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Rapsanbau

Hat der Raps noch eine Chance?

Raps-Bestand-Kontrolle
am Freitag, 12.07.2019 - 11:41 (Jetzt kommentieren)

Schädlinge, immer weniger Mittel, ein kurzes Saatfenster und die Auswirkungen der Dürre: Der Rapsanbau ist unkalkulierbar geworden. Viele Anbauer lassen mittlerweile die Finger vom Raps. Doch damit fehlt eine wichtige Blattfrucht. Auch Imker schlagen Alarm.

Drei Jahre. Drei Jahre, in denen schlechte Ernte auf schlechte Ernte folgte, und auch in diesem Jahr steht der Raps vielerorts nicht gut da. Kein Wunder, dass viele Rapsanbauer die Lust an der Ölfrucht verloren haben. Schlimmer noch, sie lässt sich kaum noch handhaben.

Fragt man die besonders betroffenen Ackerbauern in der Nordhälfte der Republik, sind die Schuldigen schnell benannt: Insekten, ausbleibender Regen und Politiker, die Entscheidungen bar jeder Fakten treffen.

Welche Folgen das hat, zeigt die aktuelle Anbaustatistik. 28 Prozent weniger Raps haben die deutschen Bauern letzten Herbst gedrillt. Deutlich unter 1 Mio. ha werden in diesen Wochen gedroschen. Vor fünf Jahren waren es noch fast 1,5 Mio. ha.

Warum steht der Raps derart im Abseits, welche Folgen hat der Rückgang der Anbaufläche und welche Alternativen gibt es? Wir haben uns mit Fachleuten aus der Branche unterhalten.

Folgen der Dürre 2018

Zuallererst geht es um die Wasserknappheit. Viele Regionen haben nach wie vor mit den Folgen der Dürre 2018 zu kämpfen. Die nutzbare Feldkapazität, also das pflanzenverfügbare Wasser, lag Anfang Juni in weiten Teilen Nord- und Ostdeutschlands bei deutlich unter 50 Prozent, teilweise unter 30 Prozent. Daran hatte sich seit dem vergangenen Herbst kaum etwas geändert.

„Dabei bräuchten wir nach den schlechten letzten drei Ernten dringend einen guten Rapsertrag, sonst wird es schwierig“, sagt Pflanzenbauberaterin Manja Landschreiber von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. Es drohe eine Abwärtsspirale. „Für die Düngeplanung zählt der Schnitt der letzten drei Jahre, ohne Ausnahme.“ Mit reduzierter Düngung könnten noch schlechtere Erträge folgen.

Anfang Juni war der Raps in ihrem Beratungsgebiet extrem uneinheitlich entwickelt, „von guten bis sehr schlechten Beständen“. Die Bodenbearbeitung machte häufig den Unterschied. Gepflügte Flächen, die anschließend mehrmals gekreiselt wurden, um die Kluten zu zerstören, hatten dann keine Bodenfeuchte mehr.

Zunehmender Schädlingsdruck

Doch nach Einschätzung der Pflanzenbauexpertin ist der Wassermangel nicht das alleinige Problem. Die Kombination aus zunehmendem Schädlingsdruck und dem Wegfall wichtiger Insektizide verschärft die Situation. „Seit dem Verbot der neonicotinoiden Beizen sind viel intensivere Flächenbehandlungen nötig, vor allem mit Pyrethroiden. Das beeinflusst viele Nützlinge.“ Mit Unkraut- und Wachstumsreglerbehandlungen kommen so mitunter acht bis neun Überfahrten zusammen. Gleichzeitig ist der Kontrollaufwand besonders bei den Schädlingen groß.
Der flächige Einsatz von Pyrethroiden befeuert Resistenzen. Längst wirken sie gegen viele Schädlinge nicht mehr ausreichend. Ein wichtiger Baustein im Resistenzmanagement ist Thiacloprid, beispielsweise enthalten in Biscaya. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat sich im Mai in Brüssel dafür stark gemacht, auch dieses Neonicotinoid zu verbieten.
Für Beraterin Manja Landschreiber hätte das massive Folgen für den Anbau heimischer Eiweißpflanzen. „Fällt Biscaya weg, ist das das K. O. für den Raps.“ Die Bekämpfung der Kohlschotenmücke und – wie in der vergangenen Saison über Notfallzulassungen – von Läusen im Herbst sei dann nicht mehr möglich. Ein Schlüssel gegen den Schädlingsdruck können längere Anbaupausen von vier Jahren und eine spätere Aussaat mit schnellwüchsigen Sorten sein.

