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Interview

"Precision Farming ist nichts Neues"

Bodensensor
am Montag, 24.09.2018 - 18:13 (Jetzt kommentieren)

Jacob van den Borne ist als Precision Farming-Pionier im Kartoffelanbau über die Niederlande hinaus bekannt. Für bahnbrechend neu hält er die Präzisionslandwirtschaft aber keinesfalls. Wie passt das zusammen? agrarheute hat mit dem innovativen Landwirt über Ertragspotenzialkarten, Bodensensoren und die Landwirtschaft der Zukunft gesprochen.

Jacob van den Borne (37) ist studierter Landwirt und bewirtschaftet zusammen mit seinem Bruder Jan (36) den eigenen Ackerbaubetrieb und ein Lohnunternehmen in Reusel, einem Grenzdorf zwischen Eindhoven (Niederlande) und Turnhout (Belgien). Sie bauen rund 500 ha Kartoffeln und 50 ha Zuckerrüben auf den eigenen Flächen an und etwa 300 bis 500 ha Mais auf Fremdflächen. Seit 2006 beschäftigt sich Jacob van den Borne sehr intensiv mit Precision Farming (PF) und gilt als Vorreiter und Vordenker.

Die größte Herausforderung der Zukunft sieht er allerdings nicht in der Technik, sondern in unseren Köpfen.

Sie tun Precision Farming als „nichts Neues“ ab, gelten aber als Pionier. Wie passt das zusammen?

Jacob van der Borne

Precision Farming definiert sich für mich über drei Aspekte, die zeitgleich erfasst werden: ein genauer Zeitpunkt, ein klar definierter Ort und eine konkrete Maßnahme auf dem Feld. 

Die Landwirtschaft macht das im Grunde schon immer. So habe ich von meinem Urgroßvater mehrere handschriftliche Notizbücher, in denen er fast täglich die Bestandsentwicklung auf den Feldern und seine Maßnahmen dokumentiert hat – nur eben analog und nicht ­digital, wie wir es heute können. Spannend ist aber vor allem, dass Landwirte ihre Flächen früher wesentlich präziser bewirtschaftet ­haben, als sie es heute trotz modernster Technologien tun. 

Landwirte haben früher präziser gearbeitet als heute - wie meinen Sie das?

Fragt man Landwirte heute etwa nach der Genauigkeit ihres Parallelfahrsystems, sagen viele 2 bis 3 cm. Ja, das funktioniert schon mit RTK (Real Time Kinematic), aber diese Genauigkeit erreichen wir in den meisten Bereichen noch lange nicht.

Ich unterscheide Precision Farming-Technologien anhand ihrer Genauigkeit: 1. Farm-Level (Betrieb), 2. Field-Level (ha), 3. Zone-Level (m²) und 4. Crop-Level (cm²). RTK-Parallelfahrsysteme arbeiten also bereits auf dem Crop-Level, aber 80 Prozent der Landwirte in Europa sind noch auf dem Farm-Level unterwegs, beispielsweise bei der Umsetzung der neuen Düngeverordnung oder in der Beregnung.

Früher waren viel mehr Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt und haben beispielsweise Unkraut auf Crop-Level gehackt. Mit der Abnahme der Arbeitskraft pro Hektar wurde auch die Genauigkeit ­weniger.

Was war bei Ihnen der Stein des Anstoßes fürs Precision Farming?

Für uns stand im Jahr 2006 die Frage im Raum, ob wir für die Weiterentwicklung unseres Betriebs in Land investieren und dann zwangsläufig auch in mehr Arbeitskräfte, Maschinen und Betriebsmittel, oder ob wir es schaffen, bei gleicher Fläche die Produktivität zu steigern. Dazu muss man wissen, dass wir auf 140 Schlägen mit heterogenen Sandböden, durchschnittlich 3 ha Größe und sechs Ecken alle vier Jahre Kartoffeln anbauen. Wir tauschen sehr intensiv Flächen mit benachbarten Betrieben. Und wir leisten von der Düngung bis zum Einlagern der Kartoffeln alles selbst.

