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Reduktionsziele Pflanzenschutzmittel

Plan zum Pflanzenschutzverbot in Schutzgebieten: Das sagen Betroffene

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am Donnerstag, 18.08.2022 - 06:30 (3 Kommentare)

Die EU-Pläne zum Verbot von Pflanzenschutzmitteln in ökologisch sensiblen Gebieten macht Betroffene wütend. Lesen Sie hier einzelne Kommentare vor allem von Landwirten aus der öffentlichen Konsultation, die eine Beteiligung eigens vorsieht und noch bis 19. September läuft.

Etliche Berufskollegen sind erstaunt und schockiert über das Ansinnen der EU, den Pflanzenschutz künftig drastisch zu reduzieren. So schreibt etwa Dr. Ralf Schaab vom Hof Erbenheim in Wiesbaden: „Pflanzen müssen wir behandeln, um diese gesund zu erhalten, mit den entsprechenden Methoden, mit Fachwissen und unter wissenschaftlichen Aspekten. Hier haben die Profis im Laufe der Jahrzehnte viel Fachwissen und Erfahrung angesammelt.“

Und weiter: Das "wegen grünem Dogmatismus zu riskieren, heißt eine unverantwortliche Nahrungsmittelreduzierung zu provozieren. Eine Verknappung, die schnell zu Engpässen und weiterem Hunger auf der Welt führen kann.“ Er fordert die Politiker auf: „Bitte stimmen Sie jegliche Änderung mit den Fachgremien der Universitäten und Forschungsanstalten ab. Und bitte reduzieren sie die unsägliche Flut von Verordnungen für die Landwirtschaft! Das ist alles nicht mehr zu leisten.

Landschaftsschutzgebiete vom Totalverbot ausnehmen

Jörg Kuhmann beispielsweise meint: "Der Vorschlag, Pflanzenschutzmittel pauschal um 50 Prozent und in Schutzgebieten komplett zu verbieten, ist in keinster Weise aufgrund fachlicher und wissenschaftlicher Grundlagen entstanden, sondern ist eine populistische Forderung, die einer EU- Behörde nicht würdig ist." Er selbst führe einen Weinbaubetrieb und betreibe "konventionellen Anbau nach den Grundlagen des integrierten Anbaus".

Ein weiterer Betroffener schreibt anonym: „Landschaftsschutzgebiete müssen von der Regelung ausgenommen werden. Uns wurde damals versprochen, dass das keine negativen Auswirkungen auf uns Landwirte haben wird. Bleibt es dabei würde fast die Hälfte von Deutschland keine oder kaum noch Nahrungsmittel auf den Flächen erzeugen können. Wird das durchgesetzt, verkaufe ich meine Flächen an den Chinesen!“

Erträge und Versorgung leiden, Zwangsökologisierung gleich Enteignung

Ein anderer Kommentator gibt zu Protokoll: „Die Einschränkung von Pflanzenschutzmittel (PSM) hat unweigerlich zur Folge, dass die Erträge zurück gehen und die Versorgungssicherheit weiter leiden wird. Des Weiteren erscheint der Vorschlag eher wie ein Versuch der Zwangsökologisierung, was eher eine Enteignung gleich kommt.

Weiter ist in einer Zuschrift zu lesen: „Die EU manövriert sich ins Abseits, egal ob in der Agrarwirtschaft, der Industrie oder bei internationalen Vereinbarungen. Die europäische Wohlstandsgesellschaft hat schon lange keine Ernährungskrisen mehr erlebt und kann sein Gewissen als Weltretter beruhigen. Die meisten Politiker, die diesen Unsinn beschließen, sind sich der Folgen meistens im Detail nicht bewusst und agieren nur so, um von den Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) nicht angreifbar zu sein, denn deren Kampanien sind vernichtend. Andere Weltregionen lachen sich kaputt, wenn sich die EU laufend ins eigene Bein schießt.“

Pflanzenschutzmittelverbot in Schutzgebieten nicht in Drittstaaten gültig

Weiter ist zum Beispiel folgende Meinng zu lesen: „Die komplette Verordnung ist eine Schande für die europäische Demokratie. Die gesamte Verordnung ist überflüssig und sinnlos. Denn die Verordnung gilt nur für die EU und nicht für Nicht-EU-Staaten, welche weiter Ihre Nahrungsmittel mit Pflanzenschutzmitteln behandeln dürfen, welche dann in die EU importiert werden."

