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Gemeinsame Agrarpolitik ab 2023

Eco-Schemes: Thünen-Institut gibt Prognose über Prämien und Kosten ab

Blühstreifen
am Donnerstag, 04.11.2021 - 07:52 (Jetzt kommentieren)

Um die ökonomischen und ökologischen Folgen der Eco-Schemes (Öko-Regelungen) ab 2023 abschätzen zu können, hat das Thünen-Institut umfangreiche Stellungnahmen erarbeitet. Politiker und Landwirte bekommen erstmals eine wissenschaftlich begründete Vorstellung von den entstehenden Kosten und notwendigen Prämienhöhen. Trotzdem besteht für die Prämien noch immer keine Sicherheit.

In vier Bänden haben die Wissenschaftler des Thünen-Instituts beschrieben, was sich mit der neuen Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2023 voraussichtlich ändern wird. So realistisch wie möglich wird in den Stellungnahmen abgebildet, in welchem Umfang die einzelnen Eco-Schemes voraussichtlich in Anspruch genommen werden und wie sie sich bei unterschiedlichen Prämienhöhen auf das Budget der Landwirte auswirken. Darüber hinaus geben die Autoren Prognosen über die ökologischen Effekte der Eco-Schemes ab. Den Auftrag für die Abschätzung hat das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) erteilt.

Die Bereitstellung von Mitteln für die Eco-Schemes hätte das Bundeskabinett gestern (03.11.) beschließen sollen. Während der Klimakonferenz in Glasgow haben es BMEL und Bundesumweltministerium (BMU) jedoch nicht geschafft, Unstimmigkeiten rechtzeitig zu klären. Der ohnehin schon enge Zeitplan, der für den 26. November 2021 den Bundesratsbeschluss zur GAP-Direktzahlungen-Verordnung und zur GAP-Konditionalitäten-Verordnung vorsieht, kann jetzt nur noch durch ein Umlaufverfahren gehalten werden.

Möglichst viele Fälle der unterschiedlichen Agrarstrukturen in Deutschland haben die Wissenschaftler in ihren Berechnungen einfließen lassen, indem sie die Einführung der Eco-Schemes für Ackerbaubetriebe in den Naturräumen Ostholstein, Südhannover, Brandenburg, Uelzen durchgespielt haben.

Bei den tierhaltenden Betrieben wurden regionale Nährstoffüberschüsse berücksichtigt. Als konkrete Beispiele wurden ein Veredlungsbetrieb aus Vechta, ein Milchviehbetrieb aus der Region Cuxhaven und ein extensiver Betrieb mit Mutterkuhhaltung aus Brandenburg ausgewählt.

Kosten für Eco-Schemes steigen mit dem Ertragsniveau

Entleeren eines Häckselwagens auf einem Maissilo

Die Öko-Regelung „Vielfältige Fruchtfolgen im Ackerbau“ wird den Anbau von mindestens fünf verschiedenen Hauptfruchtarten erfordern. Je Hauptfrucht soll der Anteil mindestens 10 und höchstens 30 Prozent an der Ackerfläche betragen; der Leguminosenanteil soll mindestens 10 Prozent umfassen. Weiter dürfen die Flächen zu maximal 66 Prozent mit Getreide bestellt sein, wobei Mais und Hirse hier ausgenommen sein werden.

Wie die Forscher des Thünen-Instituts feststellen, besteht bei den landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland ein hoher Anpassungsbedarf, um diese Auflagen zu erfüllen. Nur 6 Prozent der Ackerflächen könnten zum jetzigen Zeitpunkt die Öko-Regelung zur Kulturartendiversität nutzen. Alle anderen Ackerflächen gehören zu Betrieben, die erst Anpassungen auf einem Teil ihrer Flächen vornehmen müssten, um eine Prämie für einen vielfältigen Ackerbau erhalten zu können.

Insbesondere Futterbaubetriebe müssten wegen des oft hohen Maisanteils größere Anpassungen vornehmen. Für den beispielhaften Milchviehbetrieb unterstellten die Forscher, dass dieser dann mehr Roggen und Weizen anbauen würde. Der Betrieb müsste bei einer geringeren Maisernte mehr Futter zukaufen, wodurch Kosten von 202 €/ha Ackerfläche entstünden.

Die Wissenschaftler gehen außerdem davon aus, dass die Konditionalität eine Stilllegung (Brache) von drei Prozent der Flächen erfordern wird. Für den Veredlungsbetrieb würde das bedeuten, dass 100 m³ Gülle zu Kosten von 13 €/m³ vom Betrieb befördern müsste. Letztendlich verringere sich den Berechnungen zufolge der Deckungsbeitrag II um 41 €/ha. Die Flächenstilllegungen fielen bei den Mehrkosten deutlich mehr ins Gewicht als die Kulturartenvielfalt.

