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Kommentar

Weniger Pflanzenschutz: Eine Debatte mit vollem Bauch

Abreißende Warenströme zeigen, welche Auswirkungen die Produktion im globalen Norden auf benachteiligte Gebiete der Erde hat.
am Sonntag, 01.01.2023 - 05:52 (10 Kommentare)

Blockierte Handelswege, Bekämpfung von Hunger, gesellschaftliche Kritik am Pflanzenschutz: Dürfen wir uns weniger Produktivität überhaupt erlauben? Und was hat versprühte RNA damit zu tun? Ein Kommentar von agrarheute-Redakteur Klaus Strotmann.

Mit vollem Bauch über den Hunger anderer zu debattieren, hinterlässt einen schalen Geschmack.

Aber die Diskussion ist wichtig, weil unser Tun oder Nichttun globale Auswirkungen hat – ob wir es wollen oder nicht. Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie sich abgerissene Nahrungsströme in Afrika auswirken.

Die Krux: mehr von weniger Fläche holen

agrarheute-Pflazenbauredakteur Klaus Strotmann

Immerhin, die Quote hungernder Menschen ist seit 1960 von weltweit 34 Prozent auf heute 9 Prozent zurückgegangen.

Das Ziel ist „zero hunger“, also eine ausreichende Ernährung aller Menschen bis 2030. Dafür sind bis 2050 zwischen 60 und 100 Prozent Produktionszuwachs nötig.

Zeitgleich sinkt mit jedem zusätzlichen Erdenbürger aber die pro Kopf zur Verfügung stehende Bewirtschaftungsfläche – 1970 waren es 0,38 ha, 2050 werden es 0,15 ha sein.

Können wir es uns da leisten, unsere Produktivität zurückzufahren? Ein Baustein gegen das Hungerproblem will der genveränderte Golden Rice sein.

Pflanzenschutz verhindert 30 Prozent Ertragsverlust

Ein Baustein in der Ernährungssicherung ist der Pflanzenschutz. Hier stehen wir mitten in einer Zeitenwende, wie sie Prof. Andreas von Tiedemann von der Universität Göttingen beschreibt.

Global verhindern Pflanzenschutzmittel rund 30 Prozent Ertragsverluste, die ohne sie zwangsläufig wären. Mit 30 Prozent weniger Produktion würde die Hungerrate von 9 auf 37 Prozent hochschnellen.

Invasive Arten wie Maiswurzelbohrer oder Kirschessigfruchtfliege, veränderte Virulenzen wie beim Gelbrost oder durch Klimawandel verstärkte Erreger wie Ramularia in der Gerste und Cercospora in Rüben lassen sich nicht wegdiskutieren.

Nützlinge sind nicht verschwunden – Schädlinge aber auch nicht

Führen Pflanzenschutzmittel zu Artenverlusten? Am Beispiel von Raps zeigen Studien, dass weder Schädlinge noch Nützlinge über die letzten 25 Jahre verschwunden sind – viel stärker sind die Effekte etwa durch Trockenheit.

Nach Jahrzehnten gezielten chemischen Pflanzenschutzes sei kein einziger Schaderreger, weder pilzlich, noch tierisch, noch Unkraut, ausgerottet worden, sagt Prof. von Tiedemann.

Er hält es deshalb für unplausibel, dass Pflanzenschutzmittel für Biodiversitätsverluste in der Agrarlandschaft verantwortlich sein sollen. Eine Reduktion des Einsatzes sei daher der falsche Hebel, um die gewünschten Effekte zu erreichen und Biodiversitätsverluste zu vermeiden.

Wie Fungizide versprühen: Gene mit RNA stummschalten

Es lohnt sich, einen Blick in die Labors der Agrarforschung zu werfen. Genstummschaltung ist das Zauberwort: Kurze RNA-Abschnitte lassen sich wie ein Fungizid versprühen und stören ohne Gentechnik die Funktion in der Zelle der Zielorganismen wie Viren, Krautfäule oder Blattläusen.

Mit solchen Verfahren dreht sich die Zeitenwende für mich in die richtige Richtung.

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