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Sonnenblumen

Neuer Betriebszweig: Vogelfutter vom eigenen Acker

Christian Pülsch-Janßen baut für sein Wildvogelfutter Sonnenblumen an.
am Montag, 14.11.2022 - 10:00 (Jetzt kommentieren)

Vogelfutter Wenn landwirtschaftliche Unternehmer etwas gut können, dann ist es, Gelegenheiten erkennen und Ideen umsetzen. So auch Christian Pülsch-Janßen aus Cuxhaven. Der Landwirt baut auf seinen Flächen Samen für Vogelfutter an.

Die Sonnenblumenernte erfolgt mit normalen Mähdreschern.

Alles begann mit einem Schüler Start-up. Nach fast zwei Jahren ist es auf dem besten Weg, ein Standbein für den Betrieb zu werden: Milchviehhalter Christian Pülsch-Janßen aus Cuxhaven verkauft Wildvogelfutter, einen Großteil dafür baut er auf seinem Betrieb an. Vogelfutter? Ist das nicht nur ein kurzfristiges Saisongeschäft im Winter? Schließlich ist es nicht für den Piepmatz im heimischen Wohnzimmer gedacht, sondern für die Vögel im Garten. „Nein“, erklärt Pülsch-Janßen, „das Projekt ist super angelaufen.“

So entstand die Projekt-Idee für Vogelfutter

Der Erntezeitpunkt für den Buchweizen ist nicht ganz einfach zu erkennen, da er sehr ungleichmäßig blüht und abreift.

Vor fast zwei Jahren, im Herbst 2020, kam die Unternehmerin Elke Freimuth, Gründerin der Naturschutzorganisation wilde-natur.org mit einer Projektidee auf ihn zu: Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren aus ganz Deutschland hatten sich zu einem Schüler-Start-up zusammengetan. Sie wollten Vogelfutter verkaufen, das von heimischen Landwirten wirtschaftlich rentabel und unter naturschutzfachlichen Aspekten angebaut werden soll. Für Landwirt Pülsch-Janßen eine gute Idee, bei der er gerne mitmachen wollte.

Hürden zu Beginn

Nutzhanf hat keine berauschende Wirkung, wird aber wegen der wertvollen Fettsäuren gerne von den Vögeln gefressen.

Während die Schüler sich um das Marketing ihres geplanten Produktes, den Verkauf und den Onlineauftritt kümmerten, sollte die Aufgabe des Landwirtes der Anbau sein. Doch das war gar nicht so einfach. „Was fressen Wildvögel und wie baue ich die entsprechenden Sämereien an“, war die Frage, die der Landwirt zu beantworten hatte.

Für den ersten Frageteil konnte er unter anderem auf Experten zurückgreifen, die die Schüler-Firma naturfachlich unterstützten, wie Wildvogelexperten. Dabei kam raus, dass es in erster Linie um den Anbau von Sonnenblumen, Futterhanf, Buchweizen, Mohn und Leinsamen ging. „Doch ich bin Milchviehhalter in einer Küstenregion, Erfahrung mit Sonnenblumen, Hanf, Buchweizen und Co. hatte ich nicht und kannte auch in der Nachbarschaft keinen, der das schon angebaut hatte“, erinnert sich Pülsch-Janßen. Also hieß es erstmal, rumtelefonieren, Fachberater suchen, Infos einholen.

Start mit 5 Hektar

Mit fünf Hektar sollte das Projekt starten. Gleichzeitig begannen die Schüler mit ihren Aufgaben, organisierten Pressetermine mit Zeitungen und Fernsehsendern und entwickelten den Internetauftritt mit entsprechender Verkaufsplattform. Damit das Projekt schon starten konnte bevor die eigene Ernte da war, kauften die Schüler Wildvogelfuttermischungen zu. Und das lief wie geschnitten Brot:

Schon bevor die erste eigene Ernte angeboten werden konnte, hatten die Schüler 16 t zugekauftes Vogelfutter vermarktet. „Uns wurde sehr schnell klar, dass unsere geplanten fünf Hektar zu knapp kalkuliert waren und wir haben den Anbau kurzerhand auf elf Hektar ausgedehnt“, berichtet der Landwirt - jetzt im zweiten Jahr sind es schon 34 Hektar.

