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*Update vom 13.1.2022 um 13.48 Uhr*

Nach Edeka-Rauswurf: Wie geht es für süddeutsche Anbindehalter weiter?

Edeka-Anbindehalter-Sueddeutschland
am Donnerstag, 13.01.2022 - 09:12 (5 Kommentare)

Am 10. Januar hat der Edeka-Verbund angekündigt, im Laufe des Jahres keine Trinkmilch aus ganzjähriger Anbindehaltung in seinen Eigenmarken mehr verwenden zu wollen. Zahlreiche oft kleinbäuerliche Familienbetriebe sind davon betroffen. Was heißt das für die Tierhalter im Süden?

Rund 44 % der insgesamt knapp 6.100 Milchviehbetriebe in Baden-Württemberg und 50 % der etwa 30.000 Milchviehbetriebe in Bayern halten Kühe in Anbindehaltung - ganzjährig oder einen Teil des Jahres. Für diese Betriebe kam es als ein Schlag, als am 10. Januar 2021 Edeka ankündigte, im Laufe des Jahres 2022 in seinen Trinkmilch-Eigenmarken komplett auf die Haltungsform 1 zu verzichten und damit keine Milch aus ganzjähriger Anbindehaltung mehr akzeptieren zu wollen. Denn für die oftmals kleinen bäuerlichen Familienbetriebe - in Baden-Württemberg stehen etwa 17 % der Kühe in ganz- oder unterjähriger Anbindehaltung, in Bayern sind es etwa 30 % – ist der Umstieg auf andere Haltungsformen schon seit Jahren schwierig. Zwischen 2010 und 2020 hat sich die Zahl der Betriebe mit zumindest teiljähriger Anbindehaltung in Baden-Württemberg zwar um 60 % reduziert, allerdings nahmen in den letzten Jahren nur noch rund 10 Betriebe pro Jahr Landesförderung zur Umstellung in Anspruch. In Bayern haben in den vergangenen Jahren rund 200 Betriebe pro Jahr umgestellt – doch viele weitere bleiben übrig.

Warum stellen Milchviehbetriebe mit Anbindehaltung nicht um?

Bereits 2018 haben der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband, der Bayerische Bauernverband, der Landesbauernverband in Baden-Württemberg sowie die Landwirtschaftsministerien der beiden Länder in einer gemeinsamen Erklärung betont, dass es sich bei den Betrieben mit Anbindehaltung oft um kleine und mittlere bäuerliche Familienbetriebe handelt, die sich besonders „um kleinteilige Grünlandflächen, Hanglagen und andere ökologisch wertvolle Grenzstandorte“ kümmern. Gründe, warum diese Betriebe nicht auf andere Haltungsformen umstellten, seien oftmals „räumliche Enge in beengter Dorflage, finanzielle Ausstattung, geringe Aussicht auf die Genehmigungsfähigkeit von Neubauten oder fehlende Planungssicherheit z.B. durch unsichere Generationenfolge“. Die Unterzeichner der Erklärung sprachen sich damals gegen ein gesetzliches Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung und eine „einseitige Befristung durch Marktpartner, z. B. den Lebensmitteleinzelhandel“ aus. Ihre Befürchtung: Ein massiver Strukturbruch im ländlichen Raum.

Minister Peter Hauk zeigt Verständnis, fordert aber Unterstützung vom Handel

Peter Hauk

Trotzdem hat Edeka diesen Schritt nun getan. In Baden-Württemberg zeigt Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) ein gewisses Maß an Verständnis für die Entscheidung: „Der Tierschutzgedanke ist nicht nur fest in unserer Gesellschaft verankert, sondern nimmt auch in der gesamten Landesregierung Baden-Württembergs einen besonders hohen Stellenwert ein. Eine breite, gesellschaftliche Akzeptanz ist auch sehr wichtig für erfolgreiche und zukunftsfähige landwirtschaftliche Betriebe. Die Entscheidung von Edeka mit dem klaren Statement auf Trinkmilch aus ganzjähriger Anbindehaltung zu verzichten, um ein höheres Tierschutzniveau für mehr Tierwohl zu propagieren, ist daher nachvollziehbar. Nachvollziehbar ist auch, dass Edeka und die anderen Lebensmitteleinzelhändler dem ständigen Wettbewerb unterliegen, wodurch gegebenenfalls andere günstigere Strukturen diesen, einschließlich des Preisniveaus bestimmen.“

