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Agrar- und Ernährungspolitik

Wie gelingt der Umbau des Ernährungssystems?

Brache-Stilllegung-Ackerbau
am Freitag, 08.04.2022 - 05:00 (10 Kommentare)

Mitte März forderten fast 200 Wissenschaftler weltweit in einem offenen Brief, angesichts des Ukraine-Kriegs den Umbau des globalen Ernährungssystems zu beschleunigen. Wissenschaftler der Universität Göttingen legten Anfang April weitere Forderungen nach. agrarheute schildert die Forderung und zeigt Reaktionen von Agrarwissenschaftlern.

Am 18. März veröffentlichten 8 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die meisten davon am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung e. V. tätig, einen Aufruf, das Welternährungssystem möglichst schnell umzubauen. Die Erzeugung und der Verbrauch von Lebensmitteln seien derzeit nicht nachhaltig und ungerecht. Angesichts des Krieges in der Ukraine bedürfe es hier einer noch schnelleren und nicht einer langsameren Veränderung. Die Wissenschaftler riefen dazu auf, weniger tierisches Eiweiß zu verzehren, mehr Eiweißpflanzen zu erzeugen, weniger Düngemittel und Pflanzenschutz einzusetzen und an der Farm-to-Fork-Strategie der EU-Kommission festzuhalten. Überlegungen, Stilllegungsflächen wieder in die Produktion zu nehmen lehnen sie ab, fordern eine Stärkung der Ökosysteme und die Verringerung von Lebensmittelverschwendung.

Was laut den Wissenschaftlern gegen eine Freigabe von Brachen für die Landwirtschaft spricht

Die ursprünglichen Erklärung vom 18. März haben 190 weitere Wissenschaftler unterzeichnet. Am 1. April veröffentlichten 20 Forscherinnen und Forscher einen offenen Brief, der auf den ursprünglichen Forderungen aufbaut. Wie die Universität Göttingen in einer Pressemitteilung erklärt, betont der federführende Autor, Dr. Lukas Fesenfeld von der ETH Zürich und der Universität Bern: „Die kurzfristige Freigabe von Brachflächen ist keine ausreichende Lösung: um sowohl den unmittelbaren Folgen des Ukraine Kriegs als auch den großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimawandel, Artensterben, Pandemien und Friedenssicherung – wirksam entgegenzutreten, spielt die rasche Reduktion des Fleischkonsums, der Lebensmittelabfälle sowie des Anbaus von Energiepflanzen für die Bioethanol-Herstellung eine besonders wichtige Rolle. Von zentraler Bedeutung für eine umfassende Transformation des Ernährungssystems ist, dass nun rasch produktions- und konsumseitige Maßnahmen strategisch ineinandergreifen.“

Welche Maßnahmen die Forscher zum Umbau des Ernährungssystems fordern

Laut des offenen Briefes könnten die derzeit für die Bioethanol-, Futtermittel- und Tierproduktion genutzten Agrarflächen verstärkt für den Anbau pflanzlicher Lebensmittel für den menschlichen Konsum genutzt werden. Rund 10 Quadratmeter Ackerfläche brächten entweder Getreide für zirka 1 Kilogramm Schweinefleisch oder für mindestens 10 Kilogramm Brot. Flankierend müssten die produzierenden Betriebe ausreichend bei der Umstellung unterstützt werden. Zudem schlagen die Autorinnen und Autoren konkrete Maßnahmen vor, zum Beispiel die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Produkte zu senken und die für Fleischprodukte zu erhöhen. Darüber hinaus könnten Vorgaben zur Flächenbindung und Umbauprämien für Landwirte, Bildungsprogramme zur Ernährungsumstellung und ein Fond zur Förderung einer nachhaltigen Ernährung in der Außer-Haus-Verpflegung die Entwicklung fördern. Sie fordern zudem eine rasche Anpassung der Beimischungsquote, um die Nutzung von Bioethanol aus Energiepflanzen zu reduzieren.

Worüber die Forscher nicht sprechen

Keine wesentliche Rolle spielt im offenen Brief vom 1. April die Agrarforschung. Zwar werden im Schreiben, das ausdrücklich auch mittlelfristige Maßnahmen zum Umbau des globalen Ernährungssystems aufzählt, zahlreiche Vorschläge für ordnungsrechtliche und regulative Eingriffe gemacht. Die Weiterentwicklung der Agrarforschung zur Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft taucht jedoch im gesamten Brief quasi gar nicht auf. Lediglich in einem Halbsatz wird, als ein Beispiel für kurzfristig wirksame Maßnahmen, „Effizienzsteigerung durch Technologien wie bspw. Präzisionslandwirtschaft“ genannt.

