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Sri Lanka

Bio mit der Brechstange funktioniert nicht

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am Dienstag, 21.12.2021 - 15:30 (1 Kommentar)

100 Prozent Ökolandbau hatte sich Sri Lanka auf die Fahnen geschrieben. Nun stoppte die Regierung das ehrgeizige Vorhaben - ein knappes halbes Jahr nachdem sich der Staat zum globalen Vorreiter in Sachen ökologischer Anbau erklärt hatte. Hätte die Regierung mal die Landwirte gefragt.

Präsident Gotabaya Rajapaksa hatte ein ehrgeiziges Ziel für seine Heimat: Sri Lanka sollte das weltweit erste Land werden, das ausschließlich auf Ökolandbau setzt. Der Regierungschef verkündete dies medienwirksam in aller Welt. In einem internationalen Webinar, unter anderem unterstützt von der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM), erklärte Rajapaksa sein Land quasi über Nacht zur Bio-Republik. 

„Wir müssen weg von schädlichen chemischen Düngern und hin zu moderner Technologie, um mit Hilfe des Ökolandbaus eine gesunde Gesellschaft zu schaffen“, begründete der Präsident seinen Entschluss. Und stoppte im Mai 2021 von einem Tag auf den anderen den Import von Pflanzenschutzmitteln und mineralischen Düngern. Die Landwirte wurden nicht gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt. Ab sofort sollten sie Tee, Zimt, Palmöl und alle weiteren Produkte der Insel ohne all diese Hilfsmittel erzeugen. Und auch ohne jegliche Beratung zu Umstellung, extensiver Bewirtschaftung, Einsatz organischer Dünger oder Kreislaufwirtschaft.

Ohne Sinn und Verstand

Wem dies ein wenig voreilig vorkam, der findet sich nun bestätigt: Bereits ein halbes Jahr später ist 100 Prozent Bio vom Tisch. Denn die Umstellungsversuche hätten die Lebensmittelpreise so hoch getrieben, dass sich etliche Menschen weniger Essen leisten könnten, berichtet die Deutsche Presse-Agentur dpa. Der Durchschnittspreis für Gemüse habe sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Auch die Reispreise seien gestiegen. Man bedenke: Sri Lanka gehört zu den Entwicklungsländern. Die meisten Menschen leben unter spartanischen Lebensbedingungen dicht an der Armutsgrenze oder sogar darunter. Bereits eine nur geringfügige Erhöhung der Lebensmittelpreise kann katastrophale Folgen haben.

Zunächst erlaubte sich die Regierung, wie man munkelt, ein wenig zu schummeln bei der Unterscheidung, was als organischer Dünger definiert wird und was nicht. Am Ende half aber auch das Zukneifen beider Augen nichts: Eine Düngerlieferung aus China, biologisch korrekt und rein organisch, schickte das Land postwendend zurück. Dafür orderte der Staat jede Menge Kunstdünger nach (in der Hoffnung, diesen auch zu bekommen, was bekanntermaßen gerade schwierig sein könnte). Und Ramesh Pathirana, Minister für Plantagenwirtschaft, gab bekannt, dass Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel ab sofort wieder regulär verwendet werden dürften.

Hätte er mal die Bauern gefragt

Für seine Umstrukturierung hat sich Sri Lankas Präsident Rajapaksa einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgesucht. Die wirtschaftlich angespannte Lage, der drohende Einbruch von Exporterlösen, die Ernteausfälle aufgrund der abrupten Umstellung und die desaströs aufgestellten Staatsfinanzen - all dies ließ keinen Platz für die Vision einer rein ökologischen Landwirtschaft.

Der größte Fehler aber, den Rajapaksa beging: Er hatte nicht die Landwirte gefragt. Denn die reagierten einigermaßen bockig auf die überraschende Ankündigung, von jetzt auf gleich ihre komplette Wirtschaftsweise auf den Kopf zu stellen. Wenn er sie gefragt hätte, dann hätten sie ihm sagen können, dass sich eine Umstellung auf Bio nicht in ein paar Tagen erledigen lässt. Sie hätten ihm sagen können, was sie an Know-How und Beratung gebraucht hätten, um auf Öko umzustellen. Und sie hätten ihm sagen können, dass Bio nicht bedeutet, anstelle von mineralischem Dünger einfach dieselbe Menge organischen Dünger draufzukippen und zu hoffen, dass die Erträge gleich bleiben oder sogar steigen. Bio mit der Brechstange kann nicht funktionieren. Eine angeordnete Ökologisierung der Landwirtschaft ohne einschneidendste Ertragsverluste und totales Chaos kann nur behutsam, langfristig durchdacht und Hand in Hand mit den Landwirten erfolgen - sei es in Sri Lanka oder sonstwo auf der Welt.

Mit Material von dpa

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