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Kommentar

Hat die deutsche Tierhaltung eine Zukunft?

Ferkel, die zum Transport in den Mastbetrieb den Viehhänger erklimmen, gehören zum Alltag jedes Sauenhalters. Aber was, wenn diese Tiere die letzten sind, die den Betrieb verlassen?
am Dienstag, 01.11.2022 - 05:00 (7 Kommentare)

Immer mehr landwirtschaftliche Tierhalter geben ihren Betriebszweig auf. Das hat viele Gründe, ist aber vor allem der unsicheren agrarpolitischen Lage und der Stimmung in der Gesellschaft geschuldet.

Die Ferkel laufen durch die Stallgasse. Ab und an stutzt eins, dreht sich um und die Vorwärtsbewegung stoppt. Dann schieben die Männer mit Plastikbrettern nach, bis die Tiere schließlich die Rampe hinauf in den Viehhänger laufen.

Fertig, Tür zu, Motor an – die Ferkel ziehen um in den Mastbetrieb. Diesen Vorgang haben der Sauenhalter und seine Mitarbeiter Hunderte Male in den vergangenen Jahrzehnten erlebt.

Die letzten Ferkel

Heute aber ist alles anders als sonst. Die Tiere, die eben die Rampe erklommen haben, waren die letzten Ferkel, die den Betrieb verlassen haben. Dem Landwirt steckt ein Kloß im Hals und seine Frau kämpft mit den Tränen, während sie den leeren Treibgang fegt, durch den eben noch die Schweine liefen.

Hoffnung, die sich nie ganz erfüllte

Sie haben viel erlebt in den vergangenen Jahrzehnten: Preisphasen, in denen die Ferkel mehr verschlangen als sie einbrachten, Futterknappheit nach schlechten Ernten, immer strengere Haltungsvorschriften, die Bedrohung erst durch die Europäische, dann durch die Afrikanische Schweinepest.

Trotzdem haben sie durchgehalten, auf bessere Zeiten gehofft, die zwar immer irgendwie auch kamen, aber nie so gut waren wie erhofft.

Am Ende ihrer Kraft

So haben sich die Schweinebestände und die schweinehaltenden Betriebe in Deutschland seit 2010 entwickelt.

Jetzt aber müssen sie aufgeben. Die Sauenhaltung verlangt Investitionen, die sie nicht mehr stemmen können. Dazu kommt die zunehmende gesellschaftliche Ächtung ihres Berufsstandes. Und die immer weiter steigenden Kosten für Futter, Wasser, Diesel, Energie.

Das alles zusammen können sie nicht mehr bewältigen. Deshalb verlassen heute die letzten Ferkel den Hof, der schon seit sechs Generationen in der Familie ist und immer ein Sauenbetrieb war.

Immer mehr Betriebsaufgaben

So haben sich die Rinderbestände und die rinderhaltenden Betriebe in Deutschland seit 2010 entwickelt.

Niemals seit der Nachkriegszeit war die Lage für Nutztierhalter in Deutschland derart prekär. Vor allem Schweinehalter sind inzwischen oft am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt.

Die Folge: Immer mehr Betriebsaufgaben bei gleichzeitig eher moderat sinkenden Tierzahlen (siehe Grafiken). Mit anderen Worten: Im Gegensatz zum erklärten Ziel, Tierbestände aufzulockern und Familienbetriebe zu stärken, sind in den vergangenen Jahren zunehmend vor allem kleinere Betriebe der unsicheren Situation und den neuen Haltungsanforderungen zum Opfer gefallen.

Stattdessen haben sich kontinuierlich die Nutztierbestände in großen Unternehmen konzentriert. Das betrifft alle Tierarten.

Politisches Gezerre

Besonders enervierend und oft letztendlich Grund für die Betriebszweigaufgabe war für viele das Hickhack der verantwortlichen Politikkreise in den vergangenen Jahren.

Ob es darum ging, EU-Haltungsvorgaben umzusetzen oder gar zu überbieten, ob politisch und gesellschaftlich gewollte Veränderungen der Haltungsbedingungen allein von den Tierhaltern zu stemmen waren oder ob Gesprächskreise zur gemeinsamen Lösungsfindung innerhalb kurzer Zeit zur reinen Alibiveranstaltung wurden: Fast immer ging es – parteiunabhängig – vor allem um Wählerstimmen und medienwirksame Schnellschüsse vor der nächsten Wahl.

Von der Initiative zur Alibiveranstaltung

Deshalb ruhen die Vorschläge der Borchert-Kommission in der Schublade und die Zukunftskommissin Landwirtschaft (ZKL) stirbt einen langsamen Tod, weil es aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bislang kaum mehr als Lippenbekenntnisse gibt.

Auch die lange Zeit geforderte und gerade durchgeboxte Haltungskennzeichnung verpufft ihre Wirkung in der jetzigen Rezenssionslage. In einer Zeit, in der Verbraucher auf jeden Cent schauen, hilft sie hiesigen Tierhaltern kaum und gräbt zudem der Initiative Tierwohl (ITW) das Wasser ab.

Fleisch im Fokus der sozialen Medien

Zu all dem hinzu kommt die bedrückende gesellschaftliche Ächtung von Fleischessern und -produzenten. Zwar bezeichnen sich bis heute gerade mal 2 Prozent der Deutschen als Veganer und 10 Prozent als Vegetarier. Dennoch übt die Konkurrenz veganer Fleischersatzprodukte zusätzlichen Druck auf den Markt aus.

Außerdem sind die veganen und vegetarischen Minderheiten überdimensional medial aktiv und laut. Und medienwirksame Protestaktionen von Tierhaltungsgegnern tun ein Übriges, das Bild der Landwirtschaft in der Gesellschaft zu beschädigen.

Hof ohne Tiere

Ob auf dem Hof unserer Landwirte vom Anfang jemals wieder Schweine stehen werden, ist ungewiss. Um weiter wirtschaftlich zu sein, müsste gehörig investiert werden. Für die Hofeigentümer – beide über 60 – ist das keine Option mehr und ihre Kinder haben sich längst andere Berufe gesucht.

Die Eltern wollen noch ein paar Jahre weitermachen, den Hof ein bisschen besser aufstellen, damit er sich irgendwann gut verkaufen lässt.

Abwanderung der Tierhaltung

Neue Ideen und Betriebszweige könnten aber vielleicht den Nachfolgern helfen, auch eine Schweinehaltung wieder zukunftsfähig aufzustellen. So mancher engagierte Schweinehalter, für den Aufgeben noch nicht infrage kommt, macht das heute schon vor (siehe dazu auch unser TopThema im agrarheute-Magazin 11/2022) Die Abwanderung der Nutztierhaltung nach jenseits der deutschen und europäischen Grenzen ist dennoch nicht mehr aufzuhalten – und politisch wohl auch so gewollt.

Digitale Ausgabe agrarheute

Mehr zum Thema "Zukunft der deutschen Nutztierhaltung" lesen Sie im Titelthema der agrarheute-Novemberausgabe. Testen Sie hier unverbindlich unser Digitalmagazin.

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