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+++ Aktualisiert: 23.12.2020 +++

Notfallzulassungen für Neonicotinoide – Der aktuelle Stand

Junge Zuckerrübenpflanzen auf einem Acker
am Mittwoch, 23.12.2020 - 15:15 (1 Kommentar)

In sieben Bundesländern dürfen Landwirte im kommenden Frühjahr neonicotinoid gebeiztes Rübensaatgut ausbringen, andere Länder stellen erst gar keinen Antrag auf eine Notfallzulassung.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat sieben Bundesländern eine mit Auflagen versehene Notfallzulassung für die Beizung von Zuckerrübensaatgut mit Thiamethoxam erteilt. Die Genehmigungen gelten für bestimmte Rübenanbaugebiete in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein, die besonders von Ertragsverlusten durch das Vergilbungsvirus bedroht sind.

Die Behörden in Sachsen-Anhalt und Thüringen werden hingegen keinen Antrag auf eine Notfallzulassung stellen. Das haben die zuständigen Ministerien agrarheute auf Anfrage mitgeteilt.

Thüringen unterstützt Rübenanbauerverband nicht

In Sachsen-Anhalt belegen die Monitoringergebnisse des amtlichen Pflanzenschutzdienstes nach Darstellung des Landwirtschaftsministeriums keine Notfallsituation. Im kommenden Anbaujahr soll das Monitoring fortgesetzt werden. "Je nach Ergebnis wird dann für die Folgejahre erneut entschieden, ob eine Antragstellung für Sachsen-Anhalt gerechtfertigt ist", erklärte ein Ministeriumssprecher.

Auch die Landesregierung von Thüringen will keine Ausnahmegenehmigung beantragen, weil es 2020 nur einen geringen Virusbefall gegeben habe. Der Verband Sächsisch-Thüringischer Zuckerrübenanbauer hat nach Angaben des Agrarministeriums allerdings am 11.12.2020 einen Antrag auf Notfallzulassung für eine Fläche von 4.000 Hektar beim BVL gestellt.

Das sind die bundesweiten Hotspots

So verteilen sich die Hotspots auf die Länder, in denen Notfallzulassungen erteilt wurden:

Baden-Württemberg

12.000 Hektar

Bayern

20.600 Hektar

Hessen 5.400 Hektar

Niedersachsen

34.700 Hektar

Nordrhein-Westfalen

40.000 Hektar

Rheinland-Pfalz

12.700 Hektar

Schleswig-Holstein 1.500 Hektar

Stand: 23. Dezember 2020

Die Zulassungen umfassen die Behandlung des Saatgutes mit dem Pflanzenschutzmittel Cruiser 600 FS. So gebeiztes Zuckerrüben-Saatgut darf in den jeweiligen Gebieten vom 1. Januar bis 30. April 2021 ausgesät werden.

Das sind die betroffenen Gebiete in Bayern und Rheinland-Pfalz

Wie das Landwirtschaftsministerium in München mitteilte, ist die Zulassung für den Freistaat ausschließlich auf das besonders betroffene Anbaugebiet Franken begrenzt.

In Rheinland-Pfalz weisen Monitoringergebnisse für den südlichen Landesteil eine sehr hohe Betroffenheit mit dem Vergilbungsvirus aus, in der Pfalz gelten 6.000 Hektar als stark befallen, in Rheinhessen 5.000 Hektar. Im Norden des Landes kamen zu einem späteren Zeitpunkt weitere 1.500 Hektar Zuckerrübenflächen im Maifeld dazu.

Als erstes Bundesland hatte Nordrhein-Westfalen am 14. Dezember eine Ausnahmegenehmigung für neonicotinoidhaltige Rübenbeizen für die Anbaugebiete im Rheinland erhalten.

Rübenanbau in Franken in einer existenziellen Notlage

Das bayerische Agrarressort betonte, dass die Zulassung an zusätzliche Auflagen und ein amtliches Monitoring gebunden werden soll. Insbesondere werden die Landwirte verpflichtet, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass Insekten wie Bienen und andere Bestäuber nicht gefährdet werden.

So sind zum Beispiel auf dem Zuckerrübenschlag nur Kulturen als Nachfolgekultur erlaubt, die für Bienen nicht attraktiv sind. Blühflächen sind hier verboten. Zudem muss gewährleistet sein, dass der Abstand zu blühenden Pflanzen ausreichend groß gewählt und Erosion vermieden wird.

Nach Angaben des Ministeriums sind in der Saison 2020 im Anbaugebiet Franken auf 87 Prozent der gesamten Anbaufläche von 22.300 Hektar Vergilbungssymptome aufgetreten. Handlungsbedarf entsteht aus Sicht des Ministeriums nicht durch wirtschaftliche Einbußen, sondern weil sich der dortige Anbau bereits in einer existenziellen Notlage befinde.

Mainz kritisiert die Haltung des Bundesministeriums

Für den Rübenanbau in diesem Jahr gab es bereits in zehn anderen EU-Mitgliedstaaten Notfallzulassungen für Neonicotinoid-gebeiztes Saatgut, unter anderem in Österreich, Polen, Belgien und jetzt auch Frankreich. Das Landwirtschaftsministerium in Mainz wies darauf hin, dass dem BVL bereits seit Monaten ein Antrag des Verbandes Hessisch-Pfälzischer Zuckerrübenanbauer vorliege, der immer noch nicht beschieden worden sei.

„Damit der Weg zu der Beize endlich frei wird“, habe sich das Land entschieden, die „rechtlich nicht nachvollziehbaren Forderungen“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu erfüllen und einen weiteren Antrag vorzulegen.

Gerig: Der bestmögliche Weg führt über die Länder

Nach Auffassung des Vorsitzenden des Ernährungsausschusses im Bundestag, Alois Gerig (CDU), ist das Verfahren über die Bundesländer hingegen aus Sicht der Landwirte der beste Weg.

Die Beteiligung der Länder stelle sicher, dass die Notfallzulassungen nicht pauschal erfolgten, sondern nach Dringlichkeit in den Regionen und mit abgestuften Begleitmaßnahmen, so Gerig gegenüber agrarheute. Das komme der Akzeptanz der Maßnahme in der Gesellschaft zugute. Die vom BVL geforderten zusätzlichen Auflagen hält Gerig für praktikabel und legitim.

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