Vorgesehen sind die Stilllegungen in der sogenannten „GLÖZ 9-Verpflichtung“ (Flächen in "gutem landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand"). Eine erste Stufe soll hier eine Stilllegung von 3 Prozent der Landfläche, eine zweite Stufe von 6 Prozent der Landfläche vorgeben. Wie aus der Stellungnahme hervorgeht, gebe es hier aber noch Unklarheiten. Fest stehe allerdings, dass die meisten Betriebe zusätzliche Ackerflächen aus der Produktion nehmen müssen, um die GLÖZ 9 erfüllen zu können.

Auch unter den Ackerbaubetrieben können noch höhere Kosten für die Umsetzung der vorgesehenen Maßnahmen entstehen. So fallen als einzelbetriebliche Kosten zwischen 180 und etwa 700 € pro ha Brache an. Insgesamt fallen die Kosten umso höher aus, je besser das Ertragsniveau ist und je enger die Fruchtfolge bisher war. Ein Mehraufwand von 100 €/ha könne schon dann entstehen, wenn der Standort eines Betriebs zu den ertragsstärkeren gehört.

Mehrjährige Brachen noch teurer

Liegt eine Fläche mehrere Jahre lang brach, macht sich das für den Landwirt noch deutlicher bemerkbar. Weil gleich mehrere Kulturen verdrängt werden, liegen die Kosten hier zwischen 200 und 800 €/ha. Extremfälle von etwa 1.000 €/ha könnten auftreten, wenn sich in der Fruchtfolge normalerweise Kartoffeln befinden, die mit Umsetzung einer mehrjährigen Brache aber verdrängt werden.

Bei intensiven Tierhaltungsbetrieben verursachten mehrjährige Brachen ebenfalls Kosten zwischen 500 und 1.000 €/ha. Zurückzuführen sei das auf die resultierenden Futterzukäufe und Gülleexporte. „Als Obergrenze der Kosten für [eine] Brache sind die regionalen Neupachtpreise zuzüglich der Pflegekosten anzusehen“, heißt es in der Stellungnahme.

Noch hinzugerechnet werden müssen bei der Stilllegung gegebenenfalls die Kosten für eine Bodenbearbeitung sowie für das Saatgut und die Aussaat von Blühmischungen. Dafür sei mit 70 mit 170 €/ha zu rechnen.

Hohe Kosten für die Landwirte werden ökologisch nicht widergespiegelt

Blühender Futtererbsenbestand

Die ökologische Bewertung der Öko-Regelung „Vielfältige Kulturen im Ackerbau“ wirkt angesichts der hohen Kosten eher enttäuschend. So stellen die Forscher fest, dass das Eco-Scheme keine verlässliche, langfristige und zusätzliche Kohlenstoffspeicherung im Boden garantiert. Auf das Klima kann der vermehrte Leguminosenanbau eine positive Wirkung haben, weil im Ackerbau insgesamt weniger gedüngt werden muss und eine Humusanreicherung stattfinden kann. Beim Bodenkohlenstoff sei der Gesamteffekt allerdings unklar und bei einer positiven Wirkung leicht umkehrbar.

Auf die Biodiversität, den Wasserschutz, die Luft und den Bodenschutz würden sich vielfältige Kulturen im Ackerbau leicht positiv auswirken. Neben einer guten Vorfruchtwirkung, dem verbesserten Nahrungsangebot für Insekten und weniger Emissionen durch Dünger und Pflanzenschutzmittel müsse beispielsweise auch bedacht werden, dass ein verstärkter Anbau von Körnerleguminosen oder Sommerungen zu einer größeren Nitratauswaschung führen kann. Die späte Bodenbedeckung bei Sommerungen könnten zudem die Bodenerosion verstärken.

Verbessert werden könne die Maßnahme des vielfältigen Ackerbaus nach Angaben der Wissenschaftler, wenn es einen verpflichtenden Anteil mehrjähriger Leguminosen, Leguminosengemische oder auch mehrjähriger Kulturen – zum Beispiel Ackerkleegras – geben würde. Begleitende Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen wie der Verzicht oder die Minderung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes oder der Anbau alter Sorten könnten die Biodiversität effektiver fördern, stellen die Forscher fest. 

