Gas zur Trocknung von Körnermais

Sorgen bereitet Hans Wenzl die anstehende Ernte von Körnermais. Er hofft, dass im September und Oktober noch Gas für seine 3 Trocknungsanlagen verfügbar ist. Für das neue Anbaujahr agiert der Betriebsleiter vorsichtiger. Ein neu gekaufter Traktor etwa bleibt erst einmal beim Händler in Bayern stehen.

Stickstoffdünger mit 33 Prozent N für aktuell 900 Euro/t und Diesel mit einem Preisanstieg von rund 80 ct auf 1,05 Euro seien aktuell verfügbar, berichtet der Landwirt. Alles sei aber deutlich teurer geworden. Die Flächen wurden in den letzten Jahren aufgedüngt, so Wenzl. In der kommenden Saison will er so weniger Grunddünger streuen. Er hofft wie die ganze Bevölkerung auf ein baldiges Ende der Kämpfe. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch zusammengefasst, bestellbar unter ukrainebuch@gmx.de.

So ergeht es Martin Ritter aus der Rhön in der Ukraine

Martin Ritter aus Ostheim/Rhön bewirtschaftet seit 8 Jahren den nach eigenen Angaben einzigen Naturland-Betrieb des Landes. Er liegt in der westlichen Landeshälfte bei Riwne zwischen Lemberg und Kiew. Dazu gehören rund 5.000 ha Acker und 500 Rinder. Von den 60 Mitarbeitern sind aktuell noch 45 im Betrieb. "Wichtige Mitarbeiter für die Landwirtschaft werden vom Militärdienst freigestellt. Bisher sind bereits 3 Arbeiter des Betriebs gefallen."

Dank ausreichender Niederschläge konnte der 54-Jährige 2022 eine durchschnittliche Ernte einfahren. Als Biobetrieb ist er weniger auf importierte Betriebsmittel angewiesen. Er beobachtet allerdings eine "steigende Unsicherheit im Geschäftsleben". So bestehen etwa Lieferanten von Diesel und Ersatzteilen auf sofortige Barzahlung.

Diese Unsicherheiten belasten die deutschen Agrarunternehmer in der Ukraine

Die Unsicherheit des Gesamtsituation belastet die Agrarunternehmer am meisten, sagt Ritter. Die Milch des Betriebs holt die Molkerei weiter ab und bezahlt sie auch. Die Marktfrüchte Weizen, Raps und Soja vermarktet Ritter über die Naturland-Marktgesellschaft. Der Transport erfolgt ausschließlich über Lkw. „Hier haben sich die Preise verdreifacht“, so Martin Ritter.

Hinzu komme, dass die Wartezeit an der Grenze für den Export 4 bis 5 Tage dauere. Die heimische Währung Griwna habe über 20 Prozent abgewertet. Auch in der Ukraine ist die Inflation deutlich zu spüren. „Konventionelle Betriebe ohne Lagermöglichkeiten bekommen für Weizen aktuell Dumpingpreise von 90 Euro/t geboten.“

Martin Ritter hat in Deutschland mit 5 weiteren Mitstreitern eine Ukraine-Hilfe ins Leben gerufen. Mittlerweile konnte sie über 40 Lkw- Ladungen mit Lebensmitteln und Hilfsgütern auf den Weg in die Kriegsgebiete bringen. Alle hoffen auf ein baldiges Ende des sinnlosen Kriegs.

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