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Klimakrise

Landwirtschaft: Schuldiger, Leidtragender oder Klimaschützer?

am
10.05.2019
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Zu den Herausforderungen des Klimaschutzes und der angedachten CO2-Steuer lieferten sich Landwirtschaft, Wissenschaft, Naturschutz, Politik und Agrarhandel diese Woche einen interessanten Schlagabtausch. Agrarheute hat die spannendsten Aussagen zusammengestellt. In unserer Kommentarfunktion können mitdiskutieren.

Die Agravis Raiffeisen AG will sich nach eigenen Aussagen den Herausforderungen des Klimaschutzes stellen und lud im Vorfeld ihrer Hauptversammlung zu einer Vortragsveranstaltung mit dem Titel „Auf dem Weg in die ,Heißzeit‘? – Herausforderung Klima!“.

Bekannte Wissenschaftler wie Prof. Dr. Mojib Latif, Meteorologe und Klimaforscher an der Universität Kiel, und Prof. Dr. Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung an der Universität Göttingen lieferten die Fakten für die sich anschließende Podiumsdiskussion mit Spitzenvertretern bundesweiter Fachverbände.

Geladen waren genossenschaftliche Aktionäre und Gäste - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
agrarheute war vor Ort und hat die spannendsten Aussagen der Podiumsteilnehmer zusammengestellt.

So werden der Verbraucher und eine CO2-Steuer gesehen

Konstantin Kreiser, Naturschutzbund Deutschland e.V.

Ja, es gibt einen Konsens darüber, dass wir den Klimaschutz und auch den Artenschutz brauchen, aber die landwirtschaftlichen Betriebe und Verbände sind hier längst weiter als die Politik. Wir brauchen aber dringend grundlegende Veränderungen. Man darf es weder den Betrieben noch den Verbrauchern vorwerfen ökonomisch zu denken. Es muss sich lohnen, umweltverträglich zu wirtschaften. Dafür muss in erster Linie die Politik sorgen.

René Döbelt, Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft e.V.

Der größte Nutznießer an der derzeitigen Umweltzerstörung im Sektor Landwirtschaft ist der Verbraucher, weil er die billigen Preise für Lebensmittel zahlt und mit dem „Gesparten“ lieber in den dritten Urlaub fliegt. Auf der anderen Seite verändert sich das Verbraucherverhalten zum Positiven. Vor allem junge Verbraucher konsumieren bewusster und essen weniger Fleisch. Auch landet weniger Lebensmittel in der Mülltonne. Wir sind auf einem guten Weg, aber ob das schnell genug geht, ist die Frage.

Prof. Dr. Matin Qaim, Agrarökonom an der Universität Göttingen

Bisher wurde nie in Frage gestellt, ob der Konsument sich gut oder schlecht verhält. Vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsherausforderungen müssen wir diese Frage aber stellen. Der Konsumstil ist für mich eine wichtige Stellschraube im Klimaschutz. Wir sollten die wahren Produktionskosten, also inklusive der Umwelt- und Klimakosten, auf den Produktpreis umschlagen.

Prof. Dr. Mojib Latif, Klimaforscher an der Universität Kiel

Die CO2 Steuer ist sinnvoll. Es gibt sie schon in anderen Ländern wie der Schweiz oder in Schweden. Das wäre also erstens kein Neuland und zweitens ist mir nicht bekannt, dass es in diesen Ländern aufgrund dieser Steuer zu sozialen Verwerfungen gekommen sei. Unsere Welt ist nun einmal wirtschaftlich, monetär geprägt, und wir müssen den Klimaschutz in dieser Welt hinbekommen. Am Ende wird er natürlich Geld kosten.

Bernhard Krüsken, Deutscher Bauernverband e.V.

Beim CO2 Ausstoß bezogen auf die Produktionsleistung ist die Landwirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten deutlich effizienter geworden. In der Pflanzenproduktion um fast 25% und in der Tierproduktion um bis zu 15%. Der Sektor Landwirtschaft hat in Deutschland und Europa eine gute Entwicklungskurve hingelegt, aber da geht noch was.

Prof. Dr. Matin Qaim

Produkte, die in der Produktion Ressourcen- und klimaintensiver sind, müssen teurer werden. Letztlich geht das nur über den Konsumenten. Aber wenn wir Klimaschutz wollen, müssen wir da ran. Die Staatseinnahmen aus einer CO2 Steuer müssten dann sozialgerecht verteilt werden.

Bernhard Krüsken

Im Grundsatz bin ich dafür, die Ausgestaltung muss aber sehr sorgfältig passieren. Meiner Ansicht nach sollte man das am Energieverbrauch festmachen, denn es handelt sich im Grunde um eine Besteuerung fossiler Energieträger.

Prof. Dr. Matin Qaim

Ich halte die CO2 Besteuerung des Energieverbrauchs für richtig, aber viele Emissionen aus der Landwirtschaft, beispielsweise der Ausstoß von Methan, würden dadurch allein nicht gelöst werden. Weil wir die Produzenten aus Wettbewerbsgründen nicht besteuern können und die Emissionen so diffus sind, ist es realistischer und praktikabler beim Konsumenten anzusetzen, denn dann trifft es den Produzenten indirekt auch, aber genauso den inländischen wie ausländischen.

Franz-Josef Holzenkamp, Agravis Raiffeisen AG

Wenn man eine neue Steuer beschließt, sollten gleichzeitig Entlastungen für den Bürger auf den Weg gebracht werden.

Dr. Dirk Köckler, Vorstandsvorsitzender der Agravis Raiffeisen AG

Wir haben Bauchschmerzen was die wirtschaftliche Tragfähigkeit betrifft. Hier bitte ich um politisches Augenmaß, ebenso für die Landwirtschaft. Denn wir erbringen ja auch schon einiges an Leistungen: So wurde erst im letzten Jahr die Maut nochmals erhöht.

Bernhard Krüsken, Deutscher Bauernverband e.V. 2

Die Milcherzeugung in Deutschland ist im weltweiten Vergleich sehr klimaeffizient und dass kann bei einer CO2-Besteurung auch ein echter Vorteil gegenüber dem Wettbewerb sein.

Konstantin Kreiser, Naturschutzbund Deutschland e.V.

Eine europäische CO2 Besteuerung ist angesichts der bevorstehenden Wahlen wohl aktuell wenig populär. Eine Besteuerung des CO2-Austoßes kann aber auch nur ein Instrument des Klimaschutzes sein. Die Verluste an Biodiversität sind damit nicht komplett abgebildet. Wir brauchen Standards für die Klima- und Biodiversitätsbilanz für den gesamten Binnenmarkt der EU und für die Importe.

Prof. Dr. Mojib Latif

Es ist völlig irrelevant wo auf der Welt ein Gas wie Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen wird. Denn es verweilt dort über 100 Jahre und verteilt sich innerhalb von 2-3 Wochen über die gesamte Erde. Deswegen messen wir ja auch am Südpol, wo so gut wie kein Mensch CO2 ausstößt, einen enormen Anstieg dieses Gases. Die Menschheit hat noch nie zuvor vor solchen globalen Umweltproblemen gestanden. Deshalb ist es wichtig, dass es Institutionen wie die UNO weiterhin gibt, um globale Lösungen zu entwickeln und durchzusetzen.

 

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