Und weiter: „Das Vorhaben zur Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln ist in seiner pauschalen Vorgehensweise nicht zielführend. Die Fortschritte in der Landwirtschaft bei der Verringerung der Einsatzmengen und der Giftigkeit werden nicht anerkannt. Zur Aufrechterhaltung einer nachhaltigen und produktiven Lebensmittelerzeugung sind Pflanzenschutzmittel unerlässlich.“

In Wasserschutzgebieten zählen Kooperation, nicht Ordnungsrecht

Hubertus von Daniels schreibt: „Unsere Betriebsgemeinschaft wirtschaftet mit einer vielseitigen Fruchtfolge im Wasserschutzgebiet. Unter anderem fördern wir damit die Biodiversität. Seit über 40 Jahren besteht eine kooperative Zusammenarbeit mit der Wasserwirtschaft, um hochwertiges Trinkwasser zu gewährleisten. Die bei Rückstandsproben gemessenen Gehalte liegen weit unterhalb der Grenzwerte für Nitrat und Pestizide.“

„In der großflächig bemessenen Schutzzone II (75 ha in unserem Betrieb) ist keinerlei organische Düngung zugelassen, um jegliche bakterielle Belastung des Wassers auszuschließen. Damit verbietet sich eine Umstellung auf ökologischen Anbau, wie ihn die Initiatoren der Verordnung favorisieren. Wir sind deshalb auf eine ausreichend große Palette von Pflanzenschutzmitteln angewiesen und befürworten deren nachhaltige Verwendung.“

Weiter schreibt der Landwirt: „Eine pauschale Reduktion auf die Hälfte beziehungsweise ein komplettes Verbot in Schutzgebieten wäre weder zielgerichtet noch sachgerecht. Alle vier Betriebe unserer Gemeinschaft (540 ha) liegen komplett im Landschaftsschutzgebiet, das vor über 30 Jahren zur Sicherung einer existenzfähigen Landwirtschaft und ihrer ländlichen Wirtschafts- und Sozialstruktur ausgewiesen wurde. Ein Verbot jeglichen Pflanzenschutzes wäre mit massiven Einkommens- und Vermögensverlusten verbunden.“

Das Verbot von Pflanzenschutzmitteln käme einer Enteignung gleich

„Im Wasserschutzgebiet", so von Daniels weiter, „käme der Plan einer Enteignung gleich, weil wegen des Verbots der organischen Düngung keine Landwirtschaft mehr möglich wäre. Aber auch außerhalb von Schutzgebieten würde die beabsichtigte pauschale Reduktion des Pflanzenschutzes gerade angesichts des Klimawandels zu vermehrten phytosanitären Problemen mit verringerten Erträgen führen."

Selbst die EU-Kommission unterstellt Ertragseinbußen im Einführungstext zu ihrem Verordnungsvorschlag und erwartet stattdessen den Ausgleich fehlender Nahrungsgüter durch Importe aus außereuropäischen Ländern. Diese künstliche Verknappung auf einem agrarischen Gunststandort mit sehr hohen Umweltstandards wird die globale Umweltbilanz der Nahrungserzeugung verschlechtern und ist nicht zuletzt angesichts derzeitigen weltweiten Inflations- und Ernährungskrise geradezu unverantwortlich.

Vermeintlich "schmutzige" Produktion werde ins Ausland verlagert

Friedrich Feizelmeier aus Wels in Österreich meint: „Mit der beabsichtigten Reduktion von Pestiziden ist die Sicherheit der Versorgung mit Lebensmitteln nicht mehr gewährleistet. Ein großer Teil von Pestiziden wird auch im Biolandbau verwendet von den Riesenmengen an Kupfer einmal abgesehen. Man hat das Gefühl, dass einfach mit Gewalt durch solche Auflagen die Nahrungsmittelproduktion in der EU zerstört werden soll. Bei Importen drückt man alle Augen zu. Der Entwurf ist abzulehnen.“

Der Ansicht ist auch Matthias Ernst. Er schreibt: Der Entwurf „gefährdet nicht nur die europäische Landwirtschaft, sondern ganz massiv auch die Ernährungssicherheit und Selbstversorgung der europäischen Bevölkerung. Wie schon in der Vergangenheit in der Industrie, wird vermeintlich "schmutzige" Produktion aufgrund von Auflagen ins Ausland verlagert. Das Ergebnis ist eine auf dem Papier saubere EU, die vor der Verschmutzung des Rests der Welt die Augen schließt."

