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Lebensmittelpreise

Agrardialog: Hoffnungsvolle Gespräche mit LEH drohen abzubrechen

Bauernprotest vor Aldi-Zentrallager
am Montag, 20.09.2021 - 15:02 (Jetzt kommentieren)

Die konstruktiven Gespräche zwischen Landwirten und dem Lebensmitteleinzelhandel im Agrardialog könnten bald beendet sein. Es droht eine Überführung des Agrardialogs in die "Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft". Kleinere landwirtschaftliche Interessenvertretungen könnten dann kaum noch Einfluss nehmen.

Nachdem es im letzten Jahr zu vielen Bauernprotesten vor Filialen des Lebensmitteleinzelhandels kam, einigten sich der Handelsverband Deutschland (HDE), der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) und der Deutsche Bauernverband (DBV) im März 2021 auf die Gründung einer Koordinationszentrale.

Fast gleichzeitig wurde wegen der Proteste der Agrardialog ins Leben gerufen, an dem neben Aldi, Lidl, Rewe und Edeka der Bundesverband Lebensmitteleinzelhandel (BVLH) sowie kleinere Organisationen aus der Landwirtschaft beteiligt sind. Zu letzteren gehören LsV, die Freien Bauern, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM).

Wie die Freien Bauern gegenüber agrarheute mitteilen, gibt es aus der Koordinationszentrale Bestrebungen, den Agrardialog in die Koordinationszentrale zu überführen. Damit würde die Position der Verbände aus dem Agrardialog in den Gesprächen mit dem Einzelhandel erheblich an Bedeutung verlieren, sagt ein Sprecher der Freien Bauern.

Für kommenden Mittwoch sei ein Treffen zwischen den Beteiligten des Agrardialogs und der Koordinierungszentrale geplant. Auch für die Freien Bauern ist der Ausgang dieses Termins noch unklar. Erwartet wird eine klare Positionierung des Einzelhandels „als Partner der heimischen Landwirtschaft […] oder als Teil eines global organisierten Agrobusiness“.

Freie Bauern: Im Agrardialog wurden Fortschritte erzielt

Die Freien Bauern berichten, dass die Verhandlungen zwischen den Beteiligten im Agrardialog auf Augenhöhe hätten stattfinden können. „Gemeinsam haben wir nach Möglichkeiten gesucht, die Stellung der heimischen Landwirtschaft in der Wertschöpfungskette zu verbessern – zuletzt mit vielversprechenden Ergebnissen“, heißt es in ihrer Pressemitteilung. Der Sprecher der Freien Bauern erklärt agrarheute, dass Meinungsverschiedenheiten zwischen den landwirtschaftlichen Verbänden zwar vorkämen, in den Forderungen an den Lebensmitteleinzelhandel aber große Einigkeit bestehe.

Unterschiedliche Tendenzen gebe es bisher auch bei den Unternehmen des Einzelhandels. So sei der Einzelhandel teilweise bereit, Verantwortung zu übernehmen und den Landwirten in den Gesprächen auf Augenhöhe zu begegnen. Andere Einzelhändler bevorzugten dagegen die Auseinandersetzung mit dem DBV.

Der Sprecher der Freien Bauern weist darauf hin, dass der DBV am Agrardialog hätte teilnehmen können. In der Koordinationszentrale könne der Spitzenverband aber seinen Alleinvertretungsanspruch ausüben. Ob die Verbände aus dem Agrardialog nach einer Eingliederung in die Koordinationszentrale noch über ein Stimmrecht verfügen würden, konnte der Sprecher nicht abschließend beurteilen. Fest stünde, dass die Organisationen „nur ein kleines Licht“ darstellen würden und sich ihre Gewichtung deutlich verringern würde.

BVLH: Überführung war lange angekündigt

Aldi Nord-Logo

Im Namen der vier großen Einzelhandelsunternehmen betont der BVLH, dass der Rückzug des Einzelhandels aus dem Agrardialog nicht überraschend kommt. So habe der Einzelhandel „bereits frühzeitig angekündigt, dass eine Überführung des Agrardialogs in die Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft geplant ist“.

Ziel sei es, nach der Eingliederung auf allen erarbeiteten Inhalten aufzubauen. Die Gespräche müssten mit gebündelten Ressourcen und mit allen Beteiligten aus der Landwirtschaft geführt werden, heißt es im gemeinsamen Statement des Einzelhandels. Es sollten „künftig alle gemeinsam konstruktiv und auf Augenhöhe miteinander sprechen. Dafür brauchen wir von allen Seiten eine Bereitschaft. Der LEH ist dazu bereit“, teilt der BVLH mit.

Aldi versicherte gegenüber agrarheute seine Übereinstimmung mit dem Statement des BVLH. Aus Sicht des Einzelhändlers sei es notwendig, mit allen Beteiligten der Wertschöpfungskette konstruktiv zusammenzuarbeiten, um ökologisch und ökonomisch nachhaltige Lösungen zu finden.

LsV will Agrardialog fortsetzen – notfalls ohne den LEH

LsV Deutschland bekennt sich klar zum Agrardialog und reagiert auf die Bestrebungen aus der Koordinationszentrale „mit großer Verwunderung“. Die Landwirte seien durch die Ankündigungen vor vollendete Tatsachen gestellt worden. „Keine Politik, keine Industrie, kein anderer Verband hat in den letzten Jahren auch nur annähernd eine vergleichbare Gesprächsgrundlage schaffen können“, heißt es in der Pressemitteilung von LsV Deutschland.

Der Verein wolle das „Gesprächsformat im Zweifel auch ohne Beteiligung des Handels fortführen und ausbauen“. An den Handel appellierte LsV, auf den im Agrardialog erzielten Ergebnissen weiter aufzubauen.  

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