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Chemischer Pflanzenschutz

Pflanzenschutz: Was ist künftig noch erlaubt?

Pflanzenschutz-Selbstfahrer auf einem Acker
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Klaus Strotmann, agrarheute
am
22.02.2019
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Pflanzenschutzmittel verlieren ihre Zulassung, Resistenzen nehmen zu. Gleichzeitig wächst der Bedarf nach mehr Nahrung von weniger Fläche. Die Landwirtschaft steht vor einem Dilemma. Wie kann sie künftig mit weniger Pflanzenschutz noch wirtschaften? Unser Check zeigt, was die Marktteilnehmer fordern. Diskutieren Sie mit!

Fünfzig Prozent weniger Ertrag – dieses Schreckensszenario droht, wenn die deutsche Landwirtschaft ohne chemischen Pflanzenschutz und Mineraldünger auskommen soll. Schnell ist von riesigem Importbedarf aus unkontrollierten Herkunftsländern die Rede und von Zwangsökologisierung.

Das ist plakativ und relativ weit weg von der Realität, aber es regt zum Nachdenken an. Können wir uns weniger Pflanzenschutz überhaupt leisten?

Weltweit hungern laut aktuellem Welthungerindex 821 Mio. Menschen und die pro Kopf verfügbare Ackerfläche schrumpft. Im Jahr 2050 werden 9,8 Mrd. Menschen auf der Erde leben. Jeder muss sich dann von 1.800 qm ernähren können. Heute sind es immerhin noch 2.100 qm.

Die Welternährungsorganisation FAO hat berechnet, dass die Entwicklungsländer ihre landwirtschaftliche Produktion um 77 Prozent steigern müssen, um ihre Bevölkerung dann noch zu ernähren. Das betrifft uns nicht? Falsch, sagt die FAO, auch die entwickelten Länder müssen ihre Produktivität um 24 Prozent verbessern.

Das fordern die Beteiligten

Umweltverbände sowie Teile der Politik und der Verbraucher fordern eine Reduktion des chemischen Pflanzenschutzes. In Berlin demonstrieren jedes Jahr Zigtausende Bürger für eine Agrarwende. Damit steht jeder Ackerbauer als Produzent mitten im Spannungsfeld zwischen den Interessen unterschiedlichster Marktteilnehmer. Hier ein Schlaglicht auf die Meinungen.

Mehr zur Zukunft des Pflanzenschutzes lesen Sie im aktuellen Titelthema Ihres agrarheute-Magazins März 2019. Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit und nutzen Sie die Kommentarfunktion unten!

1. Die Umweltverbände

Naturschutz- und Umweltverbände setzen sich für eine Reduktion der eingesetzten Mengen an Pflanzenschutzmitteln ein.

Dabei könne aus den Erfahrungen des Ökolandbaus gelernt werden. „Es bringt aber nichts, nur zwischen Landwirtschaft und Umweltverbänden zu diskutieren. Das haben wir in den letzten 25 Jahren ohne Erfolg getan“, sagt Jörg-Andreas Krüger, der beim WWF Deutschland den Bereich Naturschutz leitet.

„Wir müssen in einer breiten gesellschaftlichen Debatte klären, welche Art der Landbewirtschaftung wir wollen und wie wir Wertschätzung für die Produkte entwickeln. Die muss sich dann auch in Marktchancen für die Bauern auswirken.“

Krüger sieht die Politik am Zug, einen Reduktionsplan zu entwickeln und über eine Pflanzenschutzsteuer nach dem Vorbild Dänemarks nachzudenken. Ausgleichsflächen für mehr Biodiversität sollen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln kompensieren.

2. Der Verbraucher

„Produzenten und Bürger haben sich immer weiter voneinander entfernt, und das wechselseitig“, kritisiert Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Julia Klöckner. „Das spiegelt sich in der Debattenkultur wider, die beiderseits oft in Moral abseits von Fakten endet.“

Der Verbraucher fordert einen Ackerbau, der möglichst ökologisch ist, will aber gleichzeitig volle Regale mit möglichst günstiger, heimischer Ware.

In Rückständen von Pflanzenschutzmitteln sieht der Verbraucher unabhängig von gesetzlich festgelegten Grenzwerten seine Gesundheit bedroht. Er nimmt kritisch wahr, was auf den Feldern passiert und fordert ein Mitspracherecht.

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3. Der Lebensmitteleinzelhandel

Der Handel will möglichst gleichartige Ware, die günstig im Einkauf ist und sich ohne Makel verkaufen lässt. Pflanzenschutzmittel sind ein Instrument zur Qualitätssicherung, aber Rückstandsgehalte beobachtet der Einzelhandel kritisch.

Teilweise geben die großen Händler den Landwirten Grenzwerte vor, die strenger als die hohen gesetzlichen Standards in Deutschland sind. Molkereien und Bäckereien werben mittlerweile mit der Aussage „ohne Glyphosat hergestellt“.

Aus Sicht des Obstbau-Pflanzenschutzberaters Arno Fried vom Landwirtschaftsamt in Karlsruhe sind die verschärften Forderungen des Handels wissenschaftlich nicht nachvollziehbar.

