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Interview

Grüne Kreuze: Initiator Bauer Willi im Interview

Grünes Kreuz mit Schild
am Freitag, 04.10.2019 - 08:10 (Jetzt kommentieren)

Seit einigen Wochen stehen überall in Deutschland grüne Kreuze auf Feldern und Wiesen. Willi Kremer-Schillings ist einer der Initiatoren der Aktion, mit der Landwirte auf ihre Sorgen aufmerksam machen wollen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was und wen die Grünen Kreuze erreichen sollen und wie es mit der Idee weitergeht.

Willi Kremer-Schillings

Herr Kremer-Schillings, wie entstand die Idee zu den grünen Kreuzen und wer hat sie ins Rollen gebracht?

Die Idee haben wir im Team entwickelt. Auslöser war das Agrarpaket der Bundesregierung, das uns wohl alle geschockt hat. Wir haben uns als "Die Graswurzler" (Anm. d. Red.: mehr dazu unter diesem Interview) zusammengetan und gemeinsam nach einer Aktion gesucht, die Aufmerksamkeit erregt, ohne abzuschrecken. Frei nach dem Raiffeisen-Gedanken "Was einer nicht schafft, schaffen viele."

Und warum die stillen Kreuze statt lauter Aktionen?

Wir haben zuerst auch an Traktor-Blockaden und Gülle-Aktionen wie in Frankreich gedacht, aber das verscherzt uns eher Sympathien in der Öffentlichkeit, als dass es welche schafft. Außerdem sollte jeder Landwirt deutschlandweit ohne großen Aufwand mitmachen können. Ein paar Latten und grüne Farbe kann jeder auftreiben, für die Aufstellung der Kreuze auf dem eigenen Land braucht es wenig Technik und keine Genehmigung. Am Samstag vor Verkündung des Agrarpakets habe ich dann auf meinem Blog "Bauer Willi" die Aktion #grünekreuze geschildert und zur Teilnahme aufgerufen. Die Reaktion war überwältigend.

Was schätzen Sie denn, wie viele Kreuze mittlerweile errichtet wurden?

Wir können natürlich nur grob schätzen. Aber allein am Bodensee sind es wohl über 1.000 Kreuze. Die Landjugend hat dort in einer nächtlichen Aktion 500 Stück geschreinert. Andere sind der Idee gefolgt. Auch am Kaiserstuhl sollen es schon mehrere Hundert Kreuze sein. Und in der Nähe von Celle lädt aktuell ein Landwirt auf seinen Hof ein: 300 Kreuze sollen dort entstehen. Alles in allem dürfte es deutschlandweit 10.000 bis 15.000 grüne Kreuze geben. Und es kommen täglich neue dazu.

Was macht die Idee so erfolgreich?

Zum einen natürlich der Zeitpunkt. Das Agrarpaket hat das Fass für viele zum Überlaufen gebracht. Sie wollten sich äußern, Luft ablassen. Mit einem grünen Kreuz kann jeder direkt vor Ort auf seine Not als Bauer aufmerksam machen. Er muss nicht zu einer zentralen Demonstration fahren. Er muss nicht einmal selbst reden. Wir haben den Teilnehmern einen kurzen Erklärtext zur Verfügung gestellt. Viele haben den einfach laminiert und am Kreuz befestigt. So sprechen die Kreuze schon für sich selbst. Trotzdem sollen sie natürlich zum Dialog anregen.

Viele Bauern haben sehr emotional reagiert, vor allem in den sozialen Medien konnte man das verfolgen.

Ja, für die Landwirte ist es enorm wichtig, die Solidarität untereinander zu spüren, weil so viele mitmachen. Das hat es lange nicht mehr gegeben, dass quer durch die Republik Tausende Landwirte einig sind.

Die Adressaten der Aktion sind aber eigentlich die Menschen außerhalb der Landwirtschaft. Gibt es von da positive Resonanz?

Da es für Reaktionen keine zentrale Anlaufstelle gibt, kann ich das nicht so einfach beantworten. Unsere Initiative hat sozusagen 250.000 Pressesprecher – nämlich jeden einzelnen Landwirt hierzulande. Unsere Botschaft verbreitet sich wie ein Schneeballsystem. Das bedeutet aber auch: Es gibt keinen Tag X, von dem an die Öffentlichkeit aufmerksam wird. Mehrere regionale Zeitungen haben schon berichtet. Was jetzt noch fehlt, ist ein großes Medium, das die Geschichte aufgreift. Das wichtigste sind aber die Reaktionen der Menschen direkt vor Ort, die sich aus Gesprächen und Mund-zu-Mund-Propaganda ergeben. Und da stoßen wir auf viel Zustimmung.

