Login
Getreide

Mühlen rechnen mit Aufschlägen für A-Weizen

von , am
25.08.2009

Berlin - Angesichts einer erheblichen Bandbreite der Weizenqualitäten aus der diesjährigen Ernte können die Ackerbauern in Deutschland mit Aufschlägen für proteinreiche Ware rechnen.

© Udo Kroener/Fotolia

Wie der Vorstandsvorsitzende des Verbandes Deutscher Mühlen (VDM), Hans-Christoph Erling, am vergangenen Dienstag vor Pressevertretern in Berlin erklärte, liegt der Proteingehalt bei der diesjährigen Weizenernte im Durchschnitt etwa um ein Prozentpunkt unter dem Niveau des Vorjahres.

Das werde dazu führen, dass man für Qualitätsweizen Aufschläge bezahlen müsse. Das sei auch im Interesse der Mühlen, damit auch in Zukunft der Anbau von hochwertigem Getreide gewährleistet sei. Erling stuft die Qualität der diesjährigen Weizenernte insgesamt geringer ein als im Vorjahr; je nach Region seien aber erhebliche Unterschiede festzustellen. Bei den Proteingehalten gebe es eine Streuung von 11 Prozent bis 15 Prozent. Anders sieht es beim Roggen aus, der laut VDM vielfach von idealen Wachstumsbedingungen profitierte und gute Kornfüllungen aufweist.

Das Getreideaufkommen veranschlagt der VDM insgesamt auf 48 Millionen Tonnen bis 50 Millionen Tonnen. Für die Verbraucher erwartet Erling im Zuge der wieder gesunkenen Getreidepreise gegen Jahresende niedrigere Mehlpreise im Einzelhandel. Dies begründete er mit auslaufenden längerfristigen Verträgen zwischen Mühlen und Einzelhandel. Die Verbraucher dürften rechtzeitig zur Weihnachtsbäckerei von sinkenden Mehlpreisen profitieren.

Vermahlung erstmals seit Jahrzehnten rückläufig

Erstmals seit Jahrzehnten hatten die Mühlen in Deutschland im vergangenen Wirtschaftsjahr weniger Getreide zu mahlen. Die Jahresvermahlung verringerte sich laut VDM-Angaben um 230.000 Tonnen oder rund drei Prozent auf 7,5 Millionen Tonnen Aus 6,6 Millionen Tonnen Weichweizen und 900.000 Tonnen Roggen wurden insgesamt 6,2 Millionen Tonnen Mehl hergestellt. Den Rückgang erklärt VDM-Hauptgeschäftsführer Manfred Weizbauer unter anderem mit einem im Zuge der Weltwirtschaftskrise etwas schleppenderen Verlauf der Dauerback- und Süßwarenexporte nach Asien wie auch mit einem möglicherweise geringeren Alt- und Restbrotaufkommen in den Bäckereien. So haben die deutschen Mühlen nach den großen Preisschwankungen der vergangenen Kampagnen kein einfaches Jahr hinter sich. Ihr Umsatz sank dem VDM zufolge im Getreidewirtschaftsjahr 2008/09 auf 1,8 Milliarden Euro, nach 2,2 Milliarden Euro im Vorjahr. Erling führte dies in erster Linie auf die gesunkenen Rohstoffkosten zurück. Diese machten immerhin 80 Prozent der Kosten bei den Mühlen aus.

Große regionale Streuung bei Qualitätsweizen

Zwar rechnet der VDM-Vorstandsvorsitzende auch künftig mit einem Strukturwandel in der Mühlenwirtschaft, wenn etwa Betreiber kleiner Anlagen vor hohen staatlichen Auflagen kapitulieren oder Nachfolger im Unternehmen fehlen. Er geht aber gleichzeitig davon aus, dass das Mühlengeschäft regional geprägt bleibt, schon allein durch die hohen Logistikkosten beim Mehltransport. Diese Transportkosten seien inzwischen höher als die Vermahlungskosten, erläuterte Erling. Durchaus erfolgreich waren die Mühlen im vergangenen Wirtschaftsjahr im Exportgeschäft; hier konnten 540.000 Tonnen Mehl abgesetzt werden. Dabei war Erling zufolge Nordafrika ein wichtiger Abnehmer.

Warnung vor Verbrauchsrückgang

Was die variierende Getreidequalität in der Verarbeitung angeht, so sorgen die Mühlen laut Erling auch in diesem Jahr dafür, dass Großabnehmer und Endverbraucher von den Schwankungen nichts merken. Aus der neuen Ernte würden durch ein ausgeklügeltes Know-how Produkte mit den gewohnten Backeigenschaften und der gewünschten Qualität hergestellt. Wie Dr. Heiko Zentgraf von der Vereinigung Getreide-, Markt- und Ernährungsforschung (GMF) erklärte, betrug der Backwarenverbrauch der Deutschen im vergangenen Jahr 84,2 kg; das waren 400 g weniger als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig wurde damit aber das langjährige Mittel von 83,4 kg übertroffen.

Pro-Kopf-Verbrauch an Backwaren auf 84,2 Kilogramm veranschlagt

Als einen "Wellnessfaktor" und wesentlichen Beitrag zur bedarfsgerechten Nährstoffversorgung bezeichnete Zentgraf die Ballaststoffe. Alle Typenmehle aus deutschen Mühlen enthielten mindestens 3 g Ballaststoffe pro 100 g und gelten deshalb nach EU-Richtlinien als Ballaststoffquelle. Dies sei einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Getreideprodukte in Deutschland und international auf den Positivlisten der Ernährungswissenschaftler stünden. Die empfohlene Verzehrsmenge für Getreideprodukte beziehungsweise Mahlerzeugnisse liege im Mittel bei 250 g pro Kopf und Tag. "Die für Obst und Gemüse geltende Empfehlung '5 am Tag' sollte auch für Getreideprodukte gelten", sagte Zentgraf und warnte vor diesem Hintergrund vor einem weiteren Rückgang des Verbrauchs an Brot und Brötchen.

Verband macht nach CMA-Aus mehr PR

Nach dem Aus der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) weitet der VDM nun seine Öffentlichkeitsarbeit aus und will zudem im Sinne der Absatzförderung für mehr Zusammenhalt in der Getreidekette sorgen. "Wir wollen unsere PR-Aktivitäten verstärken, und zwar hoffentlich in der gesamten Getreidekette vom Züchter bis zum Bäcker", betonte Hauptgeschäftsführer Weizbauer, dessen Verband vor dem Bundesverfassungsgericht zu den Klägern gehört hatte, die durch das Karlsruher Urteil das Absatzfondsgesetz zu Fall gebracht hatten.

Alle unter ein Dach bekommen

Seinen erfolgreichen Widerstand gegen dieses Gesetz begründete Weizbauer unter anderem damit, dass bei der CMA die "grüne Front" der Landwirtschaft immer die Mehrheit gehabt habe und man deswegen nicht über die Mittel habe bestimmen können. Man sei für die Zukunft nun gerade dabei, für die Absatzförderung etwas auf die Beine zu stellen. Dr. Zentgraf von der GMF werde versuchen, "alle unter ein Dach zu bekommen", sagte Weizbauer zu den Anstrengungen, die Getreidekette für ein gemeinsames Projekt zu gewinnen. Es gebe erste positive Signale. Ende des Jahres werde man Klarheit haben. Unabhängig davon habe der VDM seinen Etat für die Öffentlichkeitsarbeit gegenüber 2008 etwa verdoppelt. (AgE)

Auch interessant