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Umweltorganisationen

„Pestizidatlas": Das sind die gröbsten Fehler in der Meinungsmache

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am Donnerstag, 13.01.2022 - 13:34 (Jetzt kommentieren)

Gestern haben drei Umweltorganisationen ihren „Pestizidatlas“ vorgestellt: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Böll-Stiftung und das Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN) hantieren teilweise mit fragwürdigen Zahlen. Laut Kritikern betreiben sie eine „Kampagne gegen Pflanzenschutz“.

Die drei Nichtregierungsoragnisationen (NGO) fallen dabei "zurück in alte Reflexe." In der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) waren die Organisationen bei der Debatte zur Transformation des Agrarsektors und der Reduktion im Pflanzenschutz schon deutlich weiter.

Das sagt der Industrieverband Agrar (IVA) zum „Pestizidatlas“

Laut Industrieverband Agrar (IVA) konstruieren die Autoren "aus altbekannten Vorwürfen und teils fragwürdigen Zahlenspielen ein Zerrbild“. Auf die Frage, wie die Zielkonflikte von Ökologie und Ernährungssicherung zu lösen sind, finden sie keine Antworten.

Die Kampagne wirke „aus der Zeit gefallen“. Während sich in der ZKL 2021 viele Agrar- und Umweltverbände konstruktiv über Perspektiven, nachhaltigen Einsatz und Wege zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln ausgetauscht hatten, reiße der „Pestizidatlas“ alte Gräben wieder auf.

„Und er tut es mit teils unlauteren Mitteln“, sagt IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer. Das sei „schade“, denn die Debatte sei „schon viel weiter, offener und ehrlicher“ gewesen.

Diese Zahlen zu Vergiftungen und Erkrankungen sind fraglich

Behauptet werde etwa, 385 Mio. Menschen erkrankten jährlich an Pestizidvergiftungen. Statistisch würde also etwa jeder 20. Mensch global einmal im Jahr erkranken. Basis dafür sei eine einzige Schätzung, die selbst erstellt und nicht wissenschaftlich geprüft sei.

So definierten die Autoren gar nicht erst, was eine Pestizidvergiftung sei. Gemmer: „Sie halten bei der Datenermittlung Exposition und Vergiftung nicht sauber auseinander und blähen damit die Gesamtzahl künstlich auf." Wie wenig das mit der Realität zu tun habe, zeigten Zahlen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

In einer aktuellen deutschen Pilotstudie bezögen sich gerade einmal 1,4 Prozent aller in der Studie ausgewerteten Vergiftungsmeldungen überhaupt auf Kontakte mit den Mitteln. Davon wiederum seien nur 17,5 Prozent Pflanzenschutzmittel. "Die meisten Verletzungen waren Augenkontakte mit Desinfektionsmitteln, die als Biozide zur Produktgruppe gerechnet werden.“

Der Absatz an Pflanzenschutzmitteln, die auf’s Feld kommen, nimmt ab

Laut Frank Gemmer machen die Autoren auch an anderer Stelle passend, was nicht passt. So heiße es, seit Jahrzehnten liege der Verkauf von Wirkstoffen in Deutschland weitgehend unverändert hoch bei circa 30 .000 t“. Auch das stimmt allenfalls zur Hälfte.

Zwar bewegte sich der gemeldete Absatz an Präparaten lange zwischen 30.000 bis 35.000 t jährlich. Seit 2017 mit 34.583 t sei der Absatz aber zurückgegangen auf zuletzt 27.813 t. Gemmer: „Auch die zuletzt stark rückläufigen Umsätze der Industrie bestätigen diesen Trend.“

Die Risiken sind mit der Zahl der Präparate und Wirkstoffe nicht gewichtet

Da es sich bei den Wirkstoffen um knapp 300 verschiedene Substanzen handele, reiche es überdies nicht aus, allein auf die Mengen zu schauen. Aussagekräftiger noch sei der EU-einheitlich erhobene Harmonisierte Risikoindikator 1 (HRI 1), der die Wirkstoffe nach ihrem Risikopotenzial gewichtet.

Seit 2012 sei dieser Indikator in Deutschland um etwa ein Drittel zurückgegangen. Das spreche dafür, dass die Reduktionsprogramme in Deutschland bereits auf einem guten Weg sind.

Hier machen Sie sich ein eigenes Bild und laden den "Pestizidatlas" herunter

Das bemängelt die österreichische Industriegruppe Pflanzenschutz

Auch die österreichische Industrie-Gruppe Pflanzenschutz (IGP) kritisiert den „Pestizidatlas“: Er beinhalte „zahlreiche Fehler, methodische Mängel sowie Zahlen- und Wortspielereien“. Damit kehre die Nichtregierungsorganisation (NGO) vielmehr zum Instrument der Panikmache zurück. „Das ist der durchschaubare Versuch, den lösungsorientierten Dialog zwischen Industrie, Landwirtschaft und Politik zu unterminieren und einen Keil in die Landwirtschaft zu treiben“, sagt IGP-Obmann Christian Stockmar. Er sieht folgende Mängel und Fehler im „Pestizidatlas“:

  • Darin werde behauptet, 2020 seien in Österreich 13.395 t ausgebracht worden. Das sei schon insofern falsch, da auch inerte Gase erfasst würden, die nicht ausgebracht, sondern in der Lagerhaltung eingesetzt würden.
  • Weiter unterscheide der Atlas oft nicht zwischen Produkt und Wirkstoff. So werde suggeriert, dass in der Biolandwirtschaft keine Pflanzenschutzmittel genutzt würden und die biologischen Mittel würden ausgespart. Tatsächlich sinke laut ‚Grünem Bericht 2021‘ der Einsatz chemisch-synthetischer Wirkstoffe im langjährigen Vergleich, während die Mengen bei inerten Gasen und biologischen Wirkstoffen steigen. Das sei mit dem steigenden Bioanteil bei und der vermehrten Aufnahme von Bio-Mitteln in integrierte Spritzpläne erklärbar.
  • Zudem landeten nicht 44,7 Prozent mehr Pflanzenschutzmittel auf den Äckern. Die im Lager eingesetzten inerten Gase wurden erstmals 2016 statistisch erfasst und neu aufgenommen. Sie umfassen knapp 40 Prozent der in Verkehr gebrachten Wirkstoffmenge.
  • Grundsätzlich lege auch der Beitrag im Ö1-Morgenjournal vom 12. Januar 2022 offen, dass es dem Pestizidatlas „an grundlegendem Wissen über die Landwirtschaft mangele“. Unkräuter und Schädlinge seien weder in der biologischen noch in der integrierten Bewirtschaftung erwünscht. Daher werden in beiden Bewirtschaftungsformen Pflanzenschutzmittel genutzt.

„Wir brauchen Pflanzenschutzmittel, um Qualitäten und Ernten absichern zu können“, sagt auch DBV-Präsident Joachim Rukwied.

Mit Material von IVA, IGP, BVL, BfR, DBV
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