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Biokraftstoffe

Biokraftstoffe: Brüssel kappt Absatzmöglichkeiten für Bauern

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Josef Koch, agrarheute
am
15.06.2018

Biodiesel und Bioethanol verlieren bis 2030 einen Großteil ihres Absatzpotentiales. Das sieht ein Kompromiss auf EU-Ebene vor.

Biodiesel tropft aus einem Zapfhahn

„Dies ist ein schlechter Tag für die Biokraftstoffindustrie, die europäischen Landwirte und den europäischen Klimaschutz.“ Das Fazit des EU-Kompromisses zog Elmar Baumann, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB).

Der Absatz von herkömmlichem Biodiesel und Bioethanol aus Agrarrohstoffen wird bis 2030 halbiert, wenn die Europäische Kommission, das Parlament und der Rat ihren Kompromiss umsetzen. Die Institutionen haben sich auf eine Neuregelung der Erneuerbare Energien-Richtlinie (RED II) für die Zeit von 2021 bis 2030 geeinigt.

Nach dem neuen Gesetzesvorhaben sollen Erneuerbare Energien im Jahr 2030 einen Anteil von nominell 14 Prozent im Verkehr erreichen. Allerdings können bestimmte Kraftstoffe und Anwendungen wie die Elektromobilität auf Straße und Schiene sowie Erneuerbare Energien im Flug- und Schiffsverkehr mehrfach auf das Ziel angerechnet werden.

Folge: Sie drängen damit herkömmliche Biokraftstoffe aus Agrarrohstoffen aus der Nutzung, so dass ihr möglicher Absatz nach Berechnungen des VDB sinkt.

Parlament schränkt Nutzung von Palmöl ein

Mit der Halbierung des Absatzes von herkömmlichem Biodiesel und Bioethanol wird auch die Nachfrage nach Agrarrohstoffen aus diesem Sektor einbrechen.

„Durch die neue Regelung verlieren die deutschen und europäischen Landwirte eine wichtige Einnahmequelle. Im ländlichen Raum werden zudem Arbeitsplätze abgebaut“, sagte Baumann.

Biokraftstoffe der ersten Generation dürfen gemäß der Trilogeinigung auf keinen Fall mehr als 7 Prozent des Endverbrauchs im Straßen- und Schienenverkehr ausmachen. Der Anteil fortgeschrittener Biokraftstoffe und von Biogas soll bis 2025 mindestens 1 Prozent und bis 2030 mindestens 3,5 Prozent betragen.

Biokraftstoffe aus Nahrungsmittelkulturen wie Palmöl, die einen besonders negativen Effekt aufweisen, werden durch einen Zertifizierungsprozess unter Berücksichtigung von indirekten Landnutzungsänderungen (iLUC) auslaufen. „Die Begrenzung von Palmöl für Biodiesel auf dem Niveau von 2019 halten wir für einen akzeptablen politischen Kompromiss,“ erklärte der Biokraftstoffexperte. 

Erst vor kurzem gingen Frankreichs Bauern auf die Straße, weil sie steigende Palmöfeinfuhren befürchten, die den Absatz von Raps und Rapsöl starkt einschränken.

Biokraftstoff-Branche wird bitter enttäuscht

Während der Anteil der Biokraftstoffe an der im Verkehr verbrauchten Energie derzeit bei rund 3,8 Prozent liegt, wird er durch die neue Richtlinie auf etwa 1,9 Prozent halbiert.

Der Kompromiss werde auch nicht die Entwicklung von fortschrittlichen erneuerbaren Kraftstoffen ankurbeln, so dass die Europäische Union ihre Ziele für diese Kraftstoffe ebenfalls verfehlen werde.

„Der europäische Gesetzgeber untergräbt mit dieser unzureichenden Regelung massiv das Vertrauen der Investoren. Wer sich auf die Politik verlassen und in Biokraftstoffe investiert hat, wird durch diesen dürftigen Kompromiss bitter enttäuscht“, sagte Baumann. „Niemand wird einen solchen Fehler ein zweites Mal begehen und in fortschrittliche Biokraftstoffe investieren.“

Mehrfache Anrechung erhöht Erneuerbaren-Anteil künstlich

Elektromobilität auf der Straße soll zum Beispiel nach dem Kompromiss vierfach auf das 14-Prozent- Ziel angerechnet werden. „Die überzogenen Mehrfachanrechnung für Elektromobilität in der RED II ist ein Taschenspielertrick, um die vermeintlich hohen Ziele für Erneuerbare Energien zu erreichen. Das wird aber nur auf dem Papier gelingen, in der Realität bleibt der Anteil fossiler Kraftstoffe fast unverändert“, sagte Baumann.

„Von den 14 Prozent Erneuerbaren Energien auf dem Papier bleiben nach unseren Berechnungen in der Realität nur 7,3 Prozent übrig – die Hälfte ist also heiße Luft aufgrund der Mehrfachanrechnungen. Ein Treppenwitz ist, dass die neue Richtlinie aber gar keinen Anreiz dafür geben wird, mehr Elektromobilität oder strombasierte Kraftstoffe zu nutzen“, sagte Baumann. „Für Kraftstoffe bietet die RED II kein Konzept, sondern nur Kosmetik.“

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