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Zum Tag des Moorschutzes: Wie mit vernässten Flächen Geld verdienen?

Nebel zieht über das Ahrensfelder Moor.
am Dienstag, 02.02.2021 - 08:46 (1 Kommentar)

1 ha trockengelegtes Moor emitttiert im Jahr so viel CO2 wie 145.000 km Autofahren. Beim Moorschutz stellt sich also nicht die Frage nach dem "Warum", sondern nach dem "Wie". Doch kann Moorschutz wirtschaftlich sein?

Über Jahrhunderte waren Moore wie das Ahrensfelder Moor im Nordwesten Niedersachsens unbrauchbar für die Landwirtschaft. Mühevoll kultivierten Moorbauern die Böden und machten sie nutzbar. 2016 begann der Kreis Osterholz damit, Teilbereiche zu renaturieren. Nach und nach wird das Moor nasser, Tiere und Pflanzen kehren zurück.

Solche intakten, naturnahen Moor-Ökosysteme, wie es etwa das Ahrensfelder Moor wieder werden soll, gibt es nur noch sehr wenige in Deutschland. „95 Prozent der ursprünglichen Moore in Deutschland gelten heute als tot“, sagt Felix Grützmacher. Er ist Referent für Moorschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

Neben der über Jahre betriebenen Entwässerung verschärfe auch die Erderwärmung mit längeren Trockenperioden und unregelmäßigen Niederschlägen die Lage. Moore, die eigentlich als natürliche Kohlenstoffspeicher dienen und so Helfer gegen den Klimawandel seien, könnten auch dessen Opfer werden. Bundesumweltministern Schulze hat sich den Moorschutz jetzt mit einer eigenen Strategie auf die Fahnen geschrieben.

Moore speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder weltweit

Als natürliche Kohlenstoffsenken speichern die Moore der Welt laut Nabu etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder zusammen. Intakte Moore können sogar wie Wälder weiteres CO2 aus der Luft ziehen.

Bereits in den 1970er Jahren verpflichtete sich Deutschland daher in einer internationalen Konvention, seine Feuchtgebiete, zu denen auch die Moore gehören, zu bewahren. Der Welttag zum Schutz der Feuchtgebiete am 2. Februar erinnert seit 1997 an dieses Abkommen.

Trockenlegen führt zu Rotte und CO2-Freisetzung

Sinkt der Wasserspiegel und Torf kommt an die Luft, beginnt er zu oxidieren. Das sei ähnlich wie bei Spreewaldgurken oder sauren Heringen, die man in saurem Wasser aufbewahre, sagt der Paläoökologe Hans Joosten.

„Wenn man einen sauren Hering aus einem Topf holt und ihn einige Wochen an der Luft liegen lässt, dann gibt es keinen sauren Hering mehr. Der ist einfach weggerottet“, erklärt der Professor der Universität Greifswald.

„Genau das tun Moore auch, wenn man sie entwässert. Und all das organische Material wird dann umgesetzt in CO2.“ Jedes entwässerte Moor trägt so zur globalen Erwärmung bei.

7 Prozent der Flächen für 37 Prozent der Emissionen verantwortlich

Moore seien oft gar nicht mehr als solche zu erkennen, sagt Bärbel Tiemeyer, die am Thünen-Institut für Agrarklimaschutz in Braunschweig forscht. „Die finden sich gerade in Norddeutschland unter ganz normalen Äckern oder unter Grünland.“

Ohne den Spaten würde man diese Moorböden gar nicht erkennen. Etwa sieben Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche liege auf Moorboden. Diese sind für rund 37 Prozent aller Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft verantwortlich.

1 ha trockenes Moor setzt so viel CO2 wie 145.000 km Autofahren frei

Die Menge an CO2, die von einem Hektar Grünland mit Moorboden pro Jahr freigesetzt werde, entspreche der Fahrt eines Mittelklasseautos auf 145.000 km, also fast vier Weltumrundungen, rechnet Joosten vor. „Das Wiedervernässen der Moorflächen ist der einzige Weg.“

Doch das läuft in den Bundesländern ganz unterschiedlich ab. Viele haben mittlerweile eigene Moorschutzprogramme aufgelegt. Wie viele Moorböden inzwischen wiedervernässt wurden, sei aber nicht vollständig nachvollziehbar, sagt Thünen-Expertin Tiemeyer.

Nicht nur die Preise für Flächentausch oder Kauf erschweren das Wiedervernässen. Die kleinteiligen Flächen und kurzfristigen Förderperioden machen einen langfristigen Moorschutz für Landwirte, die sich im Klimaschutz engagieren wollen, wenig attraktiv. Es brauche mehr kooperative Ansätze, sagt Tiemeyer.

Einfach nass machen funktioniert nicht

Die Wiedervernässung ist aufwendig und teuer. „Viele haben die Hoffnung, wir machen die Flächen einfach nass und dann ist es gut. So einfach funktioniert es aber nicht“, sagt Hermann Wreesmann vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz in Niedersachsen (NLWKN).

Dämme und Überläufe, mit denen ehemalige Moorflächen nun unter Wasser gesetzt werden, müssen unterhalten und gepflegt werden. Wreesmann spricht von einer Generationenaufgabe.

Paludi: Einkommensalternative Heiz- und Dämmstoffe?

Ein Ansatz, damit Bauern mit ihren Flächen weiterhin Geld verdienen können, ist nach der Meinung von Moorexperte Joosten die Paludikultur. Bei dieser Nutzungsform werden ehemalige Moorflächen wiedervernässt, so dass sie viel weniger Treibhausgase emittieren.

Gleichzeitig werden darauf nachwachsende Rohstoffe produziert. Beispielsweise sollen landwirtschaftlich angebaute Torfmoose herkömmlichen Torf in Blumenerde ersetzen oder Rohrkolben und Schilf als Dämmmaterial dienen.

Die Kernfrage: Wie können Bauern Geld mit Moorflächen verdienen?

Für Franz Jansen-Minßen ist der kooperative Ansatz entscheidend. Der Berater entwickelt am Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen gemeinsam mit Landwirten Wege, wie Wiedervernässung auch für die Bauern wirtschaftlich sein kann.

Schnelle Maßnahmen, wie alles muss nass oder mit Agrarumweltmaßnahmen wird alles gut, funktionieren nicht, ist der Berater überzeugt. „Die niedersächsischen Moorregionen wurden über Jahrzehnte in den heutigen Zustand versetzt. Das umzukehren, ist ein Projekt für Generationen. Paludikulturen bleiben eine Nische, weil das Kosten-Nutzen-Verhältnis noch nicht zuende gedacht ist.“

Wichtig sind Gebietskooperationen, bei denen neben den Landwirten und Naturschutzverbänden auch die Kommunen und die Wasserwirtschaft an einem Strang ziehen.

Denkbar seien am Ende Zonen unterschiedlich intensiver Wiedervernässung, sagt Berater Jansen-Minßen: Von komplett vernässten Flächen, die der Bund kaufen müsse, über paludi-geeignete Moorflächen bis zu jenen Flächen, auf denen Landwirte noch standortangepasst wirtschaftlich Geld verdienen können. Jansen-Minßen: „Beim Moorschutz geht es nicht um das Warum, sondern um das Wie.“

Mit Material von dpa, Jansen-Minßen
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