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Bericht

IVA wirft Umweltbundesamt Statistik-Schwindel vor

Pflanzenschutzmittel ausbringen auf Weizen
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Anke Fritz, agrarheute
am
05.06.2018

Der Bericht "Daten zur Umwelt 2018. Umwelt und Landwirtschaft“ vom Umweltbundesamt ist frisch veröffentlicht. Der Industrieverband Agrar zweifelt die enthaltenen Statistiken an und spricht von statistischen Kunstgriffen.

Das Umweltbundesamt hat seinen aktuellen Bericht "Daten zur Umwelt 2018: Umwelt und Landwirtschaft" herausgegeben. Die Deutsche Presseagentur hatte das Thema bereits heute morgen aufgenommen und verbreitet: "Dünger, Pestizide, Lebensräume: Umwelt-Amt kritisiert Landwirtschaft" lautete die Überschrift. Der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland sei zwischen 1994 und 2015 von knapp 30.000 Tonnen auf über 40.000 Tonnen gestiegen. Ein gutes Drittel davon (34 Prozent) seien Unkrautgifte, darunter auch Glyphosat, schreibt die dpa weiter.

Darauf reagierte der Industrieverband Agrar (IVA) umgehend.

IVA spricht von "statistischen Kunstgriffen"

Das Amt würde auf zwei fragwürdige statistische Kunstgriffe zurückgreifen heißt es in einer Pressemitteeilung des IVA. Zum einen werde ein statistischer Ausreißer als Referenzjahr gewählt, zum anderen die „inerten Gase im Vorratsschutz“ nicht herausgerechnet.
 
Der IVA schreibt weiter: "Das UBA spricht nach Angaben der dpa von einem Anstieg des Pflanzenschutzmittel-Absatzes zwischen 1994 und 2015 - warum die aktuellsten Zahlen fehlen, bleibt unklar - von knapp 30.000 auf über 40.000 Tonnen. Was hinter dieser Technik des 'selbst gemachten Trends' steckt, erläuterte Statistik-Professor Walter Krämer schon vor 30 Jahren in dem Buch 'So lügt man mit Statistik': Ein Referenzjahr wird bewusst herausgegriffen, um den gewünschten Trend zu generieren. Denn 1994 war das Jahr mit dem historisch niedrigsten Absatz an Pflanzenschutzmitteln, zum einen, weil in diesem Jahr viele Flächenstilllegungen griffen, zum anderen weil Aufbrauchfristen für DDR-Altprodukte ausliefen.

Absatzstatistik für Pflanzenschutzmittel auf der BVL-Seite

Nicht weniger fragwürdig sei laut IVA die Einrechnung der inerten (reaktionsträgen) Gase. Diese müssen zwar dem zuständigen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gemeldet werden. Es handelt sich aber nicht um Mittel, die der Landwirt einsetzt, sondern in aller Regel um Kohlendioxid, mit dem Vorräte vor Schädlingen geschützt werden. Der Einsatz von Kohlendioxid ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, da kaum noch andere Wirkstoffe zum Vorratsschutz zur Verfügung stehen. Die inerten Gase werden vom BVL daher gesondert ausgewiesen.

Fazit des IVA: Wer es genau wissen will, sollte die Absatzstatistik für Pflanzenschutzmittel direkt auf den Seiten des dafür zuständigen BVL einsehen. Dort findet man nicht nur die aktuelleren Zahlen (2016 zum Beispiel ist der Absatz weiter gesunken), sondern alle Daten und entsprechende Erläuterungen.

Das Umweltbundesamt bezieht Stellung zu den Vorwürfen

Das Umweltbundesamt hat heute Nachmittag Stellung zu den Vorwürfen des IVA genommen:

Die Broschüre „Daten zur Umwelt 2018 – Umwelt & Landwirtschaft“ sei vor allem eine Zusammenstellung von Daten, die dem UBA vorlägen, teilt ein Sprecher des Amts mit. Dazu gehörten auch die Daten zum PSM-Absatz. "Leider dort nicht die 2016er-Zahlen verwendet worden. Letztlich ändert sich dadurch aber wenig."

Seit 1994 gäbe natürlich Schwankungen im Absatz, sagt das UBA weiter. Laut BVL Daten läge selbst der um die inerten Gase bereinigte Absatz aber auch 2016 noch über dem Niveau von 1996. Auch zehn Jahre später in 2006 würden weniger abgesetzt als 2016.

Vielmehr zeigten die Daten laut UBA-Sprecher also, dass der Absatz auf mehr oder weniger gleichbleibend hohem Niveau stagniere. "Und das ist der springende Punkt: Die immer noch zu hohe Intensität des chemischen Pflanzenschutzes ist nach Auffassung des Umweltbundesamtes ökologisch nicht nachhaltig und gefährdet das Erreichen wesentlicher Ziele der Umwelt- und Naturschutzpolitik. Und hier hat sich seit über 20 Jahren nichts getan."

Mit Material von IVA, UBA, dpa
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