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Podiumsdiskussion

Zwischenbilanz Düngeverordnung: Bald ein Drittel Betriebe weniger?

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Karl Bockholt, agrarheute
am
05.12.2018

Die Instrumente der Düngeverordnung reichen, sagen die einen. Mehr Wasserschutz wird damit nicht erreicht, klagen die anderen. Dritte warnen vor einem drastischen Strukturwandel.

In einer ersten Zwischenbilanz nach anderthalb Jahren Düngeverordnung (DüV) zieht Uwe Bartels, ehemaliger niedersächsischer Landwirtschaftsminister und Vorsitzender vom Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland, ein gemischtes Fazit. Der Verein hat dazu mit dem Kreislandvolkverband Vechta eine Podiumsdiskussion veranstaltet.

Netzwerk zu Wirtschaftsdüngern fördern

Auf der einen Seite sieht Bartels seinen „Masterplan für eine nachhaltige Nährstoff-kreislaufwirtschaft in Niedersachsen“ auf einem guten Weg. Der Plan steht seit drei Jahren. Darin leisten wichtige Akteure der Region einen konzeptionellen Beitrag zum Thema und fordern mehr Zusammenarbeit aller. Um die „Ressourcen-Revolution“ zu organisieren, seien Fördermittel nötig etwa für

  • Schnellbestimmungsverfahren, um die Nährstoffgehalte in Gülle exakt zu bestimmen,
  • Nmin-Untersuchungen zur besseren Düngeplanung im Frühjahr,
  • Emissionsarme Ausbringtechniken,
  • Moderne Technologien zu Aufbereitung von Gülle und Gärresten,
  • den Bau von Güllesilos, auch Gemeinschaftsbehältern, wobei ein landesweites Programm bereits anläuft,
  • Praktiker-Netzwerke zu Wirtschaftsdüngern, wobei dafür 2019 Haushaltsmittel eingestellt sind.

Düngeverordnung nicht weiter verschärfen

Auf der anderen Seite fehle bei vielen Punkten noch der Durchbruch, sagt Bartels. Er hält weitere Verschärfungen bei der DüV aber nicht für erforderlich. „Ein Draufsatteln ist definitiv nicht nötig“, so der ehemalige Minister. Allerdings gibt er zu, dass das Risiko der Klimaänderung besser berücksichtigt werden müsse. Bartels: „Auch darauf müssen wir uns noch mehr konzentrieren.“

Wenn im März 2019 der 6. Nährstoffbericht Niedersachsen präsentiert wird, rechnet Bartels mit heftigen Reaktionen, die nach Verschärfung der DüV schreien. Auf jeden Fall seien dann zumindest die Zahlen zum Gülleexport höher.

Die Nährstoffabgaben aus der Region Weser-Ems in andere Gegenden stiegen in fünf Jahren zuletzt von rund 1,78 Mio. t auf 3 Mio. t. Allerdings steige der Überschuss mit der DüV deutlich, so dass zusätzliche Mengen raus müssten. Gerechnet werde mit bis zu 1,4 Mio. t zusätzlich, die in Ackerbauregionen transportiert werden müssten.

Künftig ein Drittel weniger Betriebe?

Ludger Feldhaus von der Nährstoffverwertung Oldenburger Münsterland (NOM) nimmt indes kein Blatt vor den Mund: Seiner Ansicht nach wird rund ein Drittel der Viehhalter im Nordwesten wegen der verschärften Düngeverordnung künftig aufgeben und die Stalltüren für immer schließen.

Auf der Podiumsdiskussion in Vechta kritisiert der NOM-Geschäftsführer die Politik heftig. Sie ruiniere letztlich die Wirtschaftlichkeit der ganzen Region und führe zu steigender Arbeitslosigkeit.

Feldhaus verfrachtet Gülle. Sein Zusammenschluss von Lohn-, Transport- und Entsorgungsfirmen im Oldenburger Münsterland transportiert überschüssige Wirtschaftsdünger aus der Veredelung in Ackerbauregionen. Weiter bietet er Dokumentationen und Meldungen ins Portal der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Oder er kooperiert mit Futterwerken, um Rückfrachten zu ordern.