Gleichzeitig fordert Hauk Edeka auf, die Milchviehbetriebe mit Anbindehaltung jetzt nicht alleine zu lassen. Er betont: „Mehr Tierwohl kostet auch mehr Geld. Hier ist es dringend erforderlich, dass der Handel auch bereit ist, einen stärkeren finanziellen Ausgleich für die höheren Kosten bei den Milchviehhaltern zu kreieren. Gerade für unsere kleineren Strukturen in Baden-Württemberg wäre dies ein wichtiges Signal im Interesse einer regionalen Erzeugung und mehr Tierwohl.“

Bayern: Landwirtschaftsministerium sieht sich bestätigt und hat Hoffnung

Michaela Kaniber

Ein Sprecher des bayerischen Landwirtschaftsministeriums verweist auf Nachfrage von agrarheute auf die Regierungserklärung vom Mai 2021. Staatsministerin Michaela Kaniber (CSU) sehe sich nach der Edeka-Entscheidung darin bestätigt, dass der Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung angegangen werden müsse.  Eine mögliche Lösung könne die Kombinationshaltung sein, für die sich die Ministerin stark machte. In der Erklärung heißt es weiter: „Es war richtig, die Augen nicht vor den Entwicklungen zu verschließen und mit den Landwirten offen und ehrlich umzugehen. Es zeigt sich für Staatsministerin Kaniber durch die Entscheidung erneut, wie unverantwortlich das Verhalten einiger politischer Akteure ist, die Landwirte mit ganzjähriger Anbindehaltung in falscher Sicherheit zu wiegen.“

Gleichzeitig hoffe Kaniber laut dem Sprecher, dass mit den bayerischen Förderprogrammen und der aktuellen Beratungsinitiative nun schnelle Auswege für die Betriebe gefunden werden. Sie hoffe weiter, dass dadurch vor allem die kleinstrukturierten Betriebe, in denen oft noch ganzjährige Anbindehaltung betrieben werde, erhalten bleiben und sie in eine gute Zukunft in der Landwirtschaft haben können.

Bayerischer Bauernverband kritisiert Schlag für kleine Landwirte

Deutlicher reagierte der Bayerische Bauernverband. In einer Pressemitteilung kritisierte der Verband Anfang dieser Woche: „Ein weiterer Riese lässt besonders die kleinen Betriebe im Regen stehen. Es sind die Betriebe, die bereits heute an freiwilligen Qualitätssicherungsprogrammen teilnehmen, aber die Anforderungen für die genannten Tierwohlprogramme meist aus fehlender Wirtschaftlichkeit und Planungssicherheit nicht erfüllen können. Es sind vor allem auch die kleineren Betriebe mit ganzjähriger Anbindehaltung, die schlagartig an den äußersten Rand gedrängt werden. Gerade diese Betriebe, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder für so erhaltenswert bezeichnet werden. Diese lassen die Handelsketten einfach fallen.“

Bauern in Baden-Württemberg: "Ungeheurer Kraftakt"

In Baden-Württemberg äußerte sich Gerhard Glaser, Vizepräsident des Landesbauernverband in Baden-Württemberg, zur Entscheidung von Edeka. Er sagt: "Für Edeka ist Umstellung auf höhere Tierhaltungsformen natürlich auch Marketing. Für Bauersfamilien ist es oft eine ungeheure Herausforderung. Dass die Anbindehaltung keine Tierhaltungsform der Zukunft ist, bezweifelt hierzulande niemand mehr. Aber bei so historisch gewachsenen Tierhaltungen ist die Umstellung für die betroffenen Bauersfamilien ein weiterer, ungeheurer Kraftakt. Meist hatten ganze Familien bisher für ihre Tiere das Beste gegeben. Darum muss diese Umstellung unbedingt mit Anstand und Würde, nicht nur für die Kühe, sondern auch für die Bauersfamilien passieren. Angedrohte Milchgeld-Abzüge schwächen nur die heimischen Betriebe und torpedieren meist die Veränderungsbereitschaft. Richtigen Tierschutz gibt es nicht, indem man einen schlanken Fuß macht (wie grad Edeka), sondern Verantwortung fürs Ganze wahr nimmt." Der Lebensmitteleinzelhandel habe hier viel Aufholarbeit. Glaser betont: "Wenn rechte Milch eine gescheite Bezahlung erreicht, ist dem meistens schon abgeholfen."
 

Wie geht es für Anbindehalter nach dem Edeka-Rauswurf weiter?

