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Forst

Höfken rät von weiterer Aufforstung ab

von , am
08.11.2013

Mainz/Bad Kreuznach - Rheinland-Pfalz will künftig auf ein generelles Aufforstungsgebot als Ausgleichsmaßnahme für unvermeidbare Waldverluste verzichten.

Ulrike Höfken und Joachim Rukwied lehnen den von der EU-Kommission vorgelegten Vorschlag einer Reform der Öko-Verordnung ab. © Kerstin Bänsch
In einem Rundschreiben an die Forstämter empfahl Landwirtschaftsministerin Ulrike Höfken beim Aufbau von Windrädern in waldreichen Regionen in der Regel keine Ersatzaufforstungen mehr vorzunehmen, da dies oft zu Lasten von ökologisch ebenfalls wertvollen Wiesen gehe.
 
Beim zweiten Trierer Waldforum erläuterte die Ministerin die Pläne der Landesregierung zur anstehenden Novellierung des Landesnaturschutzgesetzes und machte deutlich, dass sie die weitere Zunahme von Forstflächen in ohnehin sehr waldreichen Gebieten verhindern wolle, um Wiesen, Weiden und Äcker mit ihren wertvollen Biotopen zu bewahren.

Umweltverbände begrüßen die Pläne

Ausgleichsmaßnahmen müssten dem Naturschutz nützen und nicht schaden, und das gelte auch für Ersatzaufforstungen, wenn Wald etwa für den Straßen- oder Siedlungsbau gerodet werde. Deswegen werde man in den waldreichen Regionen von Rheinland-Pfalz ökologisch wertvolles Offenland stärker schützen. Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd (BWV) sprach von einem "Schritt in die richtige Richtung". Wenn der allgemeine Flächenverbrauch durch Baumaßnahmen und eben auch ausgleichende Aufforstungen weiter vorangetrieben werde, verkleinerten sich die Felder für die Produktion hochwertiger Nahrungsmittel weiter. Auch Umweltverbände begrüßten die Pläne.

Kritik kommt dagegen vom Waldbesitzerverband

Kritik kam dagegen vom Waldbesitzerverband für Rheinland-Pfalz. Dieser monierte, dass Höfken trotz des großen Holzbedarfs in Deutschland die jahrhundertealte Praxis der Walderhaltung in Frage stelle.
 
Der forstpolitische Sprecher der CDU-Landtagsopposition, Michael Billen, hält es für fraglich, ob die Mainzer SPD als großer Koalitionspartner Höfkens Kurswechsel mittragen werde. Während sich die Grünen früher an Bäume gekettet hätten, um deren Abholzung zu verhindern, würden heute mit ihrer Unterstützung Flächen von der Größe zweier Fußballfelder mitten im Wald für Windräder gerodet.

Balance zwischen Wald und Wiese schaffen

Höfken verwies auf die Umwelt- sowie die Bauern und Winzerverbände im Land, die ebenfalls den Schutz des Grün- und Ackerlandes forderten und weitere Ersatzaufforstungen kategorisch ablehnten. Zugleich stellte sie klar, dass die Landesregierung den Schutz des Waldes keineswegs geringer einstufe. "Um den Wald zu bewahren, brauchen wir nicht zwangsläufig mehr Waldflächen, sondern naturnahen Wald, der Sturmkatastrophen, Sommertrockenheit und Schädlingsbefall standhält und damit auch die Artenvielfalt garantiert", so die Ministerin.

Ort und Qualität des Waldes berücksichtigen

Eine nachhaltige Forstwirtschaft in Rheinland-Pfalz dürfe sich nicht allein auf die Fläche beziehen, sondern müsse auch die Situation vor Ort und die Qualität des vorhandenen Waldes berücksichtigen. Deshalb sollten Ausgleichsmaßnahmen - etwa für Bauvorhaben in waldreichen Regionen - künftig vorrangig vorhandene Waldflächen aufwerten. Auf diese Weise könne man zum Beispiel den Laubholzanteil in den Wäldern erhöhen sowie Moore und Gewässer renaturieren. Zudem habe die Landesregierung mit der Zertifizierung des Staatswaldes nach dem Forest Stewardship Council (FSC) dem Konzept zum Schutz von Biotopbäumen sowie dem geplanten Nationalpark im Hunsrück wichtige Maßnahmen zum Schutz und zum naturnahen Umbau des Waldes auf den Weg gebracht.

Entscheidung "mutig und respektabel"

Norbert Schindler, Präsident des BWV und der Landwirtschaftskammer in Bad Kreuznach, bezeichnete Höfkens Entscheidung als "mutig und respektabel", weil damit das bislang geltende grundsätzliche Primat des Waldes gegenüber landwirtschaftlichem Acker- und Grünland aufgehoben werde. In der Vergangenheit seien Ersatzaufforstungen in der Regel auf Kosten landwirtschaftlicher Flächen vorgenommen worden, und jeder Ausgleich für Forstflächenverluste bei der Ausweisung von Siedlungs-, Gewerbe- oder Verkehrsflächen und beim Bau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen sei auf Äckern und Wiesen erfolgt, so Schindler. Infolgedessen sei die Gesamtwaldfläche in den letzten Jahren immer weiter angewachsen und liege heute bei 42 Prozent der Landesfläche, während die Landwirtschaft konstant Areale verloren habe. Nicht die landwirtschaftlichen Flächen seien eine Bedrohung für den Wald, sondern der anhaltende Flächenverbrauch durch Wohn- und Wirtschaftsbau sowie die ungebremste Ausdehnung von Verkehrs- und Energieinfrastruktur.

Schindler: Flächenverbrauch begrenzen

Schindler erinnerte daran, dass der landwirtschaftliche Berufsstand bereits seit Jahren effektive Maßnahmen gegen einen weiteren Flächenverbrauch fordere, der sowohl durch die Ausweisung von Gewerbe-, Verkehrs- und Baugebieten als auch durch Ausgleichsmaßnahmen entstehe. Wenn dies - wie bisher - weiter vorangetrieben werde, gehe die wertvolle landwirtschaftliche Nutzfläche für die Produktion hochwertiger Nahrungsmittel weiter zurück, was nicht im Sinne aller Beteiligten sein könne.

Maßnahme auf Acker- und Grünlandflächen ausweiten

Was für die Ausgleichsflächen im Wald gelte, müsse gleichzeitig auch für Acker- und Grünlandflächen Gültigkeit haben, erklärte Schindler. Daher müssten weitere Möglichkeiten geschaffen werden, dass nicht nur für Waldflächen, sondern auch für wertvolle landwirtschaftliche Nutzflächen auf Ausgleichsmaßnahmen verzichtet werde. Der Verbandspräsident hofft zudem, dass über die Gleichwertigkeit von Wald auf der einen sowie Acker- und Grünland auf der anderen Seite auch bei den laufenden Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene Einigkeit erzielt werden kann.
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