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Invasive Arten: Neue Gegner für Landwirte

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am Samstag, 05.02.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten sind für heimische Ökosysteme kaum ein Problem. Für Landwirte können sich Neobiota aber zu geschäftsschädigenden Nervensägen entwickeln. Wir haben einigen Arten im In- und Ausland nachgespürt.

Erdbeeren-Pflanze

Wer Freund von Roter Grütze ist, Johannisbeeren auf seinem Pudding mag oder gern mit Erdbeeren spielt, sollte hellhörig werden: Eine kleine Fliege ist drauf und dran, uns in den Obstsalat zu spucken. Und das trifft auch alle Landwirte, die ihr Geld mit Kirschen oder Heidelbeeren verdienen oder auch nur Früchte für den Eigenbedarf betüddeln. Drosophila suzuki nennen sie Wissenschaftler, Kirschessigfliege ist ihr deutscher Name. Ursprünglich stammt sie aus Japan, doch seit 2011 macht sie sich auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz breit. Sie ist eine neue Art in heimischen Ökosystemen und Kulturen.

Die millimetergroße Fliege mit den roten Augen würde gar nicht weiter auffallen, wenn sie wie ihre Verwandte, die Gemeine Fruchtfliege, einfach von Fallobst oder in der Biotonne naschen würde. Tut sie aber nicht. Die Kirschessigfliege nagt auch Obst an, das vollkommen intakt an Bäumen und Sträuchern vor sich hinreift und legt ihre Eier in die Wunden.

Damit macht sie sich unbeliebt. Weinbeeren, Kirschen, Erdbeeren - alle Früchte mit zarter Schale sind betroffen. In Trentino hat die Kirschessigfliege bis zu 90 Prozent der Tafeltrauben vernichtet.

Neobiota auch in Deutschland Thema

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Wer denkt, das Problem Neobiota beträfe nur Wein- und Beerenbauern, könnte sich noch wundern. Denn die Kirschessigfliege ist nur ein jüngeres und einigermaßen prominentes Beispiel für Arten, die neu in Deutschland sind. Landwirte sind immer wieder von neuen Pflanzen, Tieren, Pilzen oder anderen Organismen betroffen. Deswegen gilt es aufmerksam zu sein und das Problem rechtzeitig zu erkennen. Bevor die Folgen unbeherrschbar sind.

Dramatisch war etwa die eingeschleppte Kartoffelfäule in Irland, auf deren Konto Mitte des 19. Jahrhunderts Millionen Hungertote gehen. 1843 war der Pilz aus Nordamerika zunächst nach Flandern gelangt. Von dort kam er nach Irland und der Rest ist Geschichte. Selbst heute ist der ursprünglich nicht in Europa vorkommende Pilz ein wichtiger Gegenspieler der Kartoffelbauern.

Wachsam bleiben und rechtzeitig gegen invasive Arten vorgehen

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Wie wichtig es ist, auch heute wachsam zu sein, zeigt ein Beispiel aus Nordamerika. Der Palmer-Fuchsschwanz Amaranthus palmeri stammt aus trockenen Gegenden im Südwesten der USA. Mittlerweile breitet er sich in vielen Anbauregionen im Norden und Osten Amerikas aus. Die Pflanze ist sehr erfolgreich und mittlerweile gegen viele Herbizide resistent. Sie ist so erfolgreich, dass Erträge in Mais um bis zu 80 Prozent zurückgehen. Manche Farmer haben die Schlacht verloren gegeben und überlassen dem Unkraut das Feld.

Herkulesstaude und Maiswurzelbohrer haben Potential

Maiswurzelbohrer

Eine neue Art dieses Kalibers ist in Deutschland - noch - nicht in Sicht. Aber dennoch. 2007 ist der Westliche Maiswurzelbohrer erstmals in Deutschland nachgewiesen. Potential zur Zerstörung von Kulturen hat auch er.

Wenigstens lästig ist das Drüsige Springkraut oder die Herkulesstaude, wenn diese Pflanzen Weiden oder Wegränder überwuchern. Auch die Ambrosia hat das Potential, zum Problem zu werden. Noch ist Ambrosia in Deutschland kein flächendeckendes Problem, aber sie breitet sich aus. Ungarn hat etwa 500 Millionen Euro Schäden durch Ambrosia vermeldet.

Was in Deutschland gut ist, schadet den Ökosystemen anderswo

Lupinen

Biologen sprechen bei solchen Arten von Neobiota, wenn sie erst seit 1492 in einer Region heimisch geworden ist. Neue Arten vor 1492 heißen Archäobiota. Die Experten unterteilen dann noch genauer in Neozoen, wenn es sich um Tiere und Neophyten, wenn es sich um Pflanzen handelt. Die Kirschessigfliege ist demnach eine Neozoe. Manche Arten verhalten sich dabei wie Eroberer. Ihnen fehlen natürliche Gegenspieler in ihren neuen Refugien. Die Faustregel der Biologen besagt, dass von 100 neuen Arten zehn langfristig überleben und sich fortpflanzen und eine Art Schwierigkeiten verursacht. Dann gilt sie als invasive Art. Rund 900 neue Arten gelten in Deutschland als etabliert. Davon sind zum Beispiel 38 Pflanzen- und fünf Säugetierarten invasiv.

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Hierzuland gelten Regenwürmer als großer Segen, doch der Gemeine Tauwurm bringt die Lebensgemeinschaften in Teilen der USA durcheinander. Siedler haben ihn eingeschleppt. Und der Wurm gedeiht prächtig. Doch weil das Ökosystem dort ohne ihn zu leben gelernt hatte, stört er jetzt.

Selbst Pflanzen, die wir anbauen, kommen häufig aus anderen Teilen der Welt. Kaum eine Feldfrucht ist heimisch. Weder Getreide, noch Apfel, noch Erdbeere stammen aus Deutschland. Wenn sich Kulturen dann selbstständig machen, schadet das heimischen Artengemeinschaften. Die Lupine etwa. Hübsch und gern gesehen. Doch verwildert, wuchert sie andere Pflanzen buchstäblich zu Tode.

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