Wie andere Agrarwissenschaftler den offenen Brief sehen: Prof. Matin Qaim

Prof. Matin Qaim, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn, sagte gegenüber agrarheute in einer ersten Einschätzung: „Die im offenen Brief geforderten Maßnahmen zur Transformation des Agrar- und Ernährungssystems sind richtig, allerdings differenzieren sie meines Ermessens zu wenig zwischen kurz- und längerfristigen Betrachtungen. Wir befürchten für die kommenden Monate akute Engpässe in der Lebensmittelversorgung in weiten Teilen Afrikas ebenso wie im Nahen und Mittleren Osten, die zu Hungerkrisen führen werden, wenn die Welt nicht kurzfristig gegensteuert. Eine signifikante Reduktion der Tierbestände und der Lebensmittelverschwendung sind wichtige Forderungen, aber die werden so kurzfristig kaum hinzubekommen sein. Biosprit deutlich zu reduzieren, wäre hingegen auch kurzfristig umsetzbar.“

Prof. Qaim: Gentechnik gehört zur Lösung dazu

Prof. Qaim führt weiter aus: „Zu den längerfristigen Betrachtungen: Wenn Europa seinen Fleischkonsum und seine Verschwendung reduziert ist das gut und wichtig. Aber die weltweite Lebensmittelnachfrage wächst trotzdem weiter, so dass wir gleichzeitig auch neue Produktionstechnologien entwickeln und nutzen müssen, um ein nachhaltigeres Agrar- und Ernährungssystem zu erreichen. Dazu gehört z.B. auch die Gentechnik, die hohe Erträge und Ertragsstabilität mit weniger Chemie ermöglicht. Zu technologischen Herausforderungen wird im Brief nichts gesagt. Wir können aber in Europa nicht so tun, als gingen uns die Probleme in anderen Teilen der Welt nichts an, nur weil wir selbst längst ausreichend zu Essen haben.“

Prof. Wilhelm Windisch: Anregungen aufnehmen, sortieren und verbessern

Gegenüber agrarheute äußerte sich auch Prof. Wilhelm Windisch, Ordinarius für Tierernährung an der Technischen Universität München. Er ruft dazu auf, Gedanken aus dem offenen Brief aufzunehmen, fachlich zu sortieren und den Aufruf damit zu verbessern. Windisch sagte: „Aspekte einer gesunden Ernährung des Menschen sind keine fachlichen Argumente gegen oder für eine landwirtschaftliche Praxis. Man kann eine Reduzierung des Fleischverzehrs fordern, doch mit der Sinnhaftigkeit landwirtschaftlicher Praktiken hat das nichts zu tun.“ Windisch erinnert auch daran, dass ein in der wissenschaftlichen Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlichtes Gutachten zur krebsfördernden Wirkung des Fleischverzehrs mittlerweile sehr umstritten sei.

Landnutzungsänderungen: Abgeholzte Wälder konsequent aufforsten

Prof. Windisch führt aus, dass Landnutzungsänderungen wie die Abholzung von Regenwäldern per se klimaschädlich sind, unabhängig davon, ob auf den Flächen Tierfutter oder menschliche Nahrung angebaut werden. Er erklärt: „Tierhaltern vorzuwerfen, dass Futtermittel von abgeholzten Flächen eine riesige Umweltverschmutzung sind und gleichzeitig zu argumentieren, dass von diesen Flächen die Menschheit leicht vegan ernährt werden könnte, ist nicht redlich. Die abgeholzten Flächen müssen wieder aufgeforstet werden – ansonsten darf man der Tierlobby keinen Vorwurf mehr machen.“

CO2-Emissionen über Tierhaltung drosseln statt Methanemissionen bedauern

Ebenso verweist Prof. Windisch auf wissenschaftliche Diskussionen, wonach die Betrachtung jährlicher Treibhausgasemissionen die Sicht auf wahre Handlungsoptionen verzerre. Anstatt vergangene Emissionen zu bedauern müsse diskutiert werden, welche Wirkung Maßnahmen zur Drosselung von Treibhausgasen hätten. Hier müsse es vor allem um die Drosselung von CO2-Emissionen gehen. Windisch erklärt: „In der Landwirtschaft geht es dabei um die Schaffung von CO2-neutralen Zonen (Grünland) oder noch besser um CO2-Senken (Gründüngung auf dem Acker mit Kleegras, usw.). Das sind alles Wirtschaftsformen, die spezifisch die Wiederkäuer fördern!“ Windisch betont dabei das Zukunftspotenzial von Agroforstsystemen, also Mischungen zwischen Wald und Weide, wie früher die Hutweiden.

