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Gastkommentar

Ohne mehr Produktivität kein neues Ernährungssystem

Koernerleguminosen-Erbsen-Mulchsaat-Ernaehrungssystem
am Freitag, 08.04.2022 - 05:01 (1 Kommentar)

Angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine verstärkt sich die Diskussion um unser Ernährungssystem. Muss auf Düngung verzichtet werden? Ist Stilllegung noch zeitgemäß? Ein Gastkommentar von Prof. Dr. Henning Kage, was bei einer erfolgreichen Transformation wichtig ist.

Der am 1. April veröffentlichte offene Brief „Handlungsmöglichkeiten für die Transformation des Ernährungssystems angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine“ von Lukas Fesenfeld et al. nutzt die aktuelle, durch den Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelöste Diskussion über die Ernährungssicherheit. Er bringt schon länger bestehende Forderungen nach einer weitreichenden Umgestaltung des Ernährungssystems als Lösungsvorschlag in die Diskussion um eine drohende Ernährungskrise ein.

Warum die Ernährungssicherheit in Europa ungünstiger ist als von vielen gedacht

Prof-Henning-Kage

Schon vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine war die Situation der Ernährungssicherheit weitaus unsicherer, als es von vielen Akteuren in Europa wahrgenommen wurde. Die aktuellen Zuwachsraten der weltweiten Nachfrage nach wichtigen Ernährungsgütern liegt aktuell durchweg bei über 1 % und Jahr, wohingegen die Zuwächse der weltweiten Produktion von Mais, Weizen, Reis und Sojabohnen in einem stetigen Trend bereits spätestens 2019 diesen Wert unterschritten haben. Nicht zuletzt der Klimawandel macht es wahrscheinlich, dass diese negativen Trends im Bereich der Produktionsentwicklung sich fortschreiben und wir nach Jahrzehnten einer sich entspannenden weltweiten Versorgungssituation bei Nahrungsgütern jetzt nicht nur kurz- sondern gegebenenfalls auch mittelfristig in eine Situation gelangen, in der wir es mit realen Knappheiten auf den Weltmärkten für Agrargüter zu tun bekommen.

Es braucht pflanzliche und tierische Produktion, um Wertstoffkreisläufe zu schließen

Insofern sind die Forderungen der Autoren des offenen Briefes nach einem effizienteren und zielgerichteteren Umgang mit Agrarprodukten nachvollziehbar und eine Minderung bzw. Einschränkung der Verluste und der Fehlverwendung von Nahrungsgütern sind zu unterstützen. Im Einzelnen sind die Zusammenhänge zwischen Umwelt, agrarischen Produktions- und sozioökonomischen Systemen jedoch häufig komplex und im Speziellen sind die Wechselwirkungen zwischen Pflanzen- und Tierproduktion nach wie vor eng und sollten in Zukunft noch enger werden, um Nährstoffkreisläufe besser zu schließen.

Eine Anpassung der Tierhaltung braucht Zeit

Insbesondere in der Tierhaltung ist zu beachten, dass viele Anpassungsprozesse Zeit brauchen. Trotz bereits jetzt in Deutschland sinkender Nachfrage nach Fleisch, erscheint es unwahrscheinlich, dass sich der globale Trend nach einem Anstieg der Nachfrage Fleisch- und Milchprodukten in näherer Zeit umkehren wird, selbst wenn Deutschland oder Europa eine solche Entwicklung durch politische Entscheidungen weiter forcieren. Vor diesem Hintergrund muss genau analysiert werden, wie die Relation der Umwelt- und Klimabelastung einheimischer zu internationalen Produktionssystemen ist. Insofern ist es folgerichtig - und auch von den Autoren des offenen Briefes angesprochen - eher die Verbrauchs- als die Angebotsseite des Fleischsektors politisch zu adressieren.

Warum heimischer Anbau von Körnerleguminosen nicht alle Probleme löst

Die Forderung nach einem höheren Anteil an Körnerleguminosen in den heimischen Fruchtfolgen ist leicht gestellt, aber deren Bewertung im Hinblick auf Umweltwirkungen (mögliche Belastung des Grundwassers durch Nitrat) und die regionale und globale Produktivität wahrscheinlich komplexer, als den Autoren des offenen Briefs möglicherweise bewusst ist. Die aktuelle Produktivitätslücke heimischer Körnerleguminosen zu Getreide oder Hackfrüchten sowie der komparative Vorteil der Sojaproduktion in Übersee sind groß.

Pauschale Senkung des Mineraldüngereinsatzes kann kontraproduktiv sein

Die Forderung nach einer pauschalen Reduktion des Mineraldüngereinsatzes ist eher kontraproduktiv im Hinblick auf Ernährungssicherung und Klimaschutz. Unbestritten bestehen auch in diesem Bereich noch Effizienzreserven. Bei Einbeziehung des knappen Faktors Fläche in die Bewertung und bei Annahme realistischer Beziehungen zwischen Stickstoffeinsatz und Emissionen sind die heute im konventionellen Pflanzenbau üblichen Produktionsintensitäten aber häufig schon recht nahe am „Klimaoptimum“. Insofern würde eine weitreichende Umstellung auf ökologische Produktionsverfahren den Klimahaushalt eher be- als entlasten.

Wo liegen Herausforderungen bei der Farm to Fork-Strategie?

Nicht von den Autoren des offenen Briefs adressiert, aber aktuell intensiver zu diskutieren, ist die Kosten/Nutzen-Relation der derzeitigen und zukünftigen agrar- und agrarumweltpolitischen Maßnahmen in Deutschland und Europa und deren gegebenenfalls notwendige Neuadjustierung vor dem aktuellen weltpolitischen Hintergrund. Sehr viele der bisherigen Maßnahmen sind meiner Auffassung nach bestenfalls gut gemeint, aber im Detail schlecht gemacht (z.B. Düngeverordnung), andere sind als politisch robuste Durchsetzung von Ideologien einzustufen (z.B. Glyphosat-Verbot). Eine aktuelle Studie der Princeton University: "Europe's Land Future?" spricht sehr deutlich die Widersprüche der aktuellen Farm to Fork-Strategie mit der Notwendigkeit einer ausreichenden Produktivität des Agrarsektors in Europa an.

Was bringen 4 Prozent Stilllegung der Biodiversität?

Mir persönlich erscheint es fraglich, ob 4% pauschale Flächenstilllegung ohne klaren, durch Bedarfe definierten räumlichen Zielkorridor tatsächlich einen messbar positiven Effekt auf die Biodiversität mit sich bringen. Die preistreibenden und damit Hunger verschärfenden Effekte sind auf der anderen Seite leicht zu ermessen.

Warum Produktivität der Schlüssel zu Ernährungssicherheit und Klimaschutz ist

Krisen sind immer auch Chancen. Die besondere Rolle der Ukraine und Russlands im Agrarsektor legt aktuell neben dem Energiebereich einen besonderen Fokus auf die Landwirtschaft. Wir sollten die positiven Aspekte der Produktivität wieder stärker in die Diskussion aufnehmen. Produktivität ist Ernährungssicherung und Klimaschutz, sofern wir diese in Zukunft mit noch höherer Ressourceneffizienz erreichen.

Kommentar

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