Ad-hoc-Schätzung der Prämienhöhen für die Eco-Schemes

Öko-Regelung

Prämie in € pro ha

 

minimal

mittel

maximal

GLÖZ 9 Dauerkultur + Ackerfläche
+ 3 %

600

700

900

GLÖZ 9 Dauerkultur + Ackerfläche
+ 6 %

300

400

500

GLÖZ 9 Dauerkultur + Ackerfläche
Top-up-Blühflächen

100

150

200

GLÖZ 9 Dauergrünland
+ 3%

600

700

900

GLÖZ 9 Dauergrünland
+ 6 %

300

400

500

Vielfältige Kulturen im Ackerbau

20

60

100

Extensivierung von Dauergrünland

50

100

150

Weide auf Dauergrünland

50

100

150

Quelle: Thünen-Institut 

Ad-hoc-Schätzung des Budgetbedarfs pro Jahr für die Eco-Schemes

Öko-Regelung

mittlere Spanne des Budgetbedarfs pro Jahr

GLÖZ 9 Dauerkultur + Ackerfläche
+ 3 %

168 bis 221 Mio. €

GLÖZ 9 Dauerkultur + Ackerfläche
+ 6 %

57 bis 82 Mio. €

GLÖZ 9 Dauerkultur + Ackerfläche
Top-up-Blühflächen

57 bis 78 Mio. €

GLÖZ 9 Dauergrünland
+ 3%

84 bis 105 Mio. €

GLÖZ 9 Dauergrünland
+ 6 %

36 bis 48 Mio. €

Vielfältige Kulturen im Ackerbau

270 bis 564 Mio. €

Extensivierung von Dauergrünland

170 bis 200 Mio. €

Weide auf Dauergrünland

68 bis 120 Mio. €

gesamt

910 bis 1418 Mio. €

Quelle: Thünen-Institut 

Nur geringe Wirkungen auch bei Extensivierung von Dauergrünland

Mutterkuhhaltung

Eine Prämie erhalten sollen Landwirte ab 2023 außerdem für die Extensivierung von Dauergrünland. In der Stellungnahme wurde ermittelt, dass etwa ein Drittel der konventionellen und zwei Drittel der ökologisch wirtschaftenden Betriebe die Auflagen für diese Maßnahme schon jetzt erfüllen würden. Das sei auch der Grund, weshalb die Extensivierung nur geringfügig positive Effekte für das Klima habe. Für Wasser, Boden und Luft seien die positiven Wirkungen ebenfalls überschaubar. Am ehesten könne die Biodiversität auf extensivem Dauergrünland profitieren.

Voraussetzungen für die Maßnahme sollen ein Viehbesatz zwischen 0,3 und 1,4 raufutterfressenden Großvieheinheiten pro ha, der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und die ausschließliche Verwendung von Wirtschaftsdünger sein. Die Experten empfehlen für diese Öko-Regelung, darauf zu achten, dass Fördermaßnahmen aus der zweiten Säule weiterhin möglich sind und sich die Förderungen einander nicht ausschließen.

Für die Mutterkuhhaltung entstünden zusätzliche Kosten zwischen 77 und 141 €/ha. Beim Beispielbetrieb in Brandenburg, wo für die Mutterkuhhaltung günstige Bedingungen herrschen, bewegten sich die Mehrkosten am unteren Rand. Höhere Kosten fielen an, wenn die Bedingungen ungünstig sind und im Winter länger gefüttert werden muss. Für Milchviehbetriebe wurde ein Betrag von 289 €/ha errechnet.

Kostengünstiger Verzicht auf Pflanzenschutzmittel auf ertragsschwachen Standorten

Schließlich wurde in der Studie untersucht, wie sich der einjährige Verzicht auf Pflanzenschutzmittel auf den Ertrag verschiedener Kulturen auswirkt. „Die höchsten Ertragsrückgänge von 40 bis 50 Prozent durch Pflanzenschutzmittelverzicht sind für die intensiven Kulturen Raps, Zuckerrüben und Kartoffeln zu erwarten“, erläutern die Thünen-Wissenschaftler. Verluste von 35 bis 40 Prozent seien für die meisten Wintergetreidearten zu erwarten. Bei Leguminosen betrage das Minus 30 Prozent, bei Hafer und Mais 15 bis 20 Prozent.

Unter diesen Annahmen und unter Einbeziehung der Marktpreise beziehungsweise Ertragsverluste, der Kosten für die mechanische Unkrautbekämpfung und der Kosteneinsparungen wurden die Mehrkosten für den Pflanzenschutzmittelverzicht errechnet. Ergebnis ist eine große Spannweite zwischen 30 und 3.000 €/ha. Die Mehrkosten seien bei Leguminosen mit 30 bis 70 €/ha auf extensiven Standorten und etwa 200 €/ha auf Hochertragsstandorten vergleichsweise gering. Deshalb gehen Experten davon aus, dass besonders bei den Hülsenfrüchten an Pflanzenschutzmitteln gespart wird.

Doch auch beim Getreide lohne sich die Öko-Regelung zum Pflanzenschutzmittelverzicht auf ertragsschwachen Standorten. Beim Silomais entstünden wegen der teuren mechanischen Unkrautregulierung selbst auf ertragsschwachen Standorten Kosten von 150 €/ha.

Mit Material von AgE
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