So ackern Ostfriesen: Mais und Raps auf Dämmen

Hauptnahrungsquelle für Bienen

Die Politik reagiert auf neonicotinoidhaltige Insektizide mittlerweile reflexhaft und verweist auf das Bienensterben. Imker beklagen, die Neonicotinoide in Nektar und Pollen nehmen den Bienen ihren Orientierungssinn. Eine Zukunft dieser Wirkstoffgruppe ist mehr als fraglich.
Berufsimker, die als Profis mit dem Honig ihr Geld verdienen, beurteilen die Lage deutlich differenzierter. Mit 28 Prozent weniger Rapsflächen geht auch die Hauptnahrungsquelle ihrer Bienenvölker verloren. Der logistische Aufwand wächst, wie Jörg Pardey von der Imkerschule in Bad Segeberg erklärt: „Unsere Imkerbetriebe sind auf den Raps angewiesen. In unserer Region hat sich der Rapsanbau in den letzten Jahren halbiert. Wir müssen die Bienenvölker jetzt viel öfter umsetzen, um noch an ausreichend Honig zu kommen.“
Den ganz überwiegenden Anteil seines Honigs produziert Jörg Pardey mithilfe des Rapses. „Wir wären froh, wenn die Bauern wieder mit Neonicotinoiden beizen könnten“, sagt der Berufsimker. „Ich habe noch nie Probleme durch diese Wirkstoffe beobachtet. Bei Rückstandsmessungen liegen die Ergebnisse immer weit unterhalb der Grenzwerte. Flächenbehandlungen sind für die Bienen viel kritischer.“

Welche Alternativen gibt es?

Viele Landwirte haben den Raps letzten Herbst aus der Fruchtfolge genommen, andere ihn später trockenheitsbedingt umgebrochen. Der Anteil an Wintergetreide steigt damit. Diese Entwicklung beobachtet Manja Landschreiber mit Sorge. „Mit wachsendem Anteil an Wintergetreide nehmen die Probleme zu, zum Beispiel durch schwer bekämpfbaren Ackerfuchsschwanz. Zusätzlich steigt durch den häufigeren Einsatz das Resistenzrisiko bei den Getreidefungiziden.“
Dabei ist die Rolle von Raps in der Fruchtfolge unstrittig. „Ackerbaulich gibt es keine richtig gute Alternative, die die Blattfrucht Raps ohne Probleme ersetzt“, sagt die Beraterin. Mais sei in Bezug auf den Flächenanteil und die Verwertung am Limit. Zudem mache die zwingende Winterbegrünung manchen Anbauern zu schaffen. Körnermais reife nur in wärmeren Lagen sicher ab, die Trocknungskosten seien zu hoch.

Ackerbohne nur alle sechs Jahre

Ein Joker könnte die Ackerbohne sein, doch sie wird aus Sicht der Pflanzenbauexpertin überschätzt. „Sie kann den Raps nicht ersetzen. Die Ackerbohne darf nur alle sechs Jahre in der Fruchtfolge stehen. Schon jetzt beobachten wir eine Zunahme des Schädlingsdrucks. Bereicherung ja, Ersatz nein.“

Erbsen bieten zwar eine Alternative auf schwächeren Standorten, sind aber oft nicht ausreichend vermarktungssicher. Die Sojabohne als mögliche Blattfrucht funktioniert nur in den wärmeren Regionen Süddeutschlands. Für den Norden reichen die frühreifen Sorten noch nicht aus.

Das Sommergetreide erreichte nach dem nassen Herbst 2017 und den ausbleibenden Wintersaaten ein neues Hoch. Das barg eine echte Chance, gleichermaßen für Fruchtfolgen und Anbauer. „Viele Ackerbauern haben aber letztes Jahr dürrebedingt keine guten Erfahrungen gemacht und lassen jetzt leider wieder die Finger von Sommerweizen, Sommergerste oder Hafer.“ Zudem: Sommergetreide kann eine Blattfrucht nicht ersetzen; trotzdem gehört es in die Fruchtfolge.

Teuer erkaufter Vorfruchtwert

Aus Fruchtfolgegründen ist Raps kaum verzichtbar, auch aufgrund des guten Vorfruchtwerts. Erreicht er aber nicht mindestens 40 dt/ha, gerät die Wirtschaftlichkeit der Kultur ins Wanken. Manja Landschreiber versteht, warum viele Ackerbauern nach dem Rechnen die Lust am Raps verlieren. „Wenn man Raps nur noch wegen des Vorfruchtwerts anbaut, ist das eine teure Vorfrucht.“

Trotzdem rät sie, aufgrund der immer enger werdenden Leitplanken im Ackerbau nicht nur auf den Ertrag zu sehen, sondern die gesamte Fruchtfolge im Blick zu behalten. In Zeiten von unkalkulierbaren Ernteausfällen und steigenden Anbaukosten bleibt vielen Rapsanbauern nichts anderes übrig, als sich an alternative Kulturen heranzutasten.

Der vollständige Beitrag ist im agrarheute Magazin 7/2019 erschienen.

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