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Glyphosat und Co.

Belasten Pflanzenschutzmittel unsere Luft?

Pflanzenschutz in Mais
am Dienstag, 29.09.2020 - 15:10 (3 Kommentare)

Das Umweltinstitut München und das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft haben heute in Berlin eine Studie vorgestellt, nach der „hohe Belastungen“ durch Pflanzenschutzwirkstoffe in der Luft nachgewiesen wurden. agrarheute berichtet und kommentiert.

Die Triggerbegriffe saßen perfekt: „Ackergifte“ – vor allem Glyphosat – seien „überall“ und teils mit "sehr hohen" Werten in der Luft nachgewiesen worden. Die Ergebnisse einer deutschlandweiten Untersuchung seien deshalb „besorgniserregend“.

Mit diesem Einstieg in ihre Pressekonferenz heute morgen in Berlin waren dem Umweltinstitut München e.V. und dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft e.V. Aufmerksamkeit und Schlagzeilen der großen Medien sicher. Auf konkrete Nachfragen gaben die Veranstalter allerdings nur wenig befriedigende Antworten.

30 Prozent der nachgewiesenen Wirkstoffe nicht zugelassen?

Laut der vom Institut TIEM in Dortmund im Auftrag der beiden Pressekonferenz-Veranstalter erstellten Studie ließen sich im Jahr 2019 bei 116 bundesweit erfassten Sammelstellen sowie in weiteren 47 Rindensammelproben aus den Jahren 2014 bis 2019 insgesamt 152 Wirkstoffe nachweisen, von denen laut Studienleiterin Dr. Maren Kruse-Plaß 138 auf landwirtschaftliche Quellen zurückzuführen seien.

Rund 30 Prozent dieser Wirkstoffe seien zudem nicht mehr oder noch nie in Deutschland zugelassen gewesen. Selbst das 1972 mit einem Ausbringungsverbot belegte Insektengift DDT habe man gefunden.

Die Entfernung zur möglichen Quelle spielt angeblich kaum eine Rolle

Die eigens vom TIEM für die Probenahme entwickelten Sammelbehälter enthielten unter anderem eine spezielle Matrix zur Erfassung von Glyphosat, so Kruse-Plaß. Der Wirkstoff sei damit deutschlandweit nahezu überall festgestellt worden. Die „Distanz zur nächsten potenziellen Quelle“ habe dabei „wenig Einfluss auf die nachgewiesenen Werte“ gehabt. Man habe auch in Naturschutzgebieten und weit entfernt von konventionellen Acker- und Weinbaubetrieben Pflanzenschutzwirkstoffe in der Luft nachweisen können.

Das sei nicht nur eine Verbrauchergefährdung, sondern bringe auch Ökolandbaubetriebe in Schwierigkeiten, deren Produkte durch die Luftbelastung Pflanzenschutzmittelrückstände aufweisen könnten, erklärten die Veranstalter Karl Bär vom Umweltinstitut München sowie Johanna Bär und Boris Frank vom Bündnis enkeltaugliche Landwirtschaft.

Keine Konzentrationen der Stoffe genannt

In der Kurzfassung der Studie ist unter anderem von den Wirkstoffen Glyphosat, Chlorthalonil und Metolachlor die Rede. Schwer zu beurteilen ist allerdings die tatsächlich nachgewiesene Belastung. Auf der Presseveranstaltung wurde vornehmlich von der Wirkstoffanzahl, nicht aber von Wirkstoffmengen oder gar Grenzwertüberschreitungen geredet.

Auf Nachfrage von agrarheute, wie hoch die gemessenen Konzentrationen denn gewesen seien, blieb Studienleiterin Kruse-Plaß schwammig: Man habe teilweise sehr hohe Mengen gemessen.

Nachweismengen im Milliardstelgramm-Bereich

In der Studienkurzfassung finden sich dazu zwar tatsächlich Zahlen (zum Beispiel 99,2 ng – das sind Milliardstelgramm – Glyphosat je Probe im Nationalpark Harz), mangels einer Berechnungsbasis (Zeitraum, Luftmenge) ist deren Aussagekraft allerdings gering.

Auch auf die Frage nach nachweisbaren Einträgen in (Bio-)Lebensmittel blieben die Studienersteller konkrete Beispiele schuldig. Es habe einen Fall gegeben, in dem ein Biobetrieb seine Produkte nicht mehr vermarkten konnte, hieß es. Auch in dessen Umfeld habe man hohe Luftbelastungen festgestellt. Ob dieser Fall allerdings tatsächlich auf eine generelle Luftbelastung oder auf einen einmaligen Abdriftunfall zurückzuführen war, blieb offen.

Svenja Schulze spricht von "besorgniserregenden Daten"

Bundesumweltmministerin Svenja Schulze, die zu Anfang der Pressekonferenz die Studie dankend entgegengenommen hatte, sprach gegenüber der Presse von „besorgniserregenden“ Ergebnissen.

Die Untersuchungsergebnisse schlössen eine wichtige Wissenslücke und böten einen weiteren „Hebel“ zur Einflussnahme auf die deutsche und europäische Agrarpolitik. Vorrangig werde sie vor allem erneut auf ein Glyphosatverbot drängen.

IVA kritisiert die Studie als alarmistisch

Der Industrieverband Agrar e.V. (IVA) kristisierte in einer Pressemitteilung die Studie scharf. Die Funde seien „selten und unbedenklich“. Das Umweltinstitut München und das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft seien „alarmistisch“ mit „wissenschaftlich nicht validen“ Ergebnissen aufgetreten.

IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer erklärte, man sei bereits vor längerer Zeit an die Biobranche mit der Bitte herangetreten, Fälle zu benennen, in denen belastete Chargen durch Luftübertragung nicht vermarktet werden konnten, habe aber keine „konsistenten Hinweise“ erhalten.

Gemmer: „Doch nicht nur die Funde sind offenbar selten; die dabei nachgewiesenen Mengen sind so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind. Hier wird ein Thema künstlich aufgebauscht.“

Viel Öffentlichkeit für ein spendenfinanziertes Unternehmen

Trotz dieser Kritikpunkte hat die Pressekonferenz in Berlin ihre Wirkung wohl nicht verfehlt. Glyphosat in der Atemluft wird sich ebenso gut verkaufen wie im Jahr 2016 die Horrormeldung zu Glyphosat im Bier – ebenfalls in die Öffentlichkeit getragen vom Umweltinstitut München.

Damals waren die Nachweismengen so unglaublich gering, dass für eine Anfangsgefährdung ein Konsum von rund 1.000 l Bier am Tag notwendig gewesen wäre. Die Schlagzeilen machten den überwiegend durch Spenden finanzierten, als gemeinnützig anerkannten Verein dennoch über Nacht bekannt.

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