"Des Weiteren wäre auch hier Europa massiv von Importen abhängig und würde sich somit in die Hände von Herrschern begeben, denen unser Weltbild einer freien und offenen Kultur völlig fremd ist. Trotz des aktuellen Wohlstands in weiten Teilen der EU, muss der sichere Zugang zu gesunden Lebensmitteln in ausreichender Menge stets oberstes Ziel der Politik sein. Alles andere wäre absolut verantwortungslos."

Hohe wirtschaftliche Schäden ohne sichere Zukunft befürchtet

Sven Schmitt von der Lothar & Sven Schmitt GbR, einem Familienbetrieb mit Schwerpunkt Obstbau in Mainz-Finthen mit circa 100 ha, schreibt: „Die Region Mainz ist einzigartig in ihrer Kulturlandschaft, neben Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln, wachsen hier auch Spargel, Kernobst, Steinobst, Beerenobst und Wein. Die Artenvielfalt in den Obstanlagen ist um ein vielfaches höher als zum Beispiel in den Ausgleichflächen des Landes.“

Schmitt: „10 ha vom unserem Betrieb liegen im Naturschutzgebiet 'Höllenberg', weitere 30 ha im Vogelschutzgebiet 'Roter Weg/Berggewann'. Wir sind also mit 40 Prozent der Flächen betroffen. Für unseren Betrieb würde das massive wirtschaftliche Schäden mit sich bringen und eine sichere Zukunft wäre nicht mehr gegeben.“

Weiter meint er: „Generelle Verbote sind nicht die Lösung. So würden in den nächsten Jahren die rund 600 ha Obstbau in Rheinland-Pfalz verschwinden. Und mit ihnen die Artenvielfalt dieser Flächen. Beschränken Sie bitte die Verbote auf die Getreide-Kulturen. Nur so kann der Obst - und Gemüsebau in der EU bestehen und wir können uns wenigsten zu 40 Prozent selbst mit Obst und Gemüse versorgen." Gerade jetzt in Zeiten von Krieg und Pandemie sei das wichtig.

Fragwürdige Umweltstandards, immenser Aufwand für Transport und Logistik

Martin Krist schreibt: „Ein einziges Gesetz würde das, was in über 30 Jahren aufgebaut und immer wieder an die politischen und wirtschaftlichen Zwänge angepasst wurde, endgültig vernichten. Volkswirtschaftlich gesehen gefährdet dieses Vorhaben die Versorgungssicherheit mit regional und nachhaltig produzierten Lebensmitten massiv, zwingt in Abhängigkeit von Importen aus Ländern mit Produktion unter definitiv fragwürdigen Umwelt- und Sozialstandards und erfordert immensen Aufwand für Transport und Logistik“.

Krist: „Es muss weiterhin möglich bleiben, auch in Schutzgebieten mit Pflanzenschutz und Düngung nachhaltigen Ackerbau zu betreiben und die Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu sichern. Entwicklungsziel von Praxis, Wissenschaft und Politik muss eine weitere Optimierung des Einsatzes von Pflanzenschutz und Düngung und parallel die Förderung der Biodiversität und des Umweltschutzes sein." Moderne Hilfsmittel, Expertise und vor allem Motivation dazu seien in der heimischen Landwirtschaft hinreichend vorhanden.

Sinnvolle Kreisläufe würden gestört: Stirbt der Bauer, stirbt das Land

Rüdiger Schulz, der einen Pferdezucht-Betrieb mit Ackerbau im Vogelschutzgebiet bewirtschaftet, schreibt: „Zu den besonders betroffenen Kulturen gehört neben Raps, auch das Getreide. Somit entfällt sowohl die Futtergrundlage als auch die sinnvolle Verwertung der anfallenden Wirtschaftsdünger, Kreisläufe werden gestört. Es entsteht ein Gefühl der Ohnmacht, wenn man so um seine Existenzgrundlage gebracht wird.“

Und weiter: „Pflanzenschutzmittel führen zu vitalen Pflanzen und somit auch zu gesunden Tieren. Dabei ist meine Produktion wichtig zur Bekämpfung des Hungers auf der Welt. Ich muss nicht für den Weltmarkt produzieren,- aber der Weltmarkt sollte auch nicht meine Produkte ersetzen müssen, weil ich nur noch begrenzt effizient arbeiten darf.“

Schulz: „Ich denke aber auch nicht in Wahlperioden, sondern in Generationen. Somit ist eine zukunftsfähige Umwelt in meinem ureigensten Interesse. Die Pflege der Kulturlandschaft und auch die durch Ackerbau- und Viehzucht geförderte Biodiversität werden durch politischen Aktionismus gefährdet.“ Sein Resumee: "Stirbt der Bauer, stirbt das Land."

Mit Material von ec.europa.eu
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