Gab es schon Reaktionen von politischer Seite?

Im Bundeslandwirtschaftsministerium hält man sich bedeckt, dabei hätten die Landwirte von da gern etwas gehört. Schließlich richten sich die Proteste vor allem gegen die Gestaltung des Agrarpakets. Aber einige Bundestagsabgeordnete haben sich bereits gemeldet und nach den Hintergründen erkundigt.

Auch aus der Grünen-Fraktion?

Nein, bisher nur CDU/CSU und FDP.

Trotzdem sind nicht alle Landwirte restlos von der Grüne-Kreuze-Idee überzeugt. Vor allem an der Symbolik gab es Kritik. Manche mögen das christliche Kreuz nicht für eine weltliche Aktion nutzen, andere fühlen sich zu sehr in Kirchennähe gerückt. Was sagen sie denen?

Wir waren auf der Suche nach einem Symbol, das leicht zu bauen ist und gut ins Auge fällt. Dafür war das Kreuz einfach gut geeignet. Dazu kommt die Farbe, die sowohl die Landwirtschaft als auch Hoffnung repräsentiert. Trotzdem gilt natürlich: Wer – aus welchem Grund auch immer – nicht mitmachen möchte, muss das nicht.

Ins Gespräch gebracht hat sich die deutsche Landwirtschaft, aber wie geht es jetzt weiter?

Vor einigen Tagen habe ich auf dem Bauer-Willi-Blog einen Aufruf gestartet, der die Grüne-Kreuze-Aktion weiterdrehen soll. Unter #grünesband ist jeder aufgefordert, mit einem grünen Band, einer Schleife, einem Schal oder ähnlichem an der Kleidung seine Solidarität mit der deutschen Landwirtschaft zu zeigen. Oder auch am Trecker, LKW und Auto. Damit machen wir die grünen Kreuze quasi mobil und wollen zeigen, dass wir offen für den Dialog sind, weil ein Band ja verbindet.

Besteht durch die neue Aktion nicht die Gefahr, dass damit der Fokus verwässert wird?

Ich glaube nicht. Wir sollten die gegenwärtige Aufmerksamkeit nutzen. In ein paar Wochen beginnt die agritechnica, ich stelle mir vor, dass es dort so viele grüne Bänder gibt, dass die Botschaft mit jeder Nachrichtensendung und jedem Presseartikel in die Öffentlichkeit getragen wird. Und klar: Die grünen Kreuze gehören dort auch hin.

Zum Schluss: Wenn ein Landwirt Sie fragt, warum er ein grünes Kreuz oder Band präsentieren soll, was antworten Sie ihm in ein, zwei Sätzen?

Wenn Du möchtest, dass Dein Sohn oder Deine Tochter auch in Zukunft hierzulande Landwirtschaft betreiben können, müssen wir gemeinsam dafür kämpfen, dass die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schafft. Im Rheinland gibt es einen Spruch: "Arsch huh Zäng ussenander" (Arsch hoch und Zähne auseinander), ich denke, das trifft es ganz gut.

 

Wer sind "Die Graswurzler"?

"Die Graswurzler" sind eine Initiative, die aus Agrarbloggern und Praktikern entstand, um die Idee der grünen Kreuze zu verbreiten. Neben Willi Kremer-Schillings (Bauer Willi) gehören zu den Graswurzlern Bernhard Barkmann, Nadine Henke, Marcus Holtkötter, Gabriele Mörixmann, Ralf Pauelsen und René Rempt.

Die Gruppe versteht sich nicht als Sprecher einer zentral gesteuerten Aktion, sondern als Impulsgeber für eine breite Basisbewegung, in der deutsche Bauern mit besagten grünen Kreuzen auf ihre Sorgen und Nöte aufmerksam machen. Ansprechpartner ist dabei jeder Landwirt selbst.

Auf der Facebookseite "Die Graswurzler" posten Teilnehmer der Aktion Bilder und Meinungen und unterstützen sich gegenseitig, um die grünen Kreuze und deren Bedeutung weiter ins öffentliche Bewusstsein zu tragen.

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