Eine Einschätzung, wie es jetzt für die süddeutschen Milchviehhalter weitergeht, gibt das baden-württembergische Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz auf Nachfrage von agrarheute: „Die flächendeckende Haltungsformkennzeichnung von Milch und Milchprodukten im Frischesegment ist für fast alle Molkereien in Baden-Württemberg eine große logistische wie auch finanzielle Herausforderung. Insbesondere Molkereien mit einem Schwerpunkt auf den Trinkmilchbereich werden zunächst betroffen sein. Nicht nur die getrennte Erfassung der Rohmilch ist kostenintensiv, sondern die alternativlose Vermarktung von Trinkmilch über den deutschen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) mit Haltungsformkennzeichnung ist die Herausforderung. Hier wird es bald nur noch wenige bis keine Alternativen mehr geben, Trinkmilch, die nicht nach entsprechenden Kriterien für die höheren Haltungsformen produziert wird, über den deutschen LEH zu vermarkten.“
Die letzte Zuflucht für Milch von Betrieben aus ganzjähriger Anbindehaltung werden andere Verwertungsformen bzw. Absatzmärkte sein. Das Landwirtschaftsministerium in Stuttgart erläutert: „Stärker verarbeite Milchprodukte, wie z.B. Milchpulver, Käsezubereitungen, etc., die zur Weiterverarbeitung in der Lebensmittelindustrie verwendet werden oder die für den Export in andere Länder bestimmt sind, in welchen Tierwohl noch nicht so einen hohen Stellenwert besitzt, werden nicht bzw. vorläufig kaum betroffen sein.“

Wer trägt die Kosten des Ausstiegs aus Haltungsform 1 bei Edeka?

Bezahlen werden die Entscheidung Edekas vor allem die Landwirte – und möglicherweise nicht nur diejenigen, mit ganzjähriger Anbindehaltung. Das Ministerium aus Baden-Württemberg erklärt: „Die rund 1,2 Cent Aufschlag pro kg Milch, die der Handel für die Auslobung ‚Haltungsform 2‘ bietet, dürften nicht ausreichen, um alle Mehrkosten zu decken. Letztendlich werden aber auch die Molkereien, deren Vermarktung maßgeblich über den deutschen LEH erfolgt, nicht darum herumkommen, die höheren Kosten in der Erfassung und Verarbeitung sowie für die Zertifizierung an ihre Lieferanten weiterzureichen. Ob die Kosten z. B. auf alle Lieferanten umgelegt werden können, oder ob die einzelnen Anbindebetriebe mit Preisabschlägen rechnen müssen, ob es sogar zur Kündigung von Lieferverträgen oder es sogar zum Ausschluss aus der entsprechenden Genossenschaft kommt, wird vor allem von der Organisationsstruktur der Molkerei (Genossenschaft / Privatunternehmen) abhängig sein und bleibt eine unternehmensindividuelle Entscheidung.“

Die Frage, ob aufgrund der Entscheidung von Edeka Lieferverträge für Trinkmilch gekündigt werden, sieht man im Landwirtschaftsministerium in München anders. Dort heißt es dazu: „Die Ausgestaltung der Milchlieferverträge ist sehr unterschiedlich und Sache der Wirtschaftsbeteiligten. Grundsätzlich wird jedoch keine Kündigung von Lieferverträgen aufgrund der Entscheidung von Edeka zur künftigen Vermarktung von Trinkmilch erwartet.“

Werden weitere Supermärkte der Entscheidung Edekas folgen?

Im Landwirtschaftsministerium in Baden-Württemberg geht man fest davon aus, dass weitere Handelsunternehmen der Entscheidung Edekas folgen werden: „Grundsätzlich ist zu erwarten, dass der gesamte deutsche Lebensmitteleinzelhandel in 2022 mit der gelabelten Vermarktung (mindestens Stufe 2 der Haltungsformkennzeichnung) durchstarten möchte und entsprechende Konditionen bei den Molkereien in den Milchkontraktverhandlungen einfordern wird. Mit der Auslobung der Haltungsformen auf der Verpackung wird der Handel beim Trinkmilchsegment, gefolgt von den weiteren Produkten der Weißen Linie, starten. Betroffen wird/werden die gesamte/n national produzierte/n Trinkmilch(-produkte), die über den deutschen Lebensmitteleinzelhandel abgesetzt werden, sein. Mittelfristig werden auch die anderen Produktsegmente, sofern mit „deutscher Herkunft“ z. B. deutscher Schnittkäse geworben wird, betroffen sein. Stärker verarbeite Milchprodukte, teilweise hergestellt mit Milch aus anderen (EU-)Ländern, werden voraussichtlich nicht gekennzeichnet werden.“ Das Ressort erinnert außerdem an die Parallelen bei der Einführung der GVO-freie Fütterung in der Milchviehhaltung.

