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Tierschutz

Ferkelkastration: Was die Branche von der Fristverlängerung hält

Ferkel im Ferkelnest
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Josef Koch, agrarheute
am
30.11.2018

Gestern hat der Bundestag für die Fristverlängerung der betäubungslosen Ferkelkastration gestimmt. Hier die ersten Stimmen zu der Entscheidung.

Rukwied-DBV-Veredelungstag2018

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, zeigt sich erleichtert über die Entscheidung des Deutschen Bundestags, die Frist für den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration um zwei Jahre zu verschieben.

„Wir wollen den geregelten Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Deshalb müssen die zwei Jahre jetzt unbedingt genutzt werden, um pragmatische Lösungen für alle Betriebe und Betriebsgrößen zu finden. Unsere Priorität war nicht die Fristverschiebung, sondern die Verfügbarkeit praxistauglicher Lösungen.“

Der Deutsche Bauernverband fordert, mehrere unterschiedliche Verfahren praxistauglich zu etablieren, damit für alle Betriebe und Betriebsgrößen eine Lösung zur Verfügung steht. Dazu gehört aus Sicht des Bauernverbandes auch, die Einführung der Lokalanästhesie in Erwägung zu ziehen.

Dänemark und Schweden gehen diesen Weg bereits und haben sich für die Lokalanästhesie als das praxistauglichste Verfahren entschieden. Bereits jetzt importiert Deutschland rund 6 Millionen Ferkel pro Jahr aus Dänemark. „Wir fordern gleiche Wettbewerbsbedingungen für unsere Bauern“, so DBV-Präsident Rukwied.

Der Bayerische Bauernpräsident Walter Heidl sieht die Verlängerung als wichtiges Signal für praktikablen Tierschutz in Deutschlands Ställen.

DRV: Fristverlängerung notwendig, aber schlechteste Lösung

Holzenkamp-Franz Josef-DRV

„Das war ein notwendiger Schritt und ist ein Hoffnungszeichen für die Fleischwirtschaft in Deutschland“, sagte Franz-Josef Holzenkamp, Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV). Er betonte jedoch, dass dieses Ergebnis nicht die ideale und vom Raiffeisenverband favorisierte Lösung sei.

„Die Fristverlängerung wahrt für unsere Mitgliedsunternehmen und die gesamte Fleischwirtschaft in Deutschland die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen EU-Ländern, wenn auch nur vorerst. Die Genossenschaften haben seit 2010 in enger Kooperation mit Wissenschaftlern intensiv nach Alternativen gesucht", so Holzenkamp.

Zudem habe der DRV seit 2016 das Bundesministerium immer wieder darauf hingewiesen, welche Umsetzungsprobleme es bei den verfügbaren Alternativen gebe und welche anderen Lösungen nötig wären. "Kurz vor Ablauf der Frist haben wir nun für alle Beteiligten die schlechteste Lösung – einen Aufschub", sagte Holzenkamp.

Mit der Fristverlängerung endeten nicht die notwendigen Bemühungen der Branche, der Bundesregierung und der Wissenschaft. Laut Holzenkamp muss der Sektor die gewonnene Zeit nutzen, auch für die Entwicklung der Lokalanästhesie. Es müsse möglich werden, dass ein geschulter Landwirt dem Tier das Betäubungsmittel vor dem Eingriff verabreicht.

Politscher Wille zu Alternativen hat lange gefehlt

Heigl Hubert-Naturland

„Wir brauchen jetzt dringend eine massive Kampagne zur Unterstützung der Ferkelerzeuger und Schweinemäster aller Haltungssysteme bei der Umstellung“, sagte Naturland-Präsident Hubert Heigl.

„Die Tatsache, dass nach Jahren des Stillstands die Zulassung von Isofluran nun plötzlich quasi über Nacht möglich war, zeigt, dass es bislang schlicht am politischen Willen gefehlt hat“, sagte Heigl.

„Es ist gut, dass dieser politische Wille nun endlich da zu sein scheint. Die Bundesregierung muss dann aber auch Geld in die Hand nehmen für weitere Forschung und Entwicklung, für Aufklärung sowie für die konkrete Unterstützung von Betrieben bei der Umstellung“, forderte der Naturland-Präsident.

