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Strategie Farm to Fork

EU-Kommission will die Landwirtschaft revolutionieren

Blick auf Agrarflächen und ein Getreidesilo
am Mittwoch, 20.05.2020 - 12:40 (4 Kommentare)

Farm to Fork: Nur noch halb so viel chemischen Pflanzenschutz und 20 Prozent weniger Dünger, dafür 25 Prozent Ökolandbau – so sieht die Strategie der EU-Kommission für eine nachhaltigere Landwirtschaft in Europa bis 2030 aus.

Frans Timmermans, Vizepräsident der EU-Kommission

Die Europäische Kommission hat heute ihre mit Spannung erwarteten Strategiepapiere „Vom Hof auf den Tisch“ (Farm to Fork) und „Biodiversität“ vorgelegt. Sie berühren praktisch alle Bereiche der Landwirtschaft von der Tier- und Pflanzenproduktion bis hin zur Lebensmittelkennzeichnung.

Der Anspruch ist nicht geringer als ein „faires, gesundes und umweltfreundliches Ernährungssystem“, das vorbildlich für die ganze Welt sein soll. „Die Landwirtschaft steht vor großen Veränderungen, und die EU muss ihre Landwirte bei dieser Transformation unterstützen, insbesondere ihre jungen Landwirte“, heißt es in der Mitteilung der EU-Kommission. Das soll mit Hilfe der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) mit ihren Öko-Regelungen (Eco-Schemes) und nationalen Strategieplänen gelingen.

50 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel

Die Farm-to-Fork-Strategie formuliert eine Reihe von konkreten Zielen bis 2030:

  • Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln soll um 50 Prozent reduziert werden.
  • Der Nährstoffverlust soll um 50 Prozent verringert werden, sodass der Einsatz von Düngemitteln einschließlich Wirtschaftsdünger um 20 Prozent zurückgeht.
  • Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung soll um 50  Prozent zurückgehen.
  • Der Flächenanteil der ökologischen Landwirtschaft soll EU-weit von jetzt rund 8 auf 25 Prozent steigen.

Auf welches Basisjahr sich die Reduktionsziele beziehen und wie der Rückgang gemessen werden soll, dazu enthalten die Papiere keine Angabe.

Erst im letzten Moment ergänzte die Kommission ihre Strategie noch um Lehren aus der Corona-Krise: Ziel von Farm to Fork ist auch, die Widerstandskraft des europäischen Nahrungsmittelsektors zu stärken. Disruptive Schocks wie durch Covid19 sollen sich nicht wiederholen. Messbare Ziele beispielsweise zum Grad der Selbstversorgung werden jedoch nicht vorgegeben.

So sieht der Zeitplan für Farm to Fork aus

Um ihre ehrgeizigen Ziele zu erreichen, legt die Kommission einen straffen Terminplan vor. In den nächsten Jahren sind zahlreiche neue Verordnungen und Richtlinien aus Brüssel zu erwarten. Das sind die aus Sicht der Landwirtschaft wichtigsten Vorhaben von insgesamt 27 Projekten:

2020

  • Für jeden EU-Mitgliedstaat spezifische Empfehlungen zur Erreichung der neun Ziele der EU-Agrarpolitik
  • Ein Aktionsplan für den Ökolandbau
  • Eine Revision der EU-Absatzförderung für Agrarerzeugnisse nach Nachhaltigkeitskriterien

2021

  • Aufbau einer Beobachtungsstelle für eine sichere Nahrungsmittelversorgung
  • Verordnungsentwurf zu Futtermittelzusätzen
  • Kodex für verantwortungsvolles Wirtschaften und Marketing in der Nahrungsmittelkette
  • Vermarktungsstandards zur Förderung des Absatzes nachhaltiger Lebensmittel

