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Serie Ackerbaustrategien

Mulchsaat-Reportage: Ramtillkraut statt Glyphosat

Dieter Fuchs
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Klaus Strotmann, agrarheute
am
04.02.2019

Dieter Fuchs ist ein Vorausschauer und Hinterfrager. Weite Fruchtfolgen, neue Zwischenfrüchte und ein konsequenter Pflugverzicht sind seit 25 Jahren seine Schlüssel zu mehr Bodenschutz. Zum nötigen Werkzeugkasten gehört auch Glyphosat.

Ganz nah am Boden, hier hält sich Dieter Fuchs am liebsten auf. Seit 25 Jahren setzt der Ackerbauer aus dem hessischen Birstein auf konservierende Bodenbearbeitung. Möglichst wenig Eingriff, kein Pflug, mehr Bodenleben. Das hilft in nassen Jahren, weil der Regen besser versickert, und in trockenen wie 2018, weil das wenige Wasser im Boden bleibt.

Zwischenfrüchte sind dafür ein wichtiges Werkzeug. Seit einigen Jahren baut der 55-Jährige auch Ramtillkraut in Reinkultur an.

Mulchsaat sichert Ertrag

Seine trotz stark schwankender Witterungsbedingungen halbwegs stabilen Erträge von 45 bis 80 dt/ha beim Weizen und 35 bis 50 dt/ha beim Raps hängen mit der reduzierten Bodenbearbeitung zusammen; davon ist Fuchs überzeugt.

Als Arbeitskreisleiter der Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung (GKB) für Hessen hilft der 55-Jährige mit Veranstaltungen und Feldtagen, den Erfahrungsaustausch voranzutreiben. „Der wird immer wichtiger angesichts der Probleme, vor denen wir derzeit stehen.“ Dazu zählen Wetterextreme, aber auch die Politik, wenn bewährte und langjährig zugelassene Pflanzenschutzmittel verteufelt werden.

Und so meint er sein Fazit, wie er den konservierenden Ackerbau versteht, auch als Mahnung an die Politik: „Du musst vorausschauend planen. Du kannst nicht einfach den Pflug nehmen, den Boden umdrehen und dann säen, was du gerade willst.“

Glyphosat als ein Werkzeug unter vielen

Fuchs plant gern vorausschauend. Er sucht nach neuen Wegen für anstehende Herausforderungen. Doch neue Lösung hin oder her – die alten abzuschaffen, will gut überlegt sein. Daher kann er mit der Absolutheit, mit der Gesellschaft und Politik momentan auf die Landwirte wegen Glyphosat einschlagen, nichts anfangen.

„Wenn das Produkt schädlich wäre, müsste es weg. Wir verwenden heute ja auch keine Quecksilberbeize mehr. Aber danach sieht es ja nicht aus. Warum können wir es also nicht als Bestandteil unseres Werkzeugkastens behalten und nebenbei nach anderen funktionierenden Werkzeugen suchen?“

Fuchs fürchtet sich davor, dass Politik und Gesellschaft ohne wissenschaftliche Begründung den Landwirten immer mehr Werkzeuge aus ihrem Werkzeugkasten nehmen.

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Zwischenfrüchte gegen Erosion

Dieter Fuchs hat viele Ideen für neue Werkzeuge: Vor Sommerkulturen waren bei ihm Zwischenfrüchte schon lange Pflicht. Sie unterdrücken das Unkraut, vermeiden Erosion, fördern das Bodenleben und produzieren Biomasse.

Dabei musste er die passenden Arten finden. Kreuzblütler sind nachteilig wegen des Rapses in der Fruchtfolge. Um den Einsatz von Totalherbiziden zu vermeiden, begann er mit der Suche nach sicher abfrierenden Arten.

Neu aufgenommen hat Fuchs Sommerzwischenfrüchte. Damit will er die Herbizide nach Raps vor Winterweizen einsparen. Die waren ihm bislang immer wichtig, wegen der Bodenruhe und der verzögerten Stickstofffreisetzung.

Doch nun sollte auch hier eine Zwischenfrucht her, die Ausfallraps unterdrückt, keine Leguminosen enthält, weil Raps genug Stickstoff im Boden hinterlässt, und eine Aussaat der Hauptfrucht zulässt.

Ramtillkraut: Günstig und wirksam

Ramtillkraut

Die Lösung ist für Fuchs das Ramtillkraut. Der anspruchslose Korbblütler ist kaum bekannt, und wenn, dann aus Mischungen. In Reinsaat sammelt der Praktiker jetzt seit drei Jahren Erfahrungen. Und das mit gutem Erfolg, wenn man das letzte Extremjahr außen vor lässt. Nach der Gerste wollte kaum noch etwas wachsen. Bei 10 kg/ha Saatstärke kostet ihn die Reinsaat gerade mal 35 Euro/ha.

Ramtillkraut wächst schnell und hoch, ist genügsam, unterdrückt Unkraut und Ausfallsamen, liefert organische Masse, verhindert Erosion, bindet Nährstoffe und der Weizen kann problemlos in den stehenden Bestand gedrillt werden. Das Ramtillkraut wird dabei gequetscht und stirbt überwiegend ab; der Rest friert ab.

Die moderne Drilltechnik schafft mit ihren Schneidwerkzeugen heute eine saubere Kornablage. „Der Feldaufgang ist super. Schließlich ist die Hauptkultur ja das Wichtigste: Was nützt mir die schönste Zwischenfrucht, wenn sie die Folgefrucht nicht fördert?“

Neue Wege suchen, alte behalten

Trotz aller Suche nach Möglichkeiten, den Glyphosateinsatz zu verringern: Dieter Fuchs weiß, dass es auch für ihn ohne Totalherbizid schwerer wird. „Wir versuchen, neue Wege zu gehen, aber bis jetzt haben wir keinen Ersatz gefunden. Ramtillkraut ist für uns oft eine gute Alternative. Aber 2018 hat es nicht funktioniert, da das Wasser gefehlt hat.“

Die Konsequenzen bei einem Wirkstoffverlust sind für ihn direkt greifbar. „Heute werden rund 40 Prozent der Flächen Hessens pfluglos bearbeitet. Fällt Glyphosat weg, wird die Zahl einstellig und die Direktsaat verschwindet komplett.“

Unter seinen Berufskollegen beobachtet Fuchs eine große Einigkeit. „Glyphosat ist ein Werkzeug unter vielen. Ich kann mal ohne klarkommen und mein Bestreben ist immer, dies zu erreichen. Aber im Zweifelsfall muss ich darauf zurückgreifen können: wenn Zwischenfrüchte nicht etabliert werden können wie 2018, wenn zu viele Ausfallsamen oder Unkräuter da sind oder wenn die Zwischenfrucht nicht abfriert.“

Wozu Pflügen führen würde

Die Alternativen? Fuchs weiß, dass er einige der Probleme nicht hätte, wenn er pflügen würde.

Aber er hätte andere, die sofort neue Debatten in Politik und Gesellschaft auslösen würden: Bodenerosion, ansteigende Nitratwerte durch verstärkte Mineralisation, reduziertes Bodenleben und verringerte Biodiversität. „Es gibt kein Patentrezept. Schließlich arbeiten wir ja mit der Natur und müssen uns jedes Jahr neu darauf einstellen.“

Mit Material von Catrin Hahn, freie Agrarjournalistin
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