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Biodiversität

Naturschutz-Abkommen von Montreal: Was bedeutet es für Landwirte?

Naturschutz
am Dienstag, 20.12.2022 - 10:50 (11 Kommentare)

Auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal ging es darum, wie die biologische Vielfalt erhalten werden könnte. Ein Ergebnis ist, dass bis 2030 mindestens 30 % der Landfläche unter Naturschutz gestellt werden müssen. Das könnte ein Umdenken für Landwirte bedeuten.

Weißbrustigel, Schwarzstirnwürger, Tobias-Köcherfliege. Die Arten könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch haben sie etwas gemeinsam: Sie sind in Deutschland ausgestorben. Weltweit geht es der Vielfalt an den Kragen und derzeit beraten Vertreter von Staaten, NGO und Wissenschaft in Montreal, wie man den Schwund aufhalten kann. Zwei Dinge lassen dabei Landwirte aufhorchen: Zum einen tragen sie eine Mitverantwortung, dass Biodiversität verloren geht. Und zum anderen ist ein Ergebnis der Konferenz sein, dass bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz stehen. Nur so könne dem Verlust Einhalt geboten werden. Stand heute sind es global 17 Prozent der Land- und sieben Prozent der Meeresflächen.

11 Millionen Hektar Deutschlands unter Schutz?

Aber jedes Land ist gefordert. Überträgt man das beispielsweise auf Deutschland, wird mancher Landwirt Puls kriegen. Bei 16,6 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche wären das rund fünf Millionen Hektar. Die wenigsten Landwirte sind wohl bereit, auf ein gutes Drittel ihrer Flächen zu verzichten.

Und es könnten sogar noch mehr sein. Nimmt man Deutschland insgesamt als Basis mit seinen 35 Millionen Hektar, wären das fast elf Millionen, die unter Schutz stehen müssten. Und da 14,5 Prozent der Fläche Siedlungen und Straßen sind, könnte man sie für wenig attraktiv für den Schutz halten. Das würde aber bedeuten, der Löwenanteil der Flächen müsste aus Land- und Forstwirtschaft kommen.

Kaum Naturschutzgebiete in der Bundesrepublik

Heute sind es nur 6,3 Prozent, die unter Schutz stehen, oder 2,6 Millionen Hektar, wobei fast die Hälfte auf Meer beziehungsweise Wattenmeer entfällt. Es ist also noch viel Luft nach oben, wobei Deutschland ja nicht unbedingt mehr wird. Und für den Klimaschutz ja auch noch Flächen gebraucht werden.

Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums erklärte zum Ergebnis der Konferenz von Montreal, dass Deutschland das 30-Prozent-Ziel bereits erreicht habe. Rund 45 % der Meeresflächen seien geschützt und auch an Land liege die Quote über 30 %, sofern Landschaftsschutzgebiete einbezogen würden.

Noch mehr Kröten für Landwirte zu schlucken

Dabei bleibt es nicht: Im Fokus stehen auch klimaschädliche Subventionen, darunter solche für Landwirtschaft, die Einträge von Stickstoff in die Landschaft und der Einsatz von Pestiziden. Letzterer soll bis 2030 um 50 % halbiert werden, wie es auch der Green Deal der EU-Kommission vorsieht. Keine Frage: In der Landwirtschaft steckt viel Zündstoff. Vor allem für die Landwirte. Sie befürchten Nutzungseinschränkungen und weitere Auflagen.

Doch in der Notwendigkeit des Artenschutzes stecken Chancen. „Richtschnur für den Schutz der Biodiversität muss die Kooperation zwischen Naturschutz und Landwirtschaft sein“, gemahnt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. Er sieht im Naturschutz sogar einen neuen Betriebszweig.

Landwirte einbeziehen

Der Bauernverband setzt auf Praxistauglichkeit und Kooperationen. Und dabei ist noch Luft nach oben. Etwa was die Definition und Gültigkeit von Schutzgebieten angeht. Fallen in einem möglichen neuen Weltnaturabkommen nur Naturschutzgebiete oder Nationalparke darunter? Dann ist klar, dass Deutschland das kaum wird einhalten können.

Anders sieht es aus, wenn man definiert, dass das Flächen sind, in denen Natur einfach mehr Platz bekommt. Methusalembäume in Wäldern etwa, Brachflächen, Gehölzinseln. Auch das würde Landwirten einiges abverlangen, müssen sie doch auch in diesem Fall auf Erträge verzichten. Aber dann liefe Naturschutz irgendwann so selbstverständlich mit wie Arbeitsschutz oder das Streben nach Gewinn. Dafür könnten Ökosystemdienstleistungen stärker belohnt werden. Die Eco-Schemes sind ein Anfang, nur mangelt es ihnen noch an Attraktivität. Will man die Bauern ins Boot holen, müssen sie Naturschutz im Portemonnaie spüren. Und zwar nicht als Kosten.

Fair bleiben: Auch Städte müssten Flächen abgeben

Und wenn wir von 30 Prozent Schutzgebieten reden, kommen auch die Stadtbewohner nicht um ihre Pflicht drumherum. Es ist nicht einzusehen, warum Parks, öffentliche Plätze und Privatgärten nicht auch zu einem Drittel der Natur vorbehalten sein sollen. Oder sogar ein noch größerer Anteil. Finde ich.

Update

Diese Meldung erschien zuerst am 10. Dezember 2022 auf agrarheute.com. Am 20. Dezember wurde sie mit den Ergebnissen der Konferenz von Montreal aktualisiert.

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