2022

  • Vorschlag zur Novellierung der EU-Richtlinie über den nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit dem Ziel, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen
  • Aktionsplan zum Nährstoffmanagement zur Verringerung der Umweltwirkungen des Düngereinsatzes
  • Vorschlag für eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für bestimmte Lebensmittel
  • Verpflichtende Nährwertkennzeichnung für Lebensmittel auf der Packungsvorderseite
  • Vorschlag zur Kennzeichnung der Haltbarkeit von Lebensmitteln
  • Nährwertprofile für Lebensmittel mit hohem Gehalt an Salz, Zucker und Fett

2023

  • Rechtsrahmen für ein nachhaltiges Ernährungssystem einschließlich harmonisierter Standards für die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln
  • Entwurf neuer Regeln für den Tierschutz einschließlich Transport und Schlachtung
  • EU-Reduktionsziele für Nahrungsmittelabfälle

2024

  • Vorschlag für eine Nachhaltigkeitskennzeichnung von Lebensmitteln

Mehr Schutzgebiete und Überprüfung der Absatzförderung

Zur Verbesserung des Klimaschutzes will die Kommission die Absatzförderung für tierische Produkte und die gekoppelten Beihilfen überprüfen. Lockangebote für Fleisch sollen in der Werbung vermieden werden. Ein Tierwohllabel wird erwogen. Die bestehende Krisenreserve für die Landwirtschaft soll so umgestaltet werden, dass sie bei einer Marktkrise im Vorfeld wirklich ausgeschöpft wird.

Zentraler Punkt des Biodiversitäts-Plans ist die Ausweitung von Schutzgebieten: 30 Prozent der europäischen Land- und Meeresfläche sollen unter Schutz gestellt, 10 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen "mit Landschaftselementen mit großer Vielfalt gestaltet" werden. Zudem wird das Ziel gesetzt, bis 2030 drei Milliarden neue Bäume zu pflanzen.

EU-Agrarkommissar Wojciechowski nicht beteiligt

Wojciechowski-EU-Agrarkommissar

Die Farm-to-Fork- und die Biodiversitätsstrategie sind Teil des Green Deal, den Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Mitte Dezember 2019 vorgestellt hatte. Der Green Deal soll die Europäische Union bis 2050 klimaneutral aufstellen. Darum sieht Farm to Fork auch vor, in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) Anreize für die Speicherung von Kohlendioxid durch die Landwirtschaft zu schaffen.

Bezeichnend für Rolle der Landwirtschaft im politischen Denken in Brüssel ist, dass die beiden langfristigen Strategiepapiere heute von EU-Vizepräsident Frans Timmermans, Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides und Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius präsentiert wurde.

EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski nahm an der Pressekonferenz nicht teil. Wegen der Corona-Pandemie hatte sich die Präsentation der Strategien, die ursprünglich für Ende März vorgesehen war, mehrfach verzögert.

Rukwied kritisiert Generalangriff auf die europäische Landwirtschaft

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, nannte die Strategiepapiere einen "Generalangriff auf die gesamte europäische Landwirtschaft“. In den vorgelegten Strategiepapieren seien dringend notwendige Anpassungen, ausgelöst durch die Corona-Pandemie, nicht berücksichtigt worden. „Die Ernährungs- und Versorgungssicherheit der Menschen in Europa mit heimischen Nahrungsmitteln muss in den Mittelpunkt dieser Strategie gerückt werden.“

Um eine produktive, wettbewerbsfähige und ressourcenschonende Landwirtschaft zu erreichen, müsse statt auf neue Auflagen verstärkt auf Kooperation gesetzt werden, verlangte Rukwied. Allgemeine politische Reduktionsziele für Pflanzenschutzmittel und andere Betriebsmittel seien kontraproduktiv. „Die Bäuerinnen und Bauern dürfen mit den Kosten für mehr Umwelt- und Klimaschutz nicht allein gelassen werden. Die Konsequenz wäre eine zunehmende Abwanderung der europäischen Lebensmittelproduktion in Drittstaaten und vor allem die Aufgabe einer großen Zahl an landwirtschaftlichen Betrieben in der Europäischen Union“, warnte Bauernpräsident Rukwied.

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