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Anbauplanung

Weniger Pflanzenschutzmittel, sinkender Anbau: Nach dem Raps die Rübe?

AF_Rübenfungizid
am Mittwoch, 17.06.2020 - 12:05 (Jetzt kommentieren)

Wird der Rübenanbau unattraktiv, bringt das Probleme für die Fruchtfolge und für die Zuckerwirtschaft. Wird die Zuckerrübe nach dem Winterraps die nächste rückläufige Ackerkultur? Hier die Einschätzung der Industrie.

Aktuell bauen noch gut 25.000 Betriebe Zuckerrüben an. Extrem niedrige Zuckerpreise, steigende Anbaukosten und verzerrter Wettbewerb in der EU und auf dem Weltmarkt gehen zu Lasten der deutschen Anbauer und der Wirtschaft. Das macht den Rübenbau hierzulande immer weniger attraktiv. Steht der Rübenanbau bei uns vor einer ungewissen Zukunft?

Absehbar seien immer weniger Pflanzenschutzmittel verfügbar, um Krankheiten, Schädlinge und Unkräuter zu kontrollieren. Das trübe die Perspektiven für den heimischen Rübenanbau. Darauf weisen die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) und der Industrieverband Agrar (IVA) hin.

Immer weniger Wirkstoffe in Rüben verfügbar

Dr.Hudetz

Verliert der Rübenbau an Attraktivität, schafft das Probleme für den Ackerbau. Nach dem Raps wäre die Rübe die nächste rückläufige Kultur. "Sie wird jedoch gerade in Fruchtfolgen mit hohem Getreideanteil gebraucht“, sagt Dr. Manfred Hudetz, Geschäftsführer von Syngenta und IVA-Präsident. Hier klaffe eine Lücke zwischen dem, was von der Agrarpolitik gefordert werde, und den Möglichkeiten, die für den Pflanzenschutz noch bleiben.

Eine Projektgruppe hatte dazu Datensätze aus der Zulassungsliste für Pflanzenschutzmittel ausgewertet. Sie zeigen, wie viele Wirkstoffe und Wirkmechanismen in Rüben verfügbar sind.

Für ein wirksames Resistenzmanagement gilt es als unverzichtbar, dass mindestens 3 verschiedene Mechanismen verfügbar sind. Nur so sind unterschiedliche Produkte zu wählen. Doch diese Mindestanforderung ist im Rübenanbau kaum noch zu erfüllen.

Zulassung von Pflanzenschutzmitteln: Wird der Notfall zum Normalfall?

Bei Insektiziden sind künftig zwar noch 5 Wirkstoffe verfügbar. Von denen haben aber 4 denselben Wirkmechanismus. Zur insektiziden Saatgutbehandlung ist nur noch ein einziger Wirkstoff genehmigt.

Bei den Fungiziden sind 6 Wirkstoffe und 3 Mechanismen verfügbar, darunter 2 biologische Mittel. Nur bei fungiziden Saatgutbeizen ist das Minimum von 3 Wirkmechanismen noch gegeben. Der zunehmende Wirkstoffverlust ist auch deshalb problematisch, weil echte Gefahren von Minderwirkungen und Resistenzen gegenüber den verbleibenden Wirkstoffen besteht.

Bei den Herbiziden stehen zur Unkrautkontrolle in Rüben immerhin noch 16 Wirkstoffe mit 7 verschiedenen Wirkmechanismen zur Verfügung. Das klingt zunächst nach einer komfortablen Palette, allerdings fallen gerade in diesem Jahr wieder zwei Wirkstoffe weg, die eine wichtige Rolle in der Strategie spielen mussten.

Neonicotinoide Wirkstoffe ohne echten Ersatz

Helmut-Bleckwenn

Besonders hart trifft den Sektor das 2018 erlassene Verbot der neonicotinoiden Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Denn einen guten Ersatz gibt es nicht. Alternative Mittel sind weniger wirksam, kostenintensiv und nur flächendeckend möglich.

Gegen einen Großteil dieser Insektizide sind überdies bereits Resistenzen bei Blattläusen nachgewiesen. Das Verbot wiege für deutsche Landwirte doppelt schwer: "Nicht nur wurde entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse entschieden. Es wurde auch völlig ausgeblendet, dass zahlreiche europäische Länder Notfallzulassungen genehmigt haben“, sagt Helmut Bleckwenn, vom Dachverband Norddeutscher Zuckerrübenanbauer (DNZ) und WVZ-Vorstandsmitglied.

"Auf dem Acker entscheidet sich die deutsche Zuckerwirtschaft"

„Am Ende wird auf dem Feld entschieden, ob es eine deutsche Zuckerwirtschaft weiter geben kann", so Bleckwenn. Für Anbauer stellt sich die Frage, wie sie im europäischen und internationalen Wettbewerb bestehen können.

Weitere Wirkstoffverluste bedeuten immer höheren Kostendruck in einer ohnehin  schwierigen wirtschaftlichen Lage, in der sich der Rübenanbau seit einigen Jahren befindet. Sein Appell:

  • Entscheidungen über Vorschriften im Pflanzenschutz dürfen ausschließlich auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden.
  • Einschränkungen bei der Zulassung brauchen ausreichenden zeitlichen Vorlauf, um rechtzeitig wirksame und ökonomische Alternativen entwickeln zu können.
  • In der EU muss es einheitliche Regeln für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln geben. Derzeit ist der Wettbewerb zu Lasten des deutschen Zuckerrübenanbaus drastisch verzerrt.
  • Um die Wirtschaftlichkeit des Rübenanbaus zu erhalten, brauche es vorausschauende Entscheidungen statt politisch motivierter Aktionen.

Nur so könne der Rübenanbau in Deutschland ein wichtiger Bestandteil einer vielfältigen und nachhaltig bewirtschafteten Agrarlandschaft bleiben .

Mit Material von IVA, WVZ

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