Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Kommentar

Zum Erntedank: Bundeslandwirtschaftsministerium will schlechteres Mehl

Erntekrone-Weizenaehren
am Sonntag, 02.10.2022 - 13:35 (19 Kommentare)

Ist in Deutschland das Mehl zu gut? Das Landwirtschaftsministerium findet, dass Mehl mit weniger Proteingehalt auch reicht und will deshalb die Standards für Backweizen absenken. Wichtigere Baustellen bleiben unterdessen liegen. Das ist ein Armutszeugnis zum Erntedankfest.

Zum Erntedankfest sollte man zumindest kurz über die Versorgung mit Brot nachdenken. Vor einigen Jahren hat Dänemark eine ähnliche Entwicklung durchgemacht wie Deutschland mit seiner jüngst mehrfach verschärften Düngeverordnung: Irgendwann war dabei im Nachbarland der Punkt erreicht, dass nicht mehr genug Brotweizen angebaut werden konnte. Denn für ausreichend hohe Backqualität spielt neben der Sortenwahl unter anderem die Stickstoffdüngung eine wichtige Rolle. Als man bemerkte, dass der Weizen nicht mehr gut genug war, haben die Dänen ihre Düngeregeln wieder etwas gelockert und so ihre Produktion mit Brotweizen gesichert.

Was das Landwirtschaftsministerium beim Backweizen will

Auch in Deutschland macht man sich mittlerweile Gedanken um die Backweizenproduktion. Ende September hat das Bundeslandwirtschaftsministerium in einer Pressemitteilng angekündigt, die Qualität von Backweizen neu bewerten zu wollen. Ziel ist es, Weizen mit geringerem Eiweißgehalt als Brotweizen definieren zu können. Dadurch sollen Landwirtinnen und Landwirte Dünger einsparen und etwas für das Klima tun können. Eventuell soll so ein Schritt auch in ein Klimaschutz-Sofortprogramm der Bundesregierung einfließen.

Schlechteres Mehl statt konstruktiven Rahmenbedingungen

Porträt von Simon Michel-Berger

An kleinen Stellschrauben wie der Qualität von Mehl zu drehen, anstatt frühzeitig konkrete Rahmenbedingungen für die Zukunft der Landwirtschaft als Ganzes zu setzen, wirft kein gutes Licht auf das Bundeslandwirtschaftsministerium. Gewiss kann man auch mit Mehl mit weniger Proteingehalt Brot backen. Wenn wir weniger Brötchen oder Semmeln und mehr Fladenbrot essen würden, dann müsste auch nicht so viel Eiweiß im Mehl sein. Doch zu den wirklich wichtigen Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft in Deutschland gehören andere Dinge, wie etwa der nationale Strategieplan zur Umsetzung der Gemeinsamen Agrarpolitik. Hier sorgt Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir derzeit für Frust und Ratlosigkeit in der deutschen Landwirtschaft.

BMEL trödelt bei Rahmenbedingungen für Agrarpolitik

Bei der Ausgestaltung dieses nationalen Strategieplans trödelt das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL). Erst vergangenen Freitag hat es die Neufassung des Dokuments zur EU-Kommission nach Brüssel geschickt. Bis eine Antwort eingegangen ist, wird es voraussichtlich Mitte November werden. Erst frühestens dann – und nur, wenn die EU-Kommission zugestimmt hat – werden die Rahmenbedingungen für die Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik in Deutschland feststehen. Im Vergleich mit anderen Ländern mit großen Landwirtschaftssektoren liegt die Bundesrepublik damit sehr weit hinten. Frankreich, Spanien, Polen und Dänemark haben ihre Strategiepläne bereits von Brüssel bestätigt bekommen. Sogar kleinen Ländern wie Österreich und Irland ist dies gelungen. Aber wer sich im Kleinen verzettelt, hat weniger Zeit für die großen Aufgaben.

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...