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Studie der Universität Würzburg

Insektenstudie bewertet Klimawandel und Flächennutzung neu

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am Mittwoch, 20.10.2021 - 15:00 (1 Kommentar)

Die Universität Würzburg hat den zahlreichen Studien zum Arten- und Masseverlust bei Insekten eine weitere hinzugefügt und relativiert dabei zum Teil die alten Ergebnisse. Wir haben versucht, die Studie und ihre Schlussfolgerungen einzuordnen.

Man dürfe nicht den Fehler begehen, von einem Verlust an Insektenbiomasse auf einen Verlust an Artenvielfalt zu schließen und umgekehrt, sagt Johannes Uhler, Doktorand an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und Erstautor der neuen Insektenstudie, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Beide Werte könnten sich durchaus unabhängig von einander entwickeln und müssen getrennt bewertet werden.

Dasselbe gelte für den Einfluss von Klimawandel und Landnutzung.

Insekten auf 179 bayerischen Standorten erfasst

Ein Wissenschaftler-Team der JMU hatte an 179 Standorten in Bayern – verteilt vom Flachland bis auf 1.100 m Höhe – die Entwicklung der Insektenpopulationen beurteilt. Dafür wurden im Frühjahr 2019 in Wäldern, auf Wiesen und Feldern sowie in Siedlungen, die in halbnaturbelassenes, landwirtschaftliches oder städtisches Umfeld eingebunden waren, Insektenfallen aufgestellt.

Diese wurden über die gesamte Vegetationsperiode hinweg 14-tägig geleert und die gefangenen Insekten wurden gewogen und per DNA-Analyse ihren Arten zugeordnet.

Weniger Masse in der Stadt, weniger Vielfalt im Agrarraum

Die Studie zeigt, wie andere Auswertungen zuvor, erhebliche standortabhängige Differenzen in Biomasse und Artenvielfalt.

„Den größten Unterschied bezüglich der Insektenbiomasse fanden wir zwischen naturnahen und städtischen Gegenden. In der Stadt war die Biomasse um 42 Prozent niedriger. Die Insektenvielfalt war dagegen im Agrarbereich im Vergleich zu naturnahen Lebensräumen um 29 Prozent geringer. Von bedrohten Arten fanden wir in Agrarräumen sogar 56 Prozent weniger“, so Johannes Uhler.

Klimawandel positiv, Flächenverlust negativ

Dennoch unterscheiden sich die Ergebnisse der neuen Studie von denen ihrer Vorgänger.

Zum ersten Mal sei es gelungen, die Effekte von Klimawandel und Landnutzung zu entwirren. Ihren Untersuchungen zufolge wirke sich die Klimaerwärmung eher positiv auf die Insektenpopulationen aus, erklärten die Würzburger Wissenschaftler. Die zunehmende Flächenversiegelung dagegen sei besorgniserregend.

Deshalb empfehlen sie mehr Grünflächen in Städten und Siedlungen sowie einen Ausbau der Agrarumweltprogramme.

Zuwanderung aus dem Süden

Dass die Klimaerwärmung vielen Insekten das Leben leichter macht, ist allerdings keine Neuigkeit. Zunehmende Trockenheit dürfte einigen Arten zwar zu schaffen machen. In wärmerem Umfeld fühlen sich die meisten aber durchaus wohl.

Die zunehmende Anzahl bislang hierzulande nicht ansässiger Arten ist eine der Folgen daraus. Ob diese Zuwanderung allerdings eine positive Entwicklung ist, darf jedoch bezweifelt werden.

Landwirtschaftliche Nutzung geht nicht ohne Folgen

Aber auch die geringere Artenvielfalt in agrarisch genutzten Landschaften gegenüber weitgehend naturbelassenen Regionen ist nicht überraschend.

Landwirtschaftliche Nutzung bedeutet immer regionalen Artenverlust. Dieser Preis ist zu zahlen für eine sichere Nahrungsmittelversorgung. Bestimmte Arten (zum Beispiel Wasserinsekten oder strikte Nahrungsspezialisten) werden sich auf Ackerflächen nicht ansiedeln, auch nicht, wenn dort Blühstreifen angelegt werden. Andere werden sogar bekämpft, um Ernten zu schützen.

Das ist sowohl im konventionellen als auch im biologischen Landbau so.

Mehr Grünflächen verbessern die Lage nicht

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Am Ziel vorbei scheint mir persönlich die Forderung nach „mehr Grünflächen“ im urbanen Bereich.

Grünflächen, raspelkurz und blütenfrei, gibt es zur Genüge. Sie aber bieten weder Lebensraum noch Nahrungsgrundlage für Insekten – sieht man vielleicht einmal von Tierweiden und den dort lebenden blutsaugenden und exkrementfressenden Insekten ab.

Was fehlt, sind Blühflächen! Während man das im landwirtschaftlichen Raum längst erkannt hat, gelten Parks, Grünanlagen, Klein- und Vorgärten noch immer als besonders schick, wenn auf dem Rasen kein Blümchen blüht.

Unterschiede lassen sich bestensfalls mildern

Die Studie befasst sich ausschließlich mit den Unterschieden im Insektenbesatz verschiedener Ökosysteme/Landnutzungen. Zeitliche Veränderungen wurden nicht erafsst.

Die Ergebnisse schlagen zwar in die Bresche von Umweltschützern, die eine weitestgehende Renaturierung vor allem in landwirtschaftlich genutzten Räumen fordern, blenden aber ebenso wie andere Veröffentlichungen zuvor weitgehend die Tatsache aus, dass bestimmte Landnutzungsverfahren unweigerlich einen Lebensraum erschaffen, der sich von unberührter Natur unterscheidet.

Diese Effekte kann man zwar zu mildern versuchen – was die Landwirtschaft in den letzten Jahren zunehmend tut und was durchaus begrüßenswert ist. Wirklich unterbinden kann man sie nicht, das wäre auch nicht in unserem Interesse.

Es sei denn, man verzichtet auf Wohnraum und Infrastruktur und importiert seine Nahrung von da, wo keiner Insekten zählt.

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