ISN: Bundesregierung muss Gesamtkonzept umsetzen

Nach Auffassung der Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) entpuppt sich die Verlängerung der Frist zur betäubungslosen Ferkelkastration bei näherem Hinsehen nun als echtes Gesamtkonzept. Das Konzeot mache Mut und berechtigte Hoffnung nicht für die Ferkelerzeuger, sondern für die deutsche Schweinehaltung insgesamt.

So enthalte der Antrag nicht nur die Aufforderung an die Bundesregoerung, die alternativen Verfahren zur betäubungslosen Ferkelkastration auf deren Praxisreife zu überprüfen und innerhalb von zwei Jahren alles zu tun, um diese Praxisreife herzustellen. Zusätzlich geht es auch um die Einbeziehung der Ferkelerzeugung in die Tierwohlkennzeichung, um die finanzielle Unterstützung für Stallneu- und -umbauten zur Verbesserung des Tierwohls und um die notwendige Flankierung im Bau- und Umweltrecht.

"Wir haben immer wieder gefordert, dass wir eine Gesamtstrategie und klare und verbindliche Vorgaben nicht nur zur Kastration brauchen. Wir haben auch immer gefordert, dass die Zielkonflikte gelöst und die bürokratischen Hürden abgebaut werden müssen, um unsere Betriebe zukunftsorientiert weiterentwickeln zu können. Vieles davon finden wir nun im Entschließungsantrag wieder!", so die USN. 

Jetzt gelte es, das Ganze weiter konsequent mit Leben zu füllen und praktikabel in die Tat umzusetzen, denn wie so oft steckt der Teufel auch hier im Detail.

Lebensmittelhandel muss Taten folgen lassen

Die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Rind und Schwein (BRS), Dr. Bianca Lind, nimmt den Lebensmitteleinzelhandel in die Pflicht.

Der sage zwar eine Abnahme von Fleisch aus allen Alternativen zu; die Wirklichkeit sehe aber anders aus. „Worten müssen nun Taten folgen“, fordert Lind.

Es gelte, die offenen Fragen bei der Anwendung der Isofluranbetäubung zu klären und die Abnahme von Produkten aus der Ebermast, mit und ohne Immunokastration, zu sichern. Des Weiteren müsse an allen weiteren Alternativen intensiv gearbeitet werden, um eine breite Marktdifferenzierung zu ermöglichen.

Tierschützer halten Fristverlängerung für falsch

Martin Hofstetter von Greenpeace kritisierte: "Diese Entscheidung verstößt gegen das grundgesetzlich festgelegte Ziel, Tiere zu schützen."

Der Deutsche Tierschutzbund bemängelt, dass für "das Streben nach größtmöglichem ökonomischem Vorteil nun die Ferkel büßen müssen; das Staatsziel Tierschutz wird mit Füßen getreten."

„Die große Koalition hat sich mit der Verlängerung dieser barbarischen Praxis ein Armutszeugnis ausgestellt. Es gibt längst marktgängige und praktikable Alternativen, die Entscheidung ist deshalb unverständlich,“ kritisiert Rüdiger Jürgensen von Vier Pfoten Deutschland.
 

Den sogenannten „vierten Weg“ lehnt die Tierschutzorganisation ab. Ihrer Meinung nach ist ein wirksame Schmerzausschaltung durch Lokalanästhesie nicht möglich.

CDU: Verlängerung ist das letzte Mal

Zum Punkt ausreichende Alternativmethoden zur Ferkelkastration ohne Betäubung widersprach die Koalition allerdings. Die Tierschutzbeauftragte der SPD-Fraktion, Susanne Mittag, sagte, die vorhandenen Alternativmethoden seien "noch nicht vollkommen gangbar". So seien etwa die Geräte für eine Betäubung mit Isofluran auf dem Markt noch nicht ausreichend vorhanden.

Das Mittel ist erst vor wenigen Tagen zugelassen worden und nahezu kein Landwirte ist in der Anwendung geschult. Überdies sieht die Berufgenossenschaft Gesundheitsprobleme für die Anwender.

Mit der Reform des Tierschutzgesetzes war 2013 das Kastrationsverbot ab 2019 festgelegt worden. Die CDU-Abgeordnete Silvia Breher zeigte sich verärgert, dass die Zeit seit damals nicht ausreichend für die Entwicklung von Alternativen genutzt worden sei. Deshalb müsse die Frist nun ein letztes Mal um zwei Jahre verlängert werden.

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