„Dadurch kann die Beratung nicht die sinnvollsten Anwendungen empfehlen, sondern muss sich auf die geringstmögliche Nachweisbarkeit von Rückständen ausrichten. Das widerspricht einer Antiresistenzstrategie und den Grundlagen des integrierten Anbaus, beispielsweise der Bekämpfung nach Schadschwellen.“

4. Der Landwirt

Viele Bauern fühlen sich nur noch als Kompensationsraum für städtische Wünsche: billige Lebensmittel, aber bitte rückstandsfrei; gepflegter Naturraum, aber bitte ohne störende Spritzen oder Düngerstreuer.

Die Betriebe müssen aber von dem leben können, was im Stall und auf dem Acker wächst. Sie haben ein eigenes Interesse daran, dass es den Tieren, Böden und Pflanzen gut geht, denn nur dann sind sie produktiv. Zur bestmöglichen Versorgung gehört auch Medizin, wenn die Lebewesen nicht gesund sind; das gilt gleichermaßen für Tiere und Pflanzen.

5. Die Zulassungsbehörden

Diese Medizin – im Ackerbau als Pflanzenschutzmittel – steht auf EU- wie auch auf deutscher Ebene massiv auf dem Prüfstand. Die deutschen Behörden stehen im Spannungsfeld zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium mit teils gegenläufigen Interessen. Das Zulassungsverfahren dauert im Vergleich zu den EU-Nachbarn deutlich länger.

Eine Vielzahl an Wirkstoffen wird in den kommenden Jahren vom Markt verschwinden, weil neue Erkenntnisse sie als zu gefährlich bewerten. Das betrifft vor allem die Fungizide.

Die Behörden beurteilen die Wirkstoffe mittlerweile nach deren grundsätzlicher Gefahr; das tatsächliche Risiko unter Praxisbedingungen bleibt weitgehend unberücksichtigt. Die sogenannten Cut-off-Kriterien führen dazu, dass beispielsweise hormonwirksame Wirkstoffe nicht mehr genehmigungsfähig sind.

6. Die Wissenschaft

Forscher und Berater kritisieren die gefahrenbasierte Bewertung, weil sie nicht die Realität auf dem Acker abbildet. Sie warnen vor den Folgen reduzierter Wirkstoffpaletten: Wenn sich Behandlungen auf immer weniger Wirkstoffe konzentrieren, steigt das Resistenzrisiko. Zu beobachten ist das beispielsweise bei Ackerfuchsschwanz und Windhalm, die mancherorts kaum noch zu bekämpfen sind.

„Debatten über die Sicherheit chemischer Pflanzenschutzmittel werden spätestens seit der Politisierung des Wirkstoffs Glyphosat zunehmend emotional und abseits der Fakten geführt“, sagt der Kieler Phytopathologe Prof. Joseph-Alexander Verreet.

7. Die Industrie

Die Pflanzenschutzmittelhersteller klagen seit Jahren über einen massiven Zulassungsstau. Hunderte Anträge auf Wieder- oder Neuzulassung liegen auf Halde, weil auf europäischer wie auch auf deutscher Ebene kaum etwas vorwärtsgeht. Das Verfahren sei überreguliert, sagen die Hersteller.

Gänzlich neue Wirkstoffmechanismen, die bei zunehmenden Resistenzen und weniger verfügbaren Mitteln auch künftig eine schnelle chemische Lösung versprechen könnten, sind nicht in Sicht.

Unternehmen ziehen sich aufgrund wachsender Restriktionen aus der Forschung in Europa zurück. Auch in der Züchtung ist dieser Trend zu beobachten, vor allem bei weniger rentablen Kulturen. Dabei gewinnen gerade neue, resistente Sorten an Bedeutung, wenn der Pflanzenschutz künftig zurückgefahren werden muss.

Digitalisierung als Chance

Prof. Jens Karl Wegener beschäftigt sich am Julius Kühn-Institut mit neuen Technologien im Pflanzenschutz.

Eine Chance sieht er in der Digitalisierung als viertem Entwicklungsschritt nach Mechanik, Züchtung und Chemie. „Heute steht ein Vielfaches an Information auf Quadratmeterbasis zur Verfügung. Damit lassen sich viel mehr Stellschrauben drehen als in der Vergangenheit.“

Über frühzeitiges, sensorgestütztes Erkennen von Unkräutern wird es in naher Zukunft möglich sein, Pflanzenschutzmittel nur noch teilflächenspezifisch auszubringen. Das könnte die Zulassungsfähigkeit von heutigen Wirkstoffen erhalten.

„In den nächsten fünf Jahren rechne ich zudem mit ernstzunehmenden Alternativen bei der Unkrautbekämpfung durch autonom agierende Roboter“, sagt Prof. Wegener. Technisch weitaus schwieriger wird es, Fungizide und Insektizide durch Roboter zu ersetzen.

„Vorausgesetzt, dass der konventionelle Landbau in Deutschland weiterhin politisch gewollt bleibt, werden wir nicht ohne chemischen Pflanzenschutz auskommen“, bilanziert der Wissenschaftler. „Mithilfe der Technik können wir die damit verbundenen Risiken aber weiter reduzieren.“

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