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Aldi-Vorstoß zu Tierwohl: Abschied vom freien Bauern

Aldi-Tierwohl-Frischfleisch-Haltungskennzeichen
am Freitag, 25.06.2021 - 16:47 (11 Kommentare)

Auf kleine landwirtschaftliche Betriebe kommt ein Strukturbruch zu: Aldi Süd und Nord haben verkündet, ab 2030 nur noch Frischfleisch der höchsten Haltungsform anbieten zu wollen.

In zehn Jahren wird man vielleicht zurückschauen und feststellen, dass die heutige Ankündigung von Aldi die Geburtsstunde einer neuen Nutztierhaltung in Deutschland war: Einer weitgehend standardisierten Nutztierhaltung mit weniger Tieren und mit Landwirten, die vor allem noch am Markt bestehen können, wenn sie sich langfristig an große Partner binden, ihre unternehmerische Freiheit dabei aber großteils eingebüßt haben.

Mehr als ein Werbegag von Aldi

Nun könnte man sagen, die Ankündigung des Discounters Aldi beziehe sich ja nur auf Frischfleisch. Verarbeitetes Fleisch sei nicht enthalten, darum sei alles nur ein Werbegag. Doch das wäre, angesichts der Signalwirkung des Beschlusses, ein fataler Fehler. Aldi braucht nämlich Lieferanten, die ausreichend Liefermenge gewährleisten können, um die Fleischtheken zu befüllen. Das ist in den Haltungsformen 3 und 4 derzeit schwierig, zu gering ist schlicht das Angebot.

Wer bezahlt den Umbau der Tierhaltung?

Porträt von Simon Michel-Berger

Die Großen der Fleischwirtschaft werden das Angebot schaffen: Mit langfristigen Verträgen und einer vertikalen Integration, wie wir sie bereits bei Geflügel erlebt haben und nun immer mehr bei Schwein und Rind sehen werden. Die Fleischunternehmen werden das Geld für den Umbau der Tierhaltung liefern, allerdings nur bei so vielen landwirtschaftlichen Betrieben, wie sie für den Handel brauchen und nur dann, wenn diese Betriebe sich langfristig an sie binden. Teilweise wird das Geld wiederum von Aldi vorgestreckt werden, teilweise werden die Schlachtunternehmen es selbst investieren, um ihr Image aufzubessern. Und wenn das Fleisch der Haltungsform 3 und 4 nicht aus Deutschland kommt, dann holt man es halt aus dem Ausland.

Warum die Ankündigung Signalwirkung hat

Die Wettbewerber von Aldi werden entweder auf den Zug aufspringen oder im Frischfleisch-Bereich bewusst mit Kampfpreisen antworten. Frei nach dem Motto: „Komm zu uns, wenn Du Dir Aldi nicht mehr leisten kannst.“ Was passiert hängt davon ab, ob der Verzehr von „normalem“ Fleisch immer weiter gesellschaftlich geächtet wird oder nicht. Wenn es so kommt – was momentan wahrscheinlich erscheint – wird die Nachfrage nach Haltungsform 3 und 4 steigen und noch mehr Betriebe kommen in die langfristige enge Abhängigkeit von Schlachtunternehmen. Erste Anzeichen, dass es jetzt schnell in diese Richtung gehen wird, gibt es bereits: Auch Rewe und Penny haben heute erklärt, bis 2030 nur noch Frischfleisch aus der Haltungsform 3 und 4 in ihren Eigenmarken anbieten zu wollen.

Wer nicht mitgeht, wird zum Kollateralschaden

Kollateralschäden dieser Entwicklung wird es große und kleine geben. Getroffen wird von der Aldi-Entscheidung die breite Masse der Nutztierhalter, die nicht nach Haltungsform 3 oder 4 produzieren kann, weil ihnen beispielsweise der Stallumbau nicht möglich ist. Bei ihnen werden die Erzeugerpreise immer mehr unter Druck kommen. Getroffen werden ebenfalls große Systeme wie QS, denn sie erlauben noch die Fütterung mit gentechnisch veränderten Futtermitteln. Die Haltungsformen 3 und 4 erlauben gerade das nämlich nicht. Auch regionale Qualitätsprogramm wie GQ Bayern, die Gentechnik im Futter erlauben, müssen sich anpassen oder zugrunde gehen. Für mittelgroße Nischenprogramme bricht eine harte Zeit an.

Pleite der Agrarpolitik in der Nutztierhaltung

Schwer getroffen ist auch die Agrarpolitik. Wer muss noch diskutieren, wie die Borchert-Vorschläge zum Umbau der Nutztierhaltung finanziert werden? Die Antwort steht fest: Der Handel und die Schlachtwirtschaft zahlen – aber nur den „guten“ Bauern. Ein rein deutsches Tierwohllabel ist damit endgültig überholt. Das ist übrigens auch eine schwere Schlappe für Julia Klöckner: So große Pläne, wie Aldi sie vorgestellt hat, macht man nicht in ein paar Tagen. Hat denn niemand vom Bundeslandwirtschaftsministerium vorher mit Aldi gesprochen? Selbst wenn es vor ein paar Wochen einen Beschluss für ein freiwilliges staatliches Tierwohllabel gegeben hätte, wäre es nun völlig überflüssig.

Anbindehalter sind als nächste dran

Ebenfalls getroffen sind die Milchviehhalter mit Anbindehaltung. Aldi sagt zwar noch nicht, wie lange es noch Milch aus dieser Haltungsform in seinen Eigenmarken nutzen wird. Aber wer beim Fleisch zu den „Guten“ gehört, der auf Tierwohl setzt, wird nicht lange die offene Flanke dulden, bei der Milch zu den „Bösen“ zu gehören, die noch Milch aus Anbindehaltung in den Eigenmarken nehmen. Hier wird der gleiche Weg gegangen werden, wie beim Fleisch: Langfristige Lieferverträge, wenig unternehmerische Freiheit. Bayern hat für den Ausstieg aus der Anbindehaltung ja unlängst bereits die politische Verantwortung übernommen.

Aldi ist nur der Schnellste

Am Ende sollte man aber nicht nur Aldi den Schwarzen Peter zuschieben. Ich bin mir sicher, dass andere Handelsunternehmen ähnliche Pläne ausarbeiten – die Rewe-Gruppe hat das bereits bewiesen. Aldi war halt am schnellsten bei der Vorstellung. Die Bauern werden weniger frei sein als früher, doch wenn man den Druck bedenkt, der von so vielen Seiten auf ihnen lastet, hat die Entwicklung vom freien Bauern zum besseren Angestellten der Lebensmittelwirtschaft vielleicht auch sein Gutes: Tausche Freiheit gegen Stabilität. Allerdings werden viele gerade der kleineren Betriebe auf diesem Weg nicht gebraucht werden. Dieser Verlust ist die eigentliche Tragödie.

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