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Mehr Lücken im Pflanzenschutz: Was die Züchtung künftig ausgleicht

Kontrolle von Zuchtpflanzen im Gewächshaus
am Montag, 08.06.2020 - 09:17 (Jetzt kommentieren)

Fallen immer mehr Wirkstoffe im chemischen Pflanzenschutz weg, muss die Pflanzenzüchtung diese Lücken künftig kompensieren. Der Zuchtfortschritt ist da extrem wichtig, sagt Prof. Dr. Frank Ordon, Präsident vom Julius Kühn-Institut.

Ordon-Frank-Prof.

agrarheute: Resistente Sorten sind wichtig für künftige Strategien im Pflanzenschutz. Was kann Pflanzenzüchtung aktuell schon kompensieren, wenn immer mehr Präparate wegfallen?

Prof. Ordon: Züchtung ist nach wie vor ein langwieriger Prozess. Trotzdem gab es bei Resistenzen gegen Pilze und Viren in den vergangenen Jahren bereits erhebliche Erfolge in der Pflanzenzüchtung. Schwieriger gestaltet sich das bei der Resistenz gegen Insekten, da die moderne Züchtung hier noch ziemlich am Anfang steht.

Erste Erfolge bei Resistenzen in der Pflanzenzüchtung

Welche Erfolge meinen Sie bei den Resistenzen?

Ein erster Erfolg sind Weizensorten mit einer Resistenz gegen die Orangerote Weizengallmücke. So ist durch die geeignete Sortenwahl schon eine gewisse Kompensation von wegfallenden Pflanzenschutzmitteln möglich. Als Beispiel sind auch Körnerrapssorten mit Resistenz gegen das Wasserrübenvergilbungsvirus TuYV (Turnip yellows virus) zu nennen. Das ist durch den Wegfall der neonicotinoiden Beizen zum Problem geworden.

Künftig zählen auch Dürretoleranz oder Nährstoffaneignungsvermögen.

Ja, künftig wird die Pflanzenzüchtung mehr neue Zuchtziele zu bearbeiten haben. Dazu zählen Trocken- und Hitzestresstoleranz und Nährstoffnutzungseffizienz, neben kontinuierlich verbesserten Resistenzeigenschaften besonders gegen Insekten. Bis deutliche Verbesserungen erreicht werden, ist es jedoch noch ein langer Weg

Die Pflanzenzüchtung mit modernen Methoden beschleunigen

Wie kommt die Züchtung denn da schneller zu Ergebnissen? Wie lässt sie sich beschleunigen?

Durch Zell- und Gewebekulturtechniken sowie Fortschritte in der Generierung molekularer Marker. Damit ist die Züchtung neuer Sorten in den vergangenen Jahren bereits erheblich schneller geworden. Weitere Möglichkeiten der Effizienzsteigerung liegen beispielsweise in der Genomischen Selektion, die in der Rinderzucht schon seit Jahren erfolgreich genutzt wird. Sie ist wegen der Verfügbarkeit von kostengünstigen Markertechnologien im Hochdurchsatz nun auch in der Pflanzenzüchtung nutzbar.

Sie wird bei Weizen und Mais bereits eingesetzt. Welche neueren Methoden lohnen weiter, um schneller voranzukommen?

Neben Zell- und Gewebekulturtechniken und markergestützter Selektion wird in beiden Kulturen bereits heute die Genomische Selektion weitverbreitet angewendet. Von Weizen und von Mais ist jedoch auch die Sequenz des Genoms bekannt, wobei das Weizengenom circa fünf Mal größer als das menschliche Genom ist. Das wird dazu führen, dass künftig beschleunigt Gene oder genetische Netzwerke identifiziert werden, die der Ausprägung landwirtschaftlich wichtiger Eigenschaften zu Grunde liegen. Sie lassen sich dann gezielt für die Züchtung neuer Sorten nutzen.

Was bringt die Genschere CRISPR/Cas?

Wie geht das dann genau? Ist dazu die Genschere CRISPR/Cas nötig?

Ja, sind die Gene bekannt, könnten sie in Hochleistungssorten mit Hilfe neuer Züchtungstechniken modifiziert werden, zum Beispiel mit der Genschere CRISPR/Cas, die gezielt Mutationen auslöst. Das ermöglichte es etwa, Resistenzeigenschaften zu verbessern, gleichzeitig aber andere gewünschte Leistungsmerkale zu erhalten. Solche Verfahren, die den Züchtungsfortschritt erheblich beschleunigen würden, werden vom Europäischen Gerichtshof jedoch als Gentechnik eingestuft ...

... und sind daher bei uns quasi komplett tabu?

Sie sind in der europäischen Sortenzüchtung jedenfalls praktisch nicht nutzbar - im Gegensatz zum Rest der Welt. CRISPR/Cas würde uns bei steigenden Zahlen isolierter Resistenzgene aber weiterhelfen, durch gezielte Mutationen in angepassten Hochleistungssorten beschleunigt resistente Sorten mit hervorragenden Leistungseigenschaften zu erzeugen. Das würde den Züchtungsfortschritt im Gegensatz zur Nutzung der in genetischen Ressourcen verfügbaren Resistenzen ganz erheblich beschleunigen

Gentechnikrecht überarbeiten und Akzeptanz schaffen

Wie kommt die europäische Züchtungsforschung raus aus diesem Dilemma?

Solange die Genschere als Gentechnik gilt, wird sie sich kaum einsetzen lassen. Grundvoraussetzung ist, das Gentechnikrecht entsprechend zu überarbeiten, wie in einigen EU-Staaten diskutiert. Darauf müssen Demonstrationsprojekte folgen, die den Nutzen dieser Technologie überzeugend deutlich machen. Anschließend ist ein ideologiefreier Umgang damit unerlässlich.

Gen- und Biotechnologie ideologiefrei - das dürfte schwierig werden. Wie lässt sich dafür mehr Akzeptanz erreichen?

Biotechnologische Verfahren, wie Zell- und Gewebekulturtechniken oder molekulare Marker, gelten heute bereits als Routine, während CRISPR/Cas von weiten Teilen der Bevölkerung nicht hinreichend akzeptiert wird. Jedoch ist das nicht mit der allgemeinen Ablehnung der konventionellen Gentechnik vergleichbar. Hier gilt es die Politik entsprechend zu beraten, basierend auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, und die Gesellschaft besser aufzuklären. Geeignete Beispiele müssen den Nutzen demonstrieren.

Mehr Antworten aus dem Interview mit Prof. Frank Ordon lesen Sie in der gedruckten Juni-Ausgabe von agrarheute 6/2020 ab Seite 106.

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