Zertifizierte Logistikschiene aufbauen

Derzeit beäuge die Branche aus Vermittlern, Lohnunternehmen und Maschinenringen die Einführung von Gütestandards noch kritisch, meint Heinz-Hermann Wilkens von der Düngebehörde  der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Sie bewerte zunächst den zusätzlichen Aufwand und die weiteren Kosten. Allerdings sehe sie auch verbindliche Regeln für die Verwertung.

Immerhin habe die Branche ein Handbuch mit Gütestandards erarbeitet. Abgestimmt mit den betroffenen Landkreisen soll über die zuständigen Ministerien dazu künftig ein Rechtsrahmen gesetzt werden.

Wie Viehhalter auf die Düngeverordnung reagieren

Viehalter mit Nährstoffüberschüssen versuchen derzeit krampfhaft, Lösungen für ihre Betriebe zu finden. Folgende Möglichkeiten bieten sich an, um die Überschüsse abzubauen:

  • noch effektiver nährstoffreduziert füttern,
  • die Viehbestände senken und bei Programmen zu mehr Tierwohl mitmachen,
  • Wirtschaftsdünger effizienter abgeben nach Separation und Aufbereitung.

Allerdings steigen die Kosten der Gülle-Verbringung immer weiter an. Der Abgabepreis für den Wirtschaftsdünger liegt im Nordwesten derzeit zwischen 10 und 12 Euro/m3. Im Frühjahr können es 15 bis 18 Euro/m3 sein. Zum Vergleich: In den Niederlanden sind es mittlerweile 23 und 25 Euro/m3.

Dazu kommt: Der Bau von Güllelagerstätten bleibt vielerorts weiter in der Planungsphase stecken. Und die Bereitschaft zur Aufnahme der Gülleüberschüsse ist bei vielen Ackerbauern eher verhalten. Die Gründe: Die genauen Inhaltsstoffe der Wirtschaftsdünger und die staubedingte oft wenig termingerechte Anlieferung.

Sorgen vor Verlagerung der Probleme

Das mögliche Potenzial zur Gülleaufnahme ist somit weit geringer als erwartet. Die Bereitschaft, fremde Wirtschaftsdünger auszunehmen, hängt jedenfalls auch eng an der Verlässlichkeit. Produktqualität und Logistik zählen.

Aufbereitung bietet den Vorteil, nach Bedarf und Vorgaben der DüV zielgerichtet zu düngen. Doch auch für aufbereitete Gülle ist das Aufnahmepotenzial regional und nach Ackerkulturen zu differenzieren. „Allerdings besteht keine grundsätzliche Zurückhaltung in den Ackerbauregionen“, sagt Heinz-Hermann Wilkens von der Landwirtschaftskammer Niedersachen.

Künftig güllelose Ställe?

Viel Raunen gab es beim Vortrag von Prof. Dr. Werner Wamhoff von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Seiner Ansicht nach müssen „die Ställe der Zukunft“ ohne Gülletechnik auskommen. Ansonsten könnten die gasförmigen N-Verluste nicht ausreichend vermindert werden.

Denn neben den Düngegesetzen und der EU-Wasserrahmenrichtlinie sind künftig auch die Vorgaben der sogenannten NEC-Richtlinie einzuhalten. Sie behandelt nationale Höchst-mengen an Emissionen für Luftschadstoffe. Deutschland hat sich verpflichtet, die Ammoniak-Emissionen bis 2030 um 29 Prozent zu reduzieren.

Wamhoff: „Das ist mit Gülletechnik ausgeschlossen“. Die in Vechta vorgestellte Grundidee setzt darauf, Kot und Harn bereits im Stall zu trennen. Schweinetoiletten zeigte bereits die EuroTier.

Beim gesamten Thema steht die Politik gehörig unter öffentlichem Druck. So klagt etwa die Deutsche Umwelthilfe vor dem Verwaltungsgericht Münster zum Thema Luftreinhaltung. Die bisherigen Anstrengungen reichten dazu nicht aus.

 

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