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Vater des Glasnost

Gorbatschow ist tot: Ein Landwirt hat die Welt verändert

gorbatschow
am Mittwoch, 31.08.2022 - 14:00 (Jetzt kommentieren)

Der letzte Herrscher der Sowjetunion ist gestorben. Er kam aus der Landwirtschaft. Seine Politik und sein Schicksal waren immer auch vom Erfolg der Bauern geprägt.

Was braucht es, um ein guter Anführer zu sein? Nicht die schlechteste Schule des Lebens ist die Landwirtschaft. Das Verstehen von Wachsen und Gedeihen, die Einsicht, dass man etwas reinstecken muss, wenn man etwas herausbekommen möchte. Ein Gefühl für Zusammenhänge. Und dass Dinge nicht selbstverständlich sind. Michail Gorbatschow, der letzte Herrscher der UdSSR, ist mit Landwirtschaft aufgewachsen. Jetzt ist er gestorben.

Gorbatschow war Landwirt-Sohn und Mähdrescher-Profi

Michail Gorbatschow wurde 1931 in Priwolnoje geboren. Das Dorf liegt in der Region Stawropol, zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Seine Eltern waren Landwirte. Er kannte noch den Hunger zu Zeiten des Stalin-Terrors in den 1930ern und des Krieges und wusste, wie wichtig die Arbeit der Landarbeiter war. Schon als Junge musste er das heimische Gemüsebeet beackern und die Kuh der Familie mit Futter versorgen. Als Teenager dann arbeitete er gemeinsam mit seinem Vater auf den Feldern. Er half ihm, die riesigen Mähdrescher-Kombination zu bedienen. 20-Stunden-Tage auf dem Feld waren keine Seltenheit. Für seinen Einsatz zeichnete die Partei 1948 den jungen Gorbatschow als Mähdrescher-Mechaniker mit dem „Roten Banner der Arbeit“ aus. Er hatte in dem Sommer gemeinsam mit seinem Vater 8.888 russische Zentner geerntet - 888,8 Tonnen.

Mit der Landwirtschaft stand es nach dem Krieg in der Sowjetunion nicht zum besten. 1940 erntete man in der UdSSR noch 95,7 Millionen Tonnen. 1946 waren es nur mehr 39,6 Millionen Tonnen. 1947 waren es immerhin wieder 65,9 Millionen Tonnen. 1948 war ein gutes Jahr. Aber Landwirtschaft sollte immer die Schwachstelle in der sowjetischen Lebenswirklichkeit bleiben. Und ein Feld, auf dem sich Gorbatschow beweisen konnte.

Von der Kolchose ins Zentralkomitee

Nach seiner Arbeit auf den Kolchosen, studierte Gorbatschow zunächst Jura. 1966 machte er nach einem Aufbaustudium seinen Agrarbetriebswirt am Landwirtschaftlichen Institut in Stawropol. Er war in der kommunistischen Partei und machte Karriere als Funktionär. So berief man ihn 1970 zum Ersten Sekretär für Landwirtschaft. Ende der 1970er forderte er bereits höhere Leistungsanreize für Landwirte. Hielt aber an der Kollektivierung fest. 1985 schließlich wurde Gorbatschow nach dem Tod des Generalsekretärs des ZK der KPdSU, Konstantin Tschernenko, mit 54 Jahren zum zweitjüngsten Generalsekretär gewählt.

Sowjetische Landwirtschaft forderte "Gorbi" heraus

Gorbatschow hatte große Pläne; die Umwandlung der Sowjetunion. Schlüssel dafür war eine funktionierende Landwirtschaft, sodass die Menschen nicht hungern mussten. Da fing es an, denn die Leistungsfähigkeit der Planwirtschaft war begrenzt. Fleisch und Butter waren rationiert und die Getreideernte blieb kleiner als es der Plan vorgesehen hatte.

1988 holten die Bauern 195 Millionen Tonnen Getreide ein. Laut Plan hätten es 235 Millionen Tonnen sein müssen. In den 1980ern musste das Land pro Jahr mehr als 40 Millionen Tonnen Weizen importieren. „Wir müssen die Entfremdung der Bauern vom Boden überwinden“, sagte Gorbatschow in der Zeit. „Wir müssen den Bauern wieder zum Herrn über das Land machen, ihn vor Kommando-Methoden schützen und die Lebensbedingungen in den Dörfern grundlegend ändern.“ Mittel hätte eine Aufweichung der Kollektivierung sein können. Aber alles kam spät und schleppend. Und rettete die Sowjetunion nicht.

Und Gorbatschow auch nicht. Seine Politik hat zwar zu dem Ende des Kalten Krieges geführt. Dafür wurde er gerade in Deutschland geliebt. Doch in Russland war das Verhältnis zum Vater von Glasnost und Perestroika gespalten. Man machte ihn für den Prestige- und Machtverlust der UdSSR verantwortlich.

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