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Ferkelkastration

Holzenkamp fordert längere Übergangsfrist für Ferkelkastration

Kastration eines Ferkels
am
27.08.2018
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Die betäubungslose Ferkelkastration sollte weitere drei bis fünf Jahre erlaubt bleiben. Dafür spricht sich der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), Franz-Josef Holzenkamp, aus. Seiner Auffassung nach könnte in dieser Zeit die lokale Betäubung als sogenannter vierter Weg etabliert werden, sagt Holzenkamp in einem Interview mit dem Pressedienst Agra-Europe.

Franz-Josef Holzenkamp

Anfang 2013 hat der Bundestag das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019 beschlossen. Jetzt schlägt die Wirtschaft Alarm und will eine Fristverlängerung. Hat man geschlafen, den Beschluss nicht ernst genommen, oder beides?

Holzenkamp: Ich bin weit davon entfernt, konkrete Schuldzuweisungen in irgendeine Richtung zu machen. Erstens bringt dies nichts, und zweitens wäre das auch nicht gerechtfertigt.

Warum? Immerhin droht ein weiterer Exodus der Ferkelerzeugung.

Holzenkamp: Die Wirtschaft war alles andere als untätig. Ich darf daran erinnern, dass sich auch unsere Mitgliedsunternehmen intensiv mit den verschiedenen Alternativen beschäftigt haben. Dies gilt zunächst für die Ebermast. Leider mussten wir aber feststellen, dass die technische Geruchserkennung des Fleisches von geruchsauffälligen Tieren am Schlachtband nicht funktioniert. Ferner sind umfassende Versuche zur Immunokastration gemacht worden. Hier ist man jedoch zu der Einsicht gelangt, dass es im Markt Vorbehalte gibt und auch dieser Weg nicht die alleinige Lösung ist. Schließlich hat sich nicht zuletzt der DRV mit seinen Mitgliedsunternehmen intensiv mit der Möglichkeit der Betäubung mit Isofluran beschäftigt. Auch dies hat sich jedoch nicht als Königsweg herausgestellt. Zum einen ist Isofluran nach wie vor in Deutschland nicht zugelassen; zum anderen gibt es bislang ungelöste Probleme in der Anwendung.

Kein Spiel auf Zeit

Wenn diese Probleme sich abgezeichnet haben, hätte man nicht zeitiger auf die Lokalanästhesie setzen müssen?

Holzenkamp: Das haben wir getan. Bereits Anfang 2016 haben wir uns sehr klar für die Lokalanästhesie, angewandt durch den geschulten Tierhalter, positioniert.

Entscheidendes passiert ist seither jedoch nicht. Woran lag’s?

Holzenkamp: Es gibt eine lange Diskussion, welche rechtlichen Voraussetzungen für die Lokalanästhesie durch den Tierhalter geschaffen werden müssen. Wir waren und sind der Meinung, dass dafür eine Verordnung ausreicht. Auf Seiten der Bundesregierung sieht man das anders. Dort hält man eine Änderung des Tierschutzgesetzes für unerlässlich, weil man den Begriff der „wirksamen Schmerzausschaltung“ sehr eng auslegt und ihn folglich im Gesetz ändern müsste, um die Lokalanästhesie zu ermöglichen. Politisch sind die Aussichten dafür jedoch bekanntlich sehr gering.

Spielt die Branche in der gegenwärtigen Diskussion auf Zeit, um unter wachsendem Druck zum gewünschten Ergebnis zu kommen, wie manche vermuten?

Holzenkamp: Das Gegenteil ist richtig. Ich habe die umfangreichen Aktivitäten in der Branche geschildert. Dass politisch in den letzten beiden Jahren nichts vorangegangen ist, liegt nicht in unserer Verantwortung. Konkret geht es darum, wie man den Anstieg eines Stresshormons beim Tier bewertet, der bei einer örtlichen Betäubung - etwa mit Procain - zu beobachten ist. Wir sehen das als unproblematisch an. Andere sehen das anders. Endgültige wissenschaftliche Ergebnisse stehen noch aus.

"BMEL hätte mutiger sein müssen"

Wie bewerten Sie die Rolle des Bundeslandwirtschaftsministeriums in dieser Frage während der letzten Jahre?

Holzenkamp: Ich hätte mir mehr Mut und Stehvermögen gewünscht.

Die Verunsicherung bei den Sauenhaltern aufgrund der anhaltenden Diskussion ist mit Händen zu greifen. Was sagen Sie denen?

Holzenkamp: Wir haben als Verband nicht nur die Sauenhalter, sondern den gesamten Sektor im Blick. Man muss es sich noch einmal vor Augen halten: Eine Tragezeit von knapp vier Monaten bedeutet, Sauen, die im September belegt werden, ferkeln Anfang nächsten Jahres ab. Die Landwirte müsse also dringend wissen, welche Möglichkeiten sie dann haben, die praktikabel und wirtschaftlich sind.

Klöckner soll ein klares Signal aussenden

In der Frage einer weiteren Übergangszeit ist jetzt der Bundesrat am Zuge. Sie kennen die Diskussion in den Ländern. Was erwarten Sie?

Holzenkamp: Ich erwarte, dass die Vernunft siegt und wir zu einer tragfähigen Lösung kommen. Bayern hat sich für eine Fristverlängerung von fünf Jahren ausgesprochen, Niedersachsen für eine von drei Jahren. In diesem Zeitfenster sollte sich eine Übergangsphase bewegen. Auch aufgrund der Erkenntnisse, die wir in den vergangenen Jahren schon gewonnen haben, sollte das ausreichen, um Antworten auf noch offene Fragen zu finden und die Lokalanästhesie als zusätzlichen vierten Weg zu etablieren.

Sollte ein Bundesratsbeschluss zustandekommen, ist die Bundeslandwirtschaftsministerin am Zug. Was erwarten Sie von Frau Klöckner?

Holzenkamp: So bald wie möglich ein klares Signal, in welche Richtung es gehen wird, damit sich die Sauenhalter darauf einstellen können.

Was würde passieren, wenn alle Bemühungen vergebens bleiben und es nicht zu einer Lösung bis Jahresende kommt?

Holzenkamp: Ich will nicht unbedingt den Teufel an die Wand malen. Aber für mich steht außer Frage, dass die Sauenhaltung in Deutschland weiter zurückgehen würde, und zwar massiv. Allein in Niedersachsen ist die Zahl der sauenhaltenden Betriebe bei der letzten gesetzlichen Änderung - der Umsetzung der Gruppenhaltung bei Sauen - um 30 % zurückgegangen. Dieser Effekt würde sich deutlich verstärkt wiederholen.

Den Zug nicht an die Wand fahren

Sie waren lange in der Politik tätig und wissen, wie schwierig eine Diskussion ist, in der sich wirtschaftliche Argumente und Tierschutzargumente gegenüberstehen. Was macht Sie zuversichtlich, dass es eine Lösung in Ihrem Sinne geben kann?

Holzenkamp: Ich räume ein, dass diese Diskussion in der Öffentlichkeit zu führen schwierig und kaum zu gewinnen ist. Auch vor diesem Hintergrund hat sich die Wirtschaft eingehend mit allen Optionen befasst. Leider sind die Ergebnisse nicht so, wie es nötig wäre. Deswegen sind wir nun in eine Situation gekommen, aus der wir einen Ausweg finden müssen. Vielleicht könnte man für eine Übergangszeit Procain in Kombination mit dem Schmerzmittel Metacam einsetzen, um den Zug nicht vor die Wand fahren zu lassen und weitere Erfahrungen zu sammeln

Mit Material von AgE

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