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Pflanzenschutz

Fieberthermometer fürs Feld

Wetterstation-Dettmer
am Donnerstag, 02.05.2019 - 08:09

Je aktueller und lokaler die Wetterinformation, desto schlechter die Chancen für die Kraut- und Knollenfäule. Darauf fußt die Strategie von Jan Möllerherm und sein Test einer mobilen Wetterstation.

Nach zwei Wochen Regen, Sturm und Hagel strahlt in Kettenkamp am Nordrand des Teutoburger Walds endlich wieder die Sonne. Pünktlich zum Frühlingsanfang ist die Temperatur auf 19 °C gestiegen. Jetzt treibt es nicht nur die Pflanzen aus dem Boden, sondern auch Landwirte hält nichts mehr drinnen. 
So auch auf dem Betrieb von Landwirt und Lohnunternehmer Gerd Dettmer: Hier laufen die Vorbereitungen für das Kartoffellegen auf Hochtouren. Die Sortieranlage für die Pflanzgutaufbereitung ist aufgebaut und die Pflanzmaschinen wurden aus dem 
Winterschlaf geholt. Auf 300 ha eigenen Flächen sollen Kartoffeln für Pommes und Chips wachsen. Alles steht in den Startlöchern. 
„Die Bodentemperatur passt und die Wetterprognose auch“, sagt Mitarbeiter Jan Möllerherm. Er zieht ein Tablet aus der 
Jackentasche und klickt auf eine App mit dem Namen Smart Farm. Er wischt durchs Menü – bis zum Fenster Bodentemperatur. 10 °C zeigt es an. „Das ist ideal. Wenn wir jetzt keine Nachtfröste mehr kriegen, können die Knollen in den Boden“, sagt er. 

Das Wetter stets im Blick

Smart Farm App Wetterstation

Mit Smart Farm hat er seit dem letzten Jahr nicht nur die Bodentemperatur im Blick, sondern auch das Wetter und den Krankheitsdruck auf die Pflanzen. Die Daten bekommt die App von einer mobilen Wetterstation geschickt, die Möllerherm auf einer entfernten Kartoffelfläche platziert hat und jetzt im zweiten Jahr testet. 
Vor allem jetzt, da der Pflanzenschutz Saison hat, gilt sein erster Blick morgens der App. Schließlich ist er mit für den Schutz der Pflanzen auf dem Dettmer’schen Hof zuständig. Seine Schützlinge sind neben der Kartoffel Getreide, Raps, Zuckerrüben und Spargel. Der Kartoffel allerdings, oder vielmehr dem Erreger der Kraut- und Knollenfäule, schenkt er jedes Jahr besonderes Augenmerk. „Verpasst man hier den richtigen Zeitpunkt für den Spritzstart, kann einen die Bekämpfung dieser Pilzkrankheit am Ende sehr teuer zu stehen kommen“, sagt der Agrarservicemeister. 
Die üblichen Informationen, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) von der nächstgelegenen Wetterstation liefert, reichen ihm als Entscheidungsgrundlage nicht aus. „Was ich brauche, sind möglichst aktuelle Daten zum Wetter und zur Bestandssituation auf den verschiedenen Kartoffelflächen.“ Die liegen in einem Umkreis von 80 km um den Hauptsitz des Betriebs verstreut und werden zudem jedes Jahr getauscht. Das Wetter auf 20.000 km² ist längst nicht einheitlich. „Während hier jetzt die Sonne scheint, kann in 30 km Entfernung gerade ein Gewitter toben und wir bekommen davon nichts mit“, sagt Möllerherm. 
„Den Spritzplan von heute Morgen kann das komplett über den Haufen werfen.“ Denn Niederschlag und Temperatur beeinflussen über Blattnässe, Boden- und Bestandsfeuchte den Blattmassezuwachs, den Infektionsdruck und damit die Wahl des Spritzzeitpunkts und der Pflanzenschutzmittel. Wind kann zu Verletzungen an den Pflanzen führen und so Krankheitserregern zusätzlich Pforten öffnen. Zudem helfen Regen und Wind, Pilzsporen zu verbreiten. 
Natürlich haben sich Jan Möllerherm und seine Kollegen auch in der Vergangenheit nicht auf die Informationen des DWD beschränkt und den Spritzplan nicht allein vom Schreibtisch aus erstellt. In der näheren Umgebung von Kettenkamp ist Möllerherm selbst viel auf den Flächen unterwegs. Für die weiter entfernten Standorte holt er sich Rat bei Anbauberatern und telefoniert mit Landwirten vor Ort. Das funktioniert zwar, kostet ihn und die anderen aber viel Zeit – Zeit, die in der Bekämpfung der Kraut- und Knollenfäule möglicherweise entscheidend ist. Die mobile Wetterstation könnte einige der Telefonate in Zukunft überflüssig machen und Möllerherm bei der richtigen Entscheidung unterstützen, denn sie liefert online Echtzeitdaten zu pflanzenschutzrelevanten Parametern von weiter entfernten Schlägen.

