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Unkrautbekämpfung

Pflanzenschutz: Was tun, wenn immer mehr Wirkstoffe wegfallen?

Unkrautbekämpfung per Strom mit dem Zasso-Gerät
am Freitag, 22.11.2019 - 09:29 (1 Kommentar)

Chemie verliert künftig an Bedeutung, das ist sicher. Kann Starkstrom eine Alternative sein? Das wollten wir von Ihnen wissen.

Wenn Glyphosat und andere Wirkstoffe künftig wegfallen, wird es im Pflanzenschutz immer enger. Darüber sind sich Praktiker, Berater und Wissenschaftler einig.

Doch welche Alternativen gibt es, um Pflanzen gesund zu halten und gleichzeitig drohenden Resistenzen vorzubeugen?

Was bleibt, wenn immer mehr Pflanzenschutzmittel wegfallen?

Fest steht: Es wird komplizierter, denn die eine – einfache – Lösung mit Chemie wird massiv an Bedeutung verlieren. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Stellschrauben wird immer wichtiger. Dazu gehören:

  • Vielfältigere Fruchtfolgen – mehr Blattfrüchte und Sommerungen in der Fruchtfolge unterbrechen Vermehrungszyklen und ermöglichen den Einsatz anderer Pflanzenschutzmittel. Für manche Betriebe drohen Einbußen im Vergleich zu heutigen, intensiven Fruchtfolgen.
  • Robustere Sorten – hier ist die Züchtung gefragt, stress-, krankheits- und schädlingstolerante, unkrautunterdrückende Sorten in den Markt zu bringen.
  • Mehr wendenden Bodenbearbeitung – mit den bekannten Nachteilen Erosion, CO2-Freisetzung, Störung des Bodenlebens, Energieaufwand.
  • Höherer Anteil Ökoflächen – mit geringeren Erträgen, schwankender Qualität und damit steigendem Importbedarf.
  • Neue Anbausysteme – Anbau auf Dämmen, Anhäufeln, Untersaaten, Zweitfruchtsysteme – alles was hilft, das Unkraut zu unterdrücken oder die Übertragung von Sporen zu mindern.
  • Neue Ansätze bei der Unkrautbekämpfung – Hack- und Striegeltechnik, Sensorsteuerung, Robotik und Strom – in den kommenden Jahren sind bei der Technik die größten Innovationen zu erwarten.

Unkrautbekämpfung per Strom – wie funktioniert das?

Eine der eher unbekannten Alternativen haben wir uns näher angeschaut: Starkstrom vs. Pflanze.

Ein am Schlepper montierter Generator wandelt die Energie der Zapfwelle in elektrischen Strom um, der über zwei Reihen an Metallbändern in die Pflanzen ein- und wieder ausgeleitet wird.

Damit wandern die 7.000 V über die Blätter und den Spross bis in die Wurzelspitze, auf dem kürzesten Weg in die Wurzeln benachbarter Pflanzen und über deren Blätter wieder zurück in die Maschine. Der Kreis ist geschlossen.

Der Strom bewirkt ein Aufplatzen der Zellen in der gesamten Pflanze, mit Ausnahme verholzter Teile. Damit wirkt Strom ähnlich wie ein systemischer chemischer Wirkstoff: Also vom Blatt bis zur Wurzel.

Ersatz für Glyphosat

Das System kann ein Totalherbizid ersetzen, beispielsweise in der Sikkation bei Kartoffeln oder beim Beseitigen von Zwischenfruchtbeständen im Frühjahr.

Das Unternehmen Zasso arbeitet gemeinsam mit AgXtend, der Digitalsparte von CNH Industrial, an diesem Verfahren. Noch sind einige Fragen offen, beispielsweise nach der Flächenleistung: Mit 3 m Arbeitsbreite und 1-3 km/h ist das Verfahren derzeit noch nicht mit chemischem Pflanzenschutz vergleichbar. In Vollkosten sind mit 150 bis 200 Euro/ha zu rechnen.

Wirkung und Auswirkungen

Auch ist die Wirkung je nachdem, wie trocken der Boden und die Pflanzen sind, recht unterschiedlich. Unter zu feuchten Bedingungen fließt der Strom zu schnell ab und die Leistung der Maschine muss erhöht werden.

Bei der Frage nach Auswirkungen auf das Bodenleben verweist Karsten Vialon, Produktmanager bei AgXtend auf die bestehenden Verfahren: Im Vergleich wirkt sich der Standard Glyphosat am wenigsten auf Regenwürmer, Mikroben & Co. aus; Strom hat einen ähnlichen Einfluss auf das Bodenleben wie der Pflug.

Aktuelle Umfrage: Knappe Mehrheit gibt Strom eine Chance

Umfrageergebnis Unkrautbekämpfung per Strom

In unserer aktuellen agrarheute-Umfrage wollten wir wissen: Kann Strom künftig chemischen Pflanzenschutz ersetzen?

Voll überzeugt sind die Praktiker von diesem Verfahren noch nicht. 54 Prozent der Teilnehmer sehen eine Chance in dieser Technik, 46 Prozent sind eher kritisch.

635 Userinnen und User haben an der Umfrage teilgenommen.

Und so beurteilt agrarheute das Verfahren

agrarheute-Pflazenbauredakteur Klaus Strotmann

agrarheute-Pflanzenbauredakteur Klaus Strotmann meint:

Noch stecken diese Geräte in den Kinderschuhen. Wir müssen aber nach Alternativen suchen, denn Chemie wird bald nicht mehr der „Goldstandard“ sein. Kosten und Aufwand werden künftig also sicher steigen.

Wenn sich vor allem bei der Flächenleistung dieser Geräte und damit bei den Kosten etwas tut, kann Strom eines der Zahnrädchen sein, die uns bei der Unkrautkontrolle künftig weiterhelfen werden.

Kommentar

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