Nahrungskonkurrenz in der tierischen Produktion vermeiden

Prof. Windisch stimmt prinzipiell damit überein, die Intensität der Tierproduktion zu reduzieren. Die heutige Tierproduktion verfüttere teilweise direkt Lebensmittel, teilweise würde für sie auf Ackerfläche nicht essbare Biomasse wie Silomais erzeugt. Doch Windisch unterstreicht: „Aber das ist nur ein Argument gegen eine überzogene Tierhaltung und keineswegs ein Argument gegen Nutztiere per se – schon gar nicht gegen Wiederkäuer. Es geht also nicht um die Reduzierung der Tierproduktion, sondern um die Vermeidung von Nahrungskonkurrenz – und da muss man zwischen den einzelnen Tierspezies klar differenzieren. Betroffen ist vor allem das Geflügel, gefolgt vom Schwein. Der Wiederkäuer hat da sogar Vorteile.“

Prof. Windisch: Wirkung und Ursache nicht verwechseln

Abschließend erklärt Prof. Windisch: „Wenn wir die Tierhaltung umwelt- und klimaschonend machen wollen, dann müssen wir Nahrungskonkurrenz zum Menschen vermeiden. Das bedeutet automatisch einen drastischen Rückgang der Futtermenge und auch der Futterqualität. Damit sinkt automatisch auch die Produktion an Geflügelfleisch und Eiern, auch an Schweinefleisch. Die Produktion von Milch und Rindfleisch fällt dagegen am wenigsten ab. In dieser Relation werden auch die Tierzahlen zurückgehen. Die Drosselung der Tierzahlen pro Einheit landwirtschaftlicher Nutzfläche muss einer der Wirkungen sein und nicht die Stellschraube! Ebenso ist die ‚Drosselung des Fleischverzehrs‘ die Wirkung einer Vermeidung von Nahrungskonkurrenz und keine geeignete Stellschraube.“

Prof. Dr. Stephan von Cramon-Taubadel: Kurzfristige Reaktionen nötig

Prof. Dr. Stephan von Cramon-Taubadel, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Agrarpolitik an der Georg-August-Universität Göttingen, äußert sich auf Nachfrage von agrarheute grundsätzlich positiv zum offenen Brief: „Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine werden viele Debatten mit erneuter Dringlichkeit geführt – auch in der Agrarpolitik. Plötzlich verschärfte Knappheiten und drohende Hungersnöte verlangen kurzfristige Reaktionen. Diese sollten möglichst geringe negative Folgen für Klima und Umwelt haben. Dort wo negative Folgen unvermeidbar sind, müssen spätere korrektive Anstrengungen umso stärker ausfallen. In dem offenen Brief „Handlungsmöglichkeiten für die Transformation des Ernährungssystems“ werden Maßnahmen zur Minderung der Lebensmittelabfälle sowie der Nutzung von Bioethanol, und vor allem auch zur Minderung des Fleischkonsums und -produktion gefordert. Vieler dieser Maßnahmen würden die Nachhaltigkeit des globalen Ernährungssystems erhöhen.“

Fleischkonsum statt Fleischproduktion in den Fokus nehmen

Prof. von Cramon warnt aber davor, zu stark darauf abzuzielen, nur die Fleischproduktion hierzulande zurückzufahren. Er erklärt: „Eine einseitige Reduktion der Fleischproduktion in Deutschland oder der EU bei gleichbleibender globaler Nachfrage würde lediglich zu einer Verlagerung der Produktion in andere Länder führen. Das hätte negative Folgen für Klima, Umwelt und Versorgungsicherheit.

Ohne technischen Fortschritt keine Ernährungssicherheit

Abschließend erklärt Prof. von Cramon: „Worauf die Autoren des offenen Briefs nicht eingehen, sind zentrale Empfehlungen der Farm to Fork Strategie der EU-Kommission, wie der Ausbau der Ökofläche auf 25% oder die Reduktion des Pflanzenschutzmittel-Einsatzes um 50% bis 2030. Auch hier gilt: Produktionsrückgänge ohne entsprechende Nachfragerückgänge führen lediglich zu einer Verlagerung von unerwünschten Nebenwirkungen. Zudem werden Wörter wie ‚Innovation‘ und ‚Produktivität‘ im offenen Brief nicht erwähnt. Der technische Fortschritt, zum Beispiel der Einsatz von modernen Züchtungsmethoden, reicht alleine nicht. Aber ohne ihn wird es uns nicht gelingen, eine wachsende Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren.“

 

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