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Interview

BBV-Präsident Heidl: 'Wir brauchen die Verbraucher als Verbündete'

Johann Wörle/Katharina Krenn/agrarheute
am
28.06.2016

Im Interview erklärt der Bayerische Bauernpräsident Walter Heidl die Hintergründe der Agrarkrise, zeichnet Perspektiven für deutsche Landwirte und bezeichnet den Brexit als Warnschuss an die EU-Politik.

1. Was empfehlen Sie den deutschen Landwirten jetzt, um tragfähige Perspektiven zu sichern?

Heidl: Wenn wir über Perspektiven reden, kann es nicht um Momentaufnahmen gehen. Deshalb brauchen wir eine nüchterne Analyse der Ist-Situation und nicht das Wechselbad zwischen der aktuellen Stimmung der Resignation und der übertriebenen Euphorie, wie sie noch vor wenigen Jahren gegeben war.

Die aktuelle Preiskrise beruht überwiegend auf kumulierenden Sondereffekten, wie Sonder-Absatzproblemen (Rußlandembargo, abflauender Boom in China), Mengendruck durch drei Weltrekordgetreideernten und eine gestiegene Milcherzeugung, das extreme Preistief bei Erdöl und die damit gesunkene Kaufkraft dieser Länder, usw.

Bezüglich Perspektiven werden wir auch weiterhin einen weltweiten Anstieg der Nahrungsmittelnachfrage haben, wo wir insbesondere bei den wachsenden kaufkräftigen Bevölkerungsschichten in den Schwellenländern mit unseren hochwertigen Produkten gute Absatzchancen haben. Diese Märkte bringen aber auch Risiken über volatilere Preise. Außerdem werden wir für den Klimaschutz auch weiterhin nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien erzeugen, wobei die Absurdität der ideologischen Teller-Tank-Diskussion, die uns in der Hochpreisphase aufgezwungen wurde, in der jetzigen Preiskrise überdeutlich wird.

2. Wie können die Landwirte spezifische Situationen in den einzelnen Betriebszweigen meistern?

Heidl: Auch weiterhin ist hier neben den vorhandenen Ausgangsvoraussetzungen die ganz individuelle Zielsetzung und Neigung der Landwirtsfamilie der entscheidende Maßstab. Deshalb gibt es hier kein Patentrezept, sondern viele individuelle Wege.

Wenn Investitionen geplant werden, müssen sorgfältig Rentabilität und Risiko berücksichtigt  werden, denn gerade Phasen schlechter Preise werden hier zum Prüfstein. Deshalb ist für jeden Landwirt die Verbesserung der Wertschöpfung, nicht nur das Wachstum das entscheidende Ziel.

Deshalb kann die Optimierung der Vermarktung der Weg sein - gerade hier sehe ich über einvernehmliche verbindlichere Regelungen in der Lieferbeziehung zwischen Landwirt und Vermarkter Chancen zur Risikoreduzierung für den Landwirt einerseits und zur Rohstoffsicherung „in guten Zeiten“ für den Vermarkter andererseits.

Gerade auch die Einkommensdiversifizierung über mehrere Standbeine wie Energie, Dienstleistungen, Tourismus, Direktvermarktung usw., bis zum qualifizierten Nebenerwerb kann auch ein erfolgreicher Weg sein. Das gleichberechtigte erfolgreiche Miteinander von Voll-, Zu- und Nebenerwerbsbetrieben mit all diesen „Geschäftsmodellen“ muss Maßstab für unsere Verbandsarbeit sein.

3. Was müssen Agrarpolitiker unter allen Umständen leisten um Sicherheit für die Deutschen Bauern zu schaffen?

Heidl: In Zeiten offener Märkte geht es um faire Spielregeln. Wenn wir zu gesetzlich vorgeschriebenen hohen Standards relativ teuer produzieren, darf dies nicht durch geringere Standards bei Importen unterlaufen werden.

In globalen volatilen Märkten brauchen wir auch weiterhin die einkommensstabilisierende Wirkung der GAP-Direktzahlungen.

Es gilt auch die Übermacht des Lebensmitteleinzelhandels kartellrechtlich anzugehen, weil der LEH die jetzige Situation für seinen Verdrängungswettbewerb zusätzlich ausnutzt. Dazu brauchen wir in der Gesellschaft die Erkenntnis, dass z.B. Schleuderpreisaktionen mit hochwertigen Nahrungsmitteln „unmoralisch“ sind - wir brauchen hier die Verbraucher als Verbündete.

Von der Politik fordere ich auch, dass endlich Bürokratie und Überreglementierung abgebaut werden – der „Brexit“ sollte hier als massiver Warnschuss gesehen werden. Beim Ausgestalten der Rahmenbedingungen für die Arbeit der Landwirtschaft müssen ideologische Sichtweisen und deutsche Alleingänge unterbleiben.

4. Was sind aus Ihrer Sicht Forderungen, die mehr schaden als nützen?

Heidl: Ein Beispiel: Sich bei der Erzeugung nur auf den Inlandsmarkt /die Inlandsnachfrage zu beschränken. Wir haben offene Märkte und auch Importe - gleichzeitig können wir mit unseren hochwertigen Qualitätserzeugnissen nicht nur den attraktiven und von den deutschen Verbrauchern sehr geschätzten regionalen Markt bedienen, sondern zugleich auch, gerade wegen der guten Qualität und des guten Images, international kaufkräftige Verbraucherschichten erschließen – das bringt Wertschöpfung über den Markt!

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