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Selbstversorgung bei Nahrung: So stark sind wir von Importen abhängig

AF_Gemüse
am Donnerstag, 07.05.2020 - 09:26 (2 Kommentare)

In Corona-Zeiten schätzen die Verbraucher den Wert heimischer Nahrungsmittel höher. Doch wieviel wird wovon bei uns erzeugt? Was passiert, wenn Dürren die Erträge senken oder der Bioanteil wächst? Eine Studie zeigt, wo die Selbstversorgungsgrade liegen und wie sie sich ändern könnten.

Bei Ölsaaten wie Raps, vor allem aber bei den meisten Obst- und Gemüsearten ist Deutschland schon heute zu einem großen Teil auf Importe angewiesen. Mehr als jeder zweite Apfel etwa stammt aus dem Ausland.

Diese Importabhängigkeit steigt an, wenn in schlechten Jahren die Erträge sinken. Oder „wenn durch die politisch gewollte Ausweitung des Ökoanbaus die inländische Erntemenge zurückgeht“, meint der Industrieverband Agrar (IVA). Der hat dazu Berechnungen vorgelegt.

Zwei Szenarien durchgerechnet

Diese Berechnungen zum Selbstversorgungsgrad bei Acker- und Sonderkulturen vergleichen die Durchschnittserträge der vergangenen drei Wirtschaftsjahre mit zwei Szenarien:

  • mit dem Niveau der historisch schlechtesten Ernten seit 1990,
  • mit einer Ausweitung des Ökolandbaus auf 40 Prozent der Anbaufläche. Dieser Zielwert wird grade in einem aktuellen Gesetzentwurf in Baden-Württemberg diskutiert.

Das IVA-Papier zum Selbstversorgungsgrad finden Sie hier.

Ackerfrüchte top, Gemüse und Obst flop?

Nur bei Weizen, Gerste, Kartoffeln und Zuckerrüben ist Deutschland aktuell Selbstversorger. Von diesen Nutzpflanzen erzeugen die heimischen Anbauer in normalen Jahren mehr, als im Inland verbraucht wird.

Der Selbstversorgungsgrad (SVG) sinkt in sehr schlechten Erntejahren, etwa bei extremer Dürre. Bei Weizen und Gerste wäre es aber selbst bei stark geschrumpfter Ernte noch möglich, uns aus heimischem Anbau voll zu versorgen. Dasselbe gilt etwa für Kartoffeln und Rüben.

Bei etlichen Gemüsearten aber, von denen schon gegenwärtig ein nennenswerter Anteil im Inland produziert wird, etwa Möhren (SVG: 70 Prozent) oder Zwiebeln (SVG: 63 Prozent), stiege der Importanteil in schlechten Jahren jedoch deutlich auf rund die Hälfte.

Verletztliche Ernährungspolitik

Corona schärft den Blick dafür, wie verletzlich eine Ernährungspolitik ist, die sich allein auf den Weltmarkt verlässt. „Wir sind angewiesen auf eine solide Grundversorgung durch eine leistungsfähige Landwirtschaft im eigenen Land. Diese benötigt Logistik, den Agrarhandel vor Ort und den verlässlichen Zugang zu einer möglichst breiten und effektiven Palette von Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmitteln“, so der IVA.

Von einem internationalen Handel mit Agrargütern profitierten alle, und für Deutschland sei es nicht erstrebenswert, bei allen Produkten autark sein zu wollen. „Aber auch wir haben eine Verpflichtung, mit unserer heimischen Produktion einen Beitrag zum Angebot zu leisten“, so der Verband weiter.

Was bei mehr Ökolandbau passieren kann

Die zweite Szenario-Rechnung ermittelt, wie sich 40 Prozent Bio-Anteil auf den Selbstversorgungsgrad auswirken könnte. Sie verwendet Daten aus dem Infoportal des Ökolandbaus. Mit Weizen und Gerste könnte sich Deutschland demnach kaum noch selbst versorgen. Bei Kartoffeln würde das Angebot weiter ausreichen. Auch bei den meisten Gemüsekulturen wären die Folgen laut IVA weniger erheblich.

Komme es jedoch nach einer Ausweitung des Bio-Anteils auf 40 Prozent zu Ernteausfällen wie in den schlechtesten Jahren seit 1990, etwa durch Dürre oder Nässe, so wäre Deutschland nach den IVA-Zahlen "absehbar bei keiner wichtigen Anbaukultur mehr Selbstversorger". Lebensmittel müssten aus dem Ausland zugekauft werden.

Mit Material von IVA
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