Diese Kulturen bereichern die Fruchtfolge:

Angebaut wurden im ersten Jahr fünf Hektar Sonnenblumen, eineinhalb Hektar Buchweizen, drei Hektar Hanf, und jeweils ein knapper Hektar Leinsamen und Mohn. „Letztere haben wir im zweiten Jahr wieder aus dem Anbau raus genommen. Es hat sich gezeigt, dass die Vögel zum Teil das schon richtig gut finden, aber der Aufwand mit Anbau, Ernte, Reinigen und Trocken rechnete sich einfach nicht.“ Gedüngt wird mit der Rindergülle vom eigenen Milchviehbetrieb, Pflanzenschutz wird lediglich im Vorauflauf bei den Sonnenblumen eingesetzt.

Mineraldünger und weiterer Pflanzenschutz waren bisher nicht notwendig. Neben dem Sonnenblumenfeld am Hof ist ein Blühstreifen angelegt. GAP-Auflage? „Nein“, erklärt Pülsch-Janßen, „eine Auflage des Schüler-Start-ups waren Naturschutzmaßnahmen. Darunter fallen zum Beispiel diese Blühfläche, aber auch andere, wie Nistkästen anbringen oder Bienenstöcke, die ein Imker hier aufstellte.“

Diese Kulturen sind im Vogelfutter enthalten:

Die Ernte erfolgte mithilfe des Lohnunternehmers Stefan Grell aus Varrel (Landkreis Cuxhaven). „Es ist wichtig, einen Lohnunternehmer an der Hand zu haben, der das mitmacht. Die Flächen sind nicht sehr groß, die Ernte ist nicht einfach, weil zum Teil die Halme noch grün und damit sehr „zäh“ sind“, sagt Pülsch-Janßen. Auch der Zeitpunkt für die Ernte sei nicht immer einfach zu erkennen.

Der Buchweizen zum Beispiel habe eine sehr ungleichmäßige Blüte und Abreife, dadurch sei die Wahl des Erntetermins sehr schwierig und brauche Erfahrung. Getrocknet wurde die Ernte dann auf einem Betrieb mit Biogasanlage in der Nachbarschaft, gereinigt wurde mit einem Getreide-Windsichter auf dem Hof. Das dabei bei anfallende Kaff wird an die Jäger zur Wildfütterung abgegeben, auch ein Nachhaltigkeitsaspekt.

Doch nicht nur Anbau und Ernte lagen in der Hand des Landwirtes, auch die Abfüllung in Säcken und der anschließende Versand. Entsprechend der Empfehlung der Vogelexperten werden die Bestandteile auf dem Hof gemischt. Buchweizen, Sonnenblumen und Hanf aus eigenem Anbau, zugekaufte Erdnüsse und Rosinen, verfeinert mit Leinsamen. Je nach Mischung heißen diese dann ‚saisonales Buffet‘, ‚kleines oder großes Frühstück‘.

So begann das Projekt mit der ersten Ernte?

Die erste Ernte wurde auf dem Hof noch händisch mit einer Schaufel in Säcke abgefüllt, für die neue Ernte gibt es nun auf dem Betrieb eine Absackanlage. Eine deutliche Arbeitserleichterung, denn „so nebenbei“ betreibt Pülsch-Janßen ja auch noch einen Milchviehbetrieb mit 180 Kühen, plus der weiblichen Nachzucht und bewirtschaftet gut 140 Hektar, rund 50 Prozent davon Acker.

Abgefüllt werden die unterschiedlichen Mischungen in Papiersäcken zu fünf Kilogramm, zehn Kilo und 25 Kilogramm. Die per E-Mail eingehenden Bestellungen werden über einen Paketdienst verschickt. Aber auch in verschiedenen Raiffeisen- und Gartendekomärkten wird mittlerweile das Futter angeboten. „Viele neue Kunden kaufen zuerst einen fünf-kg-Sack. Aber schon bei der nächsten Bestellung wird es ein größerer“, ergänzt Julia Janßen.