Wir entschieden uns für den Weg der Produktivitätssteigerung. Also schauten wir zunächst, wo wir Dinge einsparen könnten, indem wir genauer arbeiten. So hatten wir bei fast allen Arbeiten Überlappungen in der Fläche zwischen 11 und 13 Prozent. Unsere erste Precision Farming-Investition war deshalb eine Pflanzenschutzspritze mit Section Control (Teilbreitenschaltung) und RTK-Lenksystem. Allein dadurch gingen die Überlappungen auf 1 Prozent runter. Das war für uns aber erst der Anfang. Precision Farming ist viel mehr als Technologie.

Was ist heute Ihr wichtigstes Instrument im Precision Farming?

Mein Ziel ist es, bei allen Arbeiten vom Legen der Kartoffeln bis zum Einlagern der Ernte teilflächenspezifisch auf Basis von Ertragspotenzialkarten zu arbeiten. Nach Jahren des Ausprobierens verschiedenster Verfahren und Technologien sind die Bodendaten das wichtigste für uns.

In der Erhebung dieser Daten arbeiten wir mit einem Fahrzeuggespann, das einen Bodenscanner-Schlitten hinter sich herzieht und im Front­anbau mit einer Sonde Bodenproben zieht. Zurzeit funktioniert es noch so, dass wir die Flächen in den Wintermonaten, also vor der organischen Düngung, systematisch mit dem Bodenscanner abfahren. Die Daten werden automatisch in eine Cloud geschickt und daraus entsteht eine Karte der elektrischen Leitfähigkeit. Anschließend zieht die Bodensonde an ausgewählten Punkten, wo die Leitfähigkeit besonders stark vom Mittel abweicht, Bodenproben. Sie geben zusätzlich Aufschluss über den Eindringungswiderstand, den pH-Wert, das organische Material und die Bodenhorizonte. Aus den Daten beider Technologien lassen sich Ertragspotenzialzonen auf der Fläche definieren, wie ich sie etwa für meine sensorgestützte, teilflächenspezifische mineralische Düngung und für die Beregnung benötige.

Was bringt das bei Düngung und Beregnung?

In der mineralischen Düngung arbeiten wir so präzise, dass wir zwischen 15 und 25 Prozent Dünger einsparen. In der Beregnung sind es zwischen 20 und 25 Prozent weniger Wasser.

Wie präzise können Sie beregnen und wie funktioniert das technisch?

Teilflächengenau ist unsere Beregnung noch nicht. Aber Bodenfeuchtesensoren im Bestand zeigen uns, wann wir an welcher Stelle wie viel beregnen müssen, um das dortige Ertragspotenzial auszuschöpfen. Für die Platzierung der Sensoren nutzen wir wiederum die Bodenleitfähigkeitskarten.

Welche PF-Werkzeuge setzen Sie noch ein?

Alle, die es gibt. Zumindest habe ich in den letzten zwölf Jahren fast alle ausprobiert. Alle Maschinen sind ISOBUS-fähig und liefern Daten an unser internetgestütztes Betriebsmanagementsystem. Wir arbeiten mit Fernerkundungsdaten von Satelliten und eigenen Drohnen. Wir pflügen, düngen, pflanzen, spritzen und bewässern  sensorgestützt und teilflächenspezifisch. Wir kartieren den Boden, den Pflanzenaufwuchs und die Kartoffelerträge auf dem Roder und im ­Lager GPS-basiert. Die verschiedenen PF-Technologien greifen ­ineinander und bauen aufeinander auf.

Was denken Sie, wo die Reise noch hingeht im PF?

Precision Farming wird irgendwann durch Controlled Traffic Farming abgelöst. Wenn wir bei allen Maschinen durchgehend eine definierte Fahrspur von 2 m und eine Arbeitsbreite von 6 m hätten, könnten wir auf festgelegten Fahrspuren arbeiten. So ließen sich zwei ­Drittel der Überfahrten einsparen, wir könnten einen entsprechend höheren Ertrag ernten und bräuchten auch nicht mehr alle der genannten Technologien.

Und warum wird das noch nicht gemacht?

Das Problem ist in unseren Köpfen. Wir wollen am liebsten möglichst einheitliche Bestände, Ungleichmäßigkeiten gelten immer noch als schlecht. Aber die Natur ist nicht homogen und wir sind am erfolgreichsten, wenn wir die Heterogenität unserer Flächen genau kennen und sie uns zunutze machen.

Das ganze Interview lesen Sie im agrarheute Special Pflanze+Technik, Ausgabe 09/18.

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