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Rübenschädlinge

Massive Schäden durch bisher unbekannten Schädling

Spitzsteißiger Rübenrüssler
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Klaus Strotmann, agrarheute
am
08.05.2019
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Vor 70 Jahren hat man den Rübenrüssler zuletzt gefunden, jetzt gibt es im Südwesten Kahlfraß. Woher kommt der Schädling plötzlich? Darüber hat auch das SWR Fernsehen berichtet. Haben Sie auch Schäden beobachtet? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion.

Im Südwesten Deutschlands sind ganz aktuell Schäden an Zuckerrüben zu beobachten, die auf den ersten Blick mit Vogel- oder Schneckenfraß zu verwechseln sind.

Das Besondere: Die Schäden treten im Inneren der Rübenschläge auf – ein deutlicher Beleg dafür, dass es sich nicht um den in Österreich weit verbreiteten Derbrüssler handelt.

Zuletzt in den 1940er Jahren aufgetreten

Spitzsteißiger Rübenrüssler

Die massiven Schäden, die bis zum Totalfraß an Unkraut und jungen Rübenblättern reichen, werden durch den Spitzsteißigen Rübenrüssler (Tanymecus palliatus) verursacht. „Das ist ein Schädling, der zuletzt in den 1940er Jahren beobachtet wurde“, erklärt Dr. Christian Lang, Geschäftsführer beim Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer in Worms.

Im Südwesten wurden bisher rund 40 ha Rüben gemeldet, die so massiv geschädigt wurden, dass sie umbrochen und neu angesät wurden. „Das allerdings breit verteilt in einer Region mit rund 50.000 ha Zuckerrüben“, relativiert Lang.

Das SWR Fernsehen berichtet ganz aktuell in einem kurzen Beitrag in "SWR Aktuell" (ab Minute 11:50) über den Rübenrüssler. Rübenanbauer Markus Schneider aus Stadecken-Elsheim bei Mainz musste bereits 1,5 ha nach Totalausfall komplett neu ansäen. Berater Lang: „Die Witterung, wie wir sie aktuell haben - mit einem warmen letzten Jahr, warmem Herbst und mildem Winter - ist für den Schädling ideal."

Warum plötzlich starker Befall?

Am 7. Mai nahm Berater Lang in seinem Beratungsgebiet noch weitere Bestände in Augenschein. Die Schäden und die Schlaghistorie ähneln sich: „In den allermeisten Fällen stand nach Getreide eine Zwischenfrucht und die Rübe wurde in Mulchsaat gedrillt.“

Im warmen, trockenen Herbst herrschten auf den Flächen mit reichlich Ernterückständen ideale Vermehrungsbedingungen. Die Larven konnten über den Winter in den Zwischenfrüchten gut ausreifen, froren nicht ab und fanden im warmen Frühjahr ideale Schlupfbedingungen vor. Ein Weibchen legt zirka 300 Eier und lebt 100 Tage. Die adulten Käfer sind 1 bis 1,5 cm groß und erdfarben.

Ein möglicher Grund für das starke Auftreten ist auch der Wegfall insektizider Beizen in Zuckerrüben. Der Käfer tritt derzeit in Gebieten auf, in denen die Rüben früher mit starkem Beizschutz ausgestattet waren.

Runde Fraßstellen am Blattrand

Das Schadbild des Rübenrüsslers: Tellerrunde Fraßstellen am Rand der Rübenblätter. Die Einkerbungen erinnern auf den ersten Blick an Vogelfraß.

Nach dem Schlüpfen ist der Käfer anders als andere Rübenschädlinge nicht besonders wählerisch und nutzt das breite Nahrungsangebot. „In den Zwischenfruchtmischungen ist für den Käfer garantiert etwas dabei“, erklärt Berater Christian Lang.

Käfer frisst Rübenbestände inklusive Unkraut

Spitzsteißiger Rübenrüssler

Derzeit findet der Käfer sein ökologisches Optimum vor und kann sich daher massenhaft vermehren.

Betroffene Landwirte berichten in diesen Tagen von Fraßschäden nicht nur an Rüben, sondern auch an Unkraut wie Knöterich und sogar an Ahornsämlingen.

Teilweise lagen nur zwei Wochen zwischen befallsfreien und abgefressenen Beständen. Gräser und damit auch Getreide scheint weniger gefährdet zu sein.

Rübenrüssler vom Derbrüssler unterscheiden

Anders als zunächst vermutet, rühren die Schäden nicht vom in Österreich weit verbreiteten Derbrüssler.

Wichtige Unterschiede sind das Schadbild und die Vermehrung: Ein vom Spitzsteißigen Rübenrüssler befallener Acker kann durch den Fraß an der Vorkultur Zwischenfrucht direkt neben einem schädlingsfreien Acker liegen. Deshalb sind die Pflanzen oft von der Mitte des Feldes aus befallen und weniger oder gar nicht am Rand.

Der Derbrüssler hingegen wandert in schneller Geschwindigkeit von vorjährig befallenen Nachbarflächen ein und frisst auch nur an den Rüben.

Schäden drohen noch in den kommenden zwei Monaten

Für eine zuverlässige Diagnose ist daher ein genauer Blick in den Bestand unbedingt nötig. „Die Käfer sind erdfarben und sehr scheu. Bei Erschütterungen verstecken sie sich sofort“, sagt Christian Lang vom Rübenanbauerverband Worms. Vollgefressen und bei kühler Witterung verstecken sich die Käfer in 0 bis 2 cm Tiefe unter Erdschollen und zunächst kaum zu finden. „Nur zum Fressen kommt er an die Oberfläche.“

Noch in den kommenden zwei Monaten ist mit Schäden zu rechnen, erwartet der Berater. „Der Käfer frisst zunächst nur an den Laubblättern und an Unkraut. Wenn das Angebot nachlässt, kann er auch den Vegetationskegel verbeißen.“

Was ist zu tun?

Christian Lang empfiehlt vor allem eine erhöhte Aufmerksamkeit – rät aber von Panik ab. „Betroffene Rübenanbauer sollten mit ihrem Berater Kontakt aufnehmen. Sehen Sie sich ganz genau die Schlaghistorie ansehen, um daraus abzuleiten, wie der Befall entstanden ist.“

Der Berater empfiehlt, sich einige Fragen zu beantworten: „Welche Vor- und Vorvorfrüchte habe ich angebaut? Welche Zwischenfrüchte? Welche Bodenbearbeitung? Welche Bodenbearbeitung? Gibt es Schläge, auf denen ich im kommenden Jahr die selbe Strategie fahren wollte, und was kann ich verändern?“ Aus den Antworten lassen sich ackerbauliche Änderungen ableiten.

Gründüngung, beispielsweise mit Senf, sollte auf jeden Fall vermieden werden. Eine tiefe Pflugfurche kann die Vermehrung stoppen. Bis zu 10 cm tief kann sich der Käfer eingraben.

Es stehen keine Insektizide mit einer zugelassenen Indikation zur Verfügung. Selbst wenn eine Nebenwirkung bei einer Blattlausbekämpfung denkbar wäre, wäre sie zu schwach. Lang: „Die Käfer würden für 2 Tage inaktiv und fressen dann weiter.“ Zudem erreichen ihn versteckt im Boden die Mittel nicht.

Mit Material von Dr. Christian Lang

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