Wie setzt die Familie das Vogelfutter-Startup um?

Während ihr Mann für die „Außenarbeit“ zuständig ist, kümmert sie sich um den Onlineauftritt, die Bestellungen, eingehende E-Mails und hält den Kontakt zu den Kunden. Denn mittlerweile haben sie das Vogelfutter-Start-up-Unternehmen komplett übernommen. „Gestartet ist es als Schüler-Projekt im Herbst 2020, im März 2021 sind wir als Betrieb eingestiegen. Im Oktober 2021, als das für ein Jahr geplante Schüler-Projekt auslief, haben wir es übernommen“, erzählt sie weiter, „denn wir sehen hier wirklich Potenzial.“

Natürlich trägt das Unternehmen nach so kurzer Zeit sich noch nicht selbst, aber die beiden sind zuversichtlich. „Der Kundenstamm steigt kontinuierlich, mittlerweile müssten es so um die 300 bis 400 sein, darunter viele Stammkunden. Allein in den ersten acht Monaten 2022 hatten wir über 1.000 Bestellungen“, rechnet sie schnell nach.

Diese Erwartungen haben Kunden an Futter für Gartenvögel:

Und woher weiß man nun, was bei den Vögeln ankommt? Zuerst haben die beiden sehr viel rumtelefoniert und Informationen gesammelt. Bei Vogelexperten, aber auch Futtermischern. Jetzt testen sie neue Mischungen, zum einen bei den zahlreichen Vögeln auf ihrem Hof. Nur wenn es restlos weggeputzt wird, kommt es in den Shop. So haben sie auch Erbsen und Bohnen ausprobiert. Diese wurden aber von den Vögeln mehr oder weniger verschmäht und das Kleinhacken der Sämereien war auch nicht praktikabel. „Stammkunden werden ebenfalls eingebunden. Die bekommen Probesäcke und erst wenn die ihr O.K. geben, nehmen wir es auf,“ berichtet Pülsch-Janßen.

Ein entscheidender Punkt für die Stammkunden sei die Qualität. Dazu gehöre der eigene Anbau und Verarbeitung, und die Zukaufprodukte stammen von zertifizierten Betrieben. Natürlich ist durch den hohen Aufwand das Futter teurer als im Supermarkt; je nach Mischung kostete das Kilo zwischen 2,50 Euro und 3,50 Euro, aber die Kunden sehen die Qualität. „Es gibt Stammkunden, die behaupten, ihre Gartenvögel verschmähen jetzt das Supermarktfutter“, sagt Christian Pülsch-Janßen und grinst.

Positive Wirkung auf Radfahrer und Verbraucher

Und was man nicht unterschätzen sollte, so führt er weiter aus, sei die enorme Öffentlichkeitswirkung: „An unserem Hof fahren sehr viele Radfahrer vorbei. Früher hat sich keiner dafür interessiert, was wir da anbauen. Öfter gab es auch Gemecker, wie alle Landwirte das kennen. Doch seit die Sonnenblumen hier stehen, mit den Blühflächen daneben und den Schildern „Vogelfutter“, halten die Leute an, freuen sich, stellen Fragen, lassen sich informieren. Das Image ist völlig anders.“

Dazu kommt, dass Pülsch-Janßen mittlerweile Vorträge zu dem Thema hält, nicht nur für Landwirte, insbesondere interessierte Verbrauchergruppen und sogar Nabu-Verbände fordern ihn an. So kann er zeigen, was Landwirte bezüglich Nachhaltigkeit, Umwelt- und Naturschutz alles machen.

Aber war es nicht ein Risiko, noch quasi vor Verkaufsstart den „Vogelfutteranbau“ auf elf Hektar aufzustocken? „Die Start-up-Idee fanden wir gut, das wollten wir unterstützen und dafür muss man auch mal was wagen“, erklären Julia und Christian Pülsch-Janßen einstimmig, „Aber ein Risiko? Was hätte denn bei Nichtgelingen schlimmstenfalls passieren können?“

www.wildvogel-futter.de

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