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Ernährung

BMEL-Wissenschaftler wollen Veganismus staatlich fördern

Salat mit Linsen und Gurken und Paprika auf einem Teller
am Freitag, 21.08.2020 - 11:36 (12 Kommentare)

Der Wissenschaftliche Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz legt ein neues Gutachten zur nachhaltigen Ernährung vor. Darin sind einige Forderungen mit großer Sprengkraft.

Das Gutachten, das heute vorgestellt wurde, will nicht weniger als „eine umfassende Transformation des Ernährungssystems“. Diese sei laut den Wissenschaftlern möglich und solle umgehend begonnen werden. Der Beirat gruppiert dazu verschiedene Handlungsempfehlungen aus insgesamt acht Feldern und leitet daraus eine „integrierte Politik für eine Nachhaltige Ernährung“ ab.

Weniger tierische Produkte konsumieren

Unter anderem schlägt das Gutachten eine Informationskampagne vor, um den Konsum tierischer Produkte zu reduzieren. Die Mehrwertsteuerreduzierung für tierische Produkte solle abgeschafft und eine Verbrauchssteuer auf zuckerhaltige Getränke – abhängig vom Zuckergehalt – eingeführt werden.

Gleichzeitig soll die Mehrwertsteuer für Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte auf 5 % absinken und längerfristig eine Nachhaltigkeitssteuer auf alle Lebensmittel kommen. Ebenso fordern die Wissenschaftler ein verpflichtendes Klimalabel für alle Lebensmittel und eine „Transformationsstrategie“ für die Landwirtschaft. Die Förderung für den Ökolandbau soll weiterentwickelt werden. Deutschland brauche dabei nicht 100 % Ökolandbau sondern auch neue, technologieoffene Anbausysteme.

Auf dem Weg zu einer besseren Ernährung sollen laut dem Gutachten kleinere Portionsgrößen zum Standard und der Konsum von Leitungswasser „ambitioniert“ gefördert werden. Lebensmittelabfälle sollen weiter reduziert und Nutri-Score, ein neues Klima- und ein Tierwohllabel als staatliche, möglichst verpflichtende Kennzeichnung eingeführt werden.

Pläne für Kantinen, Kitas und Schulen

Zu den weiteren Forderungen des Gutachtens gehören die Einführung einer hochwertigen, beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung, eine verpflichtende Umsetzung der Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Gemeinschaftseinrichtungen, ein besseres Monitoring zur Ernährungsarmut und eine stärkere Regulierung von an Kindern gerichtete Werbung. In Kitas und Schulen sollte Werbung für Lebensmittel ganz verboten werden.

Klöckner teilweise kritisch

Während einer Pressekonferenz zur Präsentation des Gutachtens dankte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner den Beiratsmitgliedern für das Gutachten. Verschiedene Punkte, insbesondere zur Verbesserung der Ernährung von Kindern, lobte sie. Die Ministerin stellte sich jedoch nicht hinter alle Forderungen. Eine Konsumpolizei wolle sie nicht. Wörtlich sagte sie: "Ich löse keinen Beirat auf, Politik muss das aushalten und sich damit auseinandersetzen."

Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, Prof. Harald Grethe, verwies darauf, dass zur Anpassung des Konsumverhaltens mehr Steuerungsmaßnahmen brauche. Es brächte nichts, die tierische Produktion in Deutschland "klein zu machen" und dann Lebensmittel aus dem Ausland zu importieren. Man müsse daher den Verzehr dieser Produkte grundsätzlich reduzieren.

Der Lebensmittelverband Deutschland warnte vor zunehmender staatlicher Einflussnahme auf die private Lebensführung der Bürger. Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff sagte: "Der Verbraucher soll hier von einem souveränen Bürger zum Objekt politischer Verhaltenssteuerung gemacht werden." Freiheit und Souveränität von Verbrauchern und Wirtschaft dürfen nicht unter dem Deckmantel einer gut gemeinten "Fürsorge" ausgehebelt werden. Vielmehr müsse den Verbrauchern durch Bildung das notwendige Werkzeug für nachhaltige Kaufentscheidungen gegeben werden. 

Wie setzt sich der Beirat zusammen?

Neben dem Vorsitzenden Prof. Grethe sind weitere Mitglieder die stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Hiltrud Nieberg (Johan Heinrich von Thünen-Institut) und Prof. Dr. Britta Renner (Universität Konstanz). Hinzu kommen Prof. Ulrike Arens-Azevedo (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg), Prof. Dr. Alfons Balmann (Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien), Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski und Prof. Dr. Regina Birner (Universität Hohenheim), Prof. Dr. Wolfgang Bokelmann (Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Dr. Dr. Matthias Gauly (Universität Bozen), Prof. Dr. Ute Knierim (Universität Kassel), Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann, Prof. Dr. Friedhelm Taube und Dr. Lieske Voget-Kleschin (Universität Kiel), Prof. Dr. José Martínez, Prof. Dr. Matin Qaim und Prof. Dr. Achim Spiller (Universität Göttingen), Prof. Dr. Monika Pischetsrieder (Universität Erlangen-Nürnberg) sowie Prof. Dr. Peter Weingarten (Johan Heinrich von Thünen-Institut).

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