So funktioniert die Technik

Wetterstation-Dettmer

Jetzt ist Jan Möllerherm draußen auf der Testfläche, wo die Wetterstation wie ein weißer, etwas kurz geratener Weidezaunpfahl aus dem Boden ragt. Der junge Mann hockt daneben und erklärt, wie sie funktioniert: „Als Erstes vergräbt man die Säule bis zur Markierung, etwa 30 cm tief, im Boden und lädt sich die Smart Farm-App aufs Tablet oder auch Smartphone. Das Endgerät benötigt eine Kamera, um den Barcode an der Wetterstation einzuscannen, und die GPS-Ortung muss aktiviert sein, damit die App sich automatisch mit der nächstgelegenen DWD-Station verbinden kann. Dann benennt man noch den Schlag und wählt die Kultur aus. Das wars.“
In 5 cm Bodentiefe befindet sich ein Sensor in der Säule. Er hat die 10 °C Bodentemperatur verraten. Ein zweiter Sensor misst die Temperatur in 20 cm Bodentiefe. Später, wenn der Kartoffelbestand entwickelt ist, liefern ein dritter und ein vierter Sensor Temperatur und Luftfeuchtigkeit aus 25 cm Höhe im und 75 cm oberhalb des Bestands. „Diese Daten kann ich mir als Diagramm und mit einer einjährigen Historie in der App anzeigen lassen.“ 
Zusätzlich bietet ihm die App entscheidende Faktoren wie Taupunkt (°C) und Blattnässe (trocken oder nass). Für deren Berechnung benötigt sie Informationen zu Niederschlag und Einstrahlung. Diese bekommt sie nicht von der eigenen Wetterstation im Kartoffelschlag, sondern holt sie sich von der DWD-Station. Zusätzlich erhält sie von dort Daten zu Windrichtung und -stärke.

Regenmesser fehlte noch

Smart Farm App

Zur Basisanwendung, die Jan Möllerherm testet, gehört eine 14-tägige Wettervorhersage und eine fünftägige Vorschau des Krankheitsdrucks (Ampelmodell). „Beides lässt sich nicht in der Historie anschauen. Für 2018 wäre das aber auch wenig spannend gewesen. Kraut- und Knollenfäule sowie Alternaria waren wegen der Dürre kein Thema“, sagt er. Entsprechend wenig Erfahrung konnte er bisher mit der mobilen Wetterstation sammeln, hat aber trotzdem bereits Verbesserungsvorschläge.
„Das größte Manko ist, dass sie keinen eigenen Regenmesser hat. Ohne punktgenaue Niederschlagsdaten bringt sie mir keinen echten Vorteil, denn innerhalb weniger Kilometer kann es wie gesagt unterschiedlich stark regnen. Das ist ja auch der Grund, warum uns die Daten vom DWD nicht ausreichen.“ Die Kritik ist beim Anbieter angekommen. Lemken bietet seine Wetterstation jetzt serienmäßig mit Regenmesser an. Zwei der aufgerüsteten Stationen werden in diesem Jahr auf dem Betrieb Dettmer in Kartoffeln und Getreide stehen und Möllerherm bei seinen Entscheidungen unterstützen. Schließlich sollen sie laut Anbieter in mehr als 40 Kulturen und für mehr als 100 Krankheiten funktionieren. 
Ein weiterer Kritikpunkt von Möllerherm ist die Länge der Säule. „Wir bauen jedes Jahr bis zu neun Kartoffelsorten an, die sich in vielerlei Hinsicht unterscheiden, beispielsweise in der Wuchshöhe.“ So erreichten zwei Sorten im vergangenen Jahr 1,6 m und überragten den obersten Sensor deutlich, der eigentlich oberhalb des Bestands hätte messen sollen. „Die Sorte hat grundsätzlich einen großen Einfluss im Pflanzenschutz. Sie bestimmt wesentlich den Blattzuwachs und das Abtrocknungsverhalten des Bestands, und damit die Mittelwahl. Die mobile Wetterstation liefert mir bereits ein grobes Bild der Situation vor Ort, um die Sichtkontrolle komme ich aber noch nicht herum. Optische Sensoren könnten helfen“, sagt Möllerherm.

Weitere Einsatzfelder und Pläne

Trotz aller Kritik und witterungsbedingt schlechten Testbedingungen im ersten Jahr machen Mitarbeiter und Chef sich bereits Gedanken über weitere Einsatzfelder der neuen Technik. Das könnten die Vorauflaufspritzung in Kartoffeln oder die Gülledüngung sein. Wie beim Pflanzen der Kartoffeln kann hier das schlagspezifische Wissen um die Bodentemperatur die Entscheidungen beeinflussen. „Sie erlaubt Rückschlüsse auf das Keim- und Auflaufverhalten und könnte mir helfen, die Herbizidspritzung solange wie möglich hinauszuzögern, damit ich möglichst viele Unkräuter erwische. Oder ich hätte rechtliche Sicherheit, wenn ich trotz Frost im Februar das Getreide dünge, weil die ersten 5 cm Boden nachweislich eine Temperatur oberhalb von 0 °C haben“, sagt Möllerherm. 
Sein Vorgesetzter denkt noch einen Schritt weiter und träumt davon, gemeinsam mit anderen Betrieben ein Netz mobiler Wetterstationen aufzubauen. „Alle Stationsdaten stünden auf einer gemeinsamen Plattform zur Verfügung und könnten in ein Prognosemodell münden, dass entsprechend flächenspezifisch und präzise wäre.“ 

Aber jetzt kommt erst einmal der ersehnte Regenmesser, den Jan Möllerherm und Gerd Dettmer genau unter die Lupe nehmen und mit eigenen Messungen abgleichen werden. Vorerst heißt es also noch, weiter Erfahrungen zu sammeln und ins Feld zu fahren, bevor sie sich im Pflanzenschutz ausschließlich auf digitale Informationen verlassen.