Auch im bayerischen Landwirtschaftsministerium erwartet man weiterhin hohen Druck auf die verbleibenden Betriebe mit ganzjähriger Anbindehaltung. Ein Ministeriumssprecher sagt: „Der Wunsch der Verbraucherinnen und Verbraucher nach mehr Tierwohl wird seit längerem und immer stärker vom LEH aufgegriffen. Und Äußerungen der letzten Tage und Wochen aus dem LEH zeigen, dass die Entwicklung grundlegend ist und mit hohem Tempo vorangetrieben wird. Es ist zu erwarten, dass sich der Druck auf Betriebe mit ganzjähriger Anbindehaltung weiter verstärkt. Das war auch einer der Gründe, warum Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber in ihrer Regierungserklärung im letzten Mai eindringlich dazu aufgerufen hat, auf einen Umbau der Ställe hin zu mehr Tierwohl zu setzen.“ Staatsministerin Kaniber habe sich in Gesprächen mit dem Lebensmitteleinzelhandel aber dafür stark gemacht, dass sich der erhöhte Aufwand für mehr Tierwohl auch in höheren Preisen für die Erzeuger ausdrücken müsse.

Wie unterstützt Baden-Württemberg seine Anbindehalter bei der Umstellung?

Auch Baden-Württemberg will die ganzjährige Anbindehaltung von Rindern beenden, seine Anbindehalter aber dabei nicht im Regen stehen lassen. Das Agrarministerium erklärt: „Wir streben deshalb an, Betriebe mit ganzjähriger Anbindehaltung von Milchkühen, Jungvieh- und Mastrindern mit gezielten Beratungs- und Fördermaßnahmen (z.B. Agrarinvestitionsförderungsprogramm [=AFP], spezielles Beratungsmodul zum Ausstieg aus der Anbindehaltung im Rahmen des Förderprogramm ‚Beratung.Zukunft.Land‘) auf dem Weg zu einer tiergerechteren Haltung zu begleiten. Das bedeutet den Neubau zukunftsfähiger Stallungen bei gleichzeitigem Erhalt kleinerer, zukunftsfähiger Milchviehbetriebe zu unterstützen. Dabei ist es wichtig, Strukturbrüche zu vermeiden. Insbesondere in Grünlandregionen erbringen diese Betriebe bei grasbasierter Fütterung und Beweidung auch wichtige Leistungen für den Tourismus, die Bewirtschaftung schwieriger Regionen und die Biodiversität in der Landschaft.“
Konkret bedeutet das laut Ministerium: „In 2022 soll nicht nur im AFP, sondern auch im Programm zur Förderung von Investitionen in kleinen landwirtschaftlichen Betrieben (IklB, ehemals LPR-D1) die Umstellung weg von der Anbindehaltung zusätzlich gefördert werden. Besonders bei kleineren Betrieben sind die Stallbaukosten zu beachten. Bei Einhaltung der Premiumanforderungen an eine besonders tiergerechte Haltung soll in diesem Zusammenhang eine um 10 Prozent erhöhte Förderung von 40 Prozent gewährt werden.“

Wie unterstützt Bayern seine Anbindehalter bei der Umstellung?

In Bayern verweist das Landwirtschaftsministerium zur Umstellung weg von der Anbindehaltung auf „zwei attraktive Förderprogramme wie das Einzelbetriebliche Investitionsförderprogramm oder das Bayerische Sonderprogramm Landwirtschaft“. Ein Sprecher des Ministeriums erklärt: „Mit der Regierungserklärung hat die Staatsministerin bekanntgegeben, dass die Investitionsförderung für Tierwohlställe bei Zuchtsauen als auch zur Umstellung von Anbinde- auf Laufstallhaltung von 30 auf 40 Prozent angehoben wird. Flankierend dazu gibt es eine Beratungsinitiative für Betriebe mit ganzjähriger Anbindehaltung. Ziel der Beratung durch die Ämter vor Ort ist es, eine auf den Einzelbetrieb zugeschnittene Lösung zu erarbeiten.“

Die Annahme der Fördermittel in Bayern scheint jedoch noch ausbaufähig. Das bayerische Landwirtschaftsministerium verweist auf eine erste Evaluierung, die jedoch noch nicht abgeschlossen sei. Alle betroffenen Betriebe seien über die Beratungsinitiative informiert. Allerdings meldeten einzelne Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, „dass es Corona-bedingt zu Zurückhaltung bei Vereinbarung von Terminen kommt. Außerdem erhalten wir Rückmeldungen, dass Betriebe durch Äußerungen der neuen Bundesregierung verunsichert sind und die mangelnde Planungssicherheit durch die Bundespolitik beklagen, was zunächst zu Zurückhaltung bei geplanten Umstellungen führt.“

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