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Interview / Frauen in der Landwirtschaft

Juliane Vees: Perspektive der Landwirtin fehlt in der GAP-Umsetzung

landwirtin.
am Sonntag, 25.07.2021 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

In der GAP wurde jetzt das Thema Geschlechtergerechtigkeit fest verankert. Was das konkret für Frauen in der Landwirtschaft bedeutet, erklärt Landfrauen-Vizepräsidentin Juliane Vees im Interview.

Juliane Vees

agrarheute: Der Verordnungsentwurf zum GAP-Strategieplan sieht nun erstmals die Verankerung der Geschlechtergerechtigkeit vor. Was bedeutet das für die politische Praxis?

Juliane Vees: "Es soll zum einen bewirken, dass alle Daten, Unterlagen, Verordnungen, die in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) auf den Weg gebracht werden, dahingehend kontrolliert werden, ob sie in keiner Weise irgendein Geschlecht benachteiligen. Zum Zweiten erhoffen wir uns als Deutscher LandFrauenverband, dass jetzt die Chance da ist, Frauen stärker an den GAP-Prozessen zu beteiligen. Viele Dinge, die dort auf den Weg gebracht wurden, sind eher aus Sicht des Landwirts, des Betriebsinhabers, betrachtet worden. Wenn man zum Beispiel LEADER ansieht, hat man nicht geschaut, wie viele Frauen in den Begleitausschüssen sind. Wir wünschen uns, dass man genauer hinsieht, inwieweit Frauen im politischen Prozess beteiligt sind, inwieweit sie Zugang zu den Bildungs- und Beratungsangeboten haben und wie diese angenommen werden."

"Sehr wenig Betriebsleiterinnen"

agrarheute: Sie haben eine völlig unzureichende Geschlechtergerechtigkeit der GAP kritisiert. Wo sehen Sie Defizite?

Juliane Vees: "Wir sehen, dass es nach wie vor sehr wenig Betriebsleiterinnen in der Landwirtschaft gibt. Auch Hofnachfolgerinnen gibt es noch wenige. Wir spüren, dass Frauen immer noch Nachteile haben und sich oft auch weniger zutrauen. Wir würden uns freuen, wenn es dazu mehr Informations- und Beratungsangebote gäbe. Auch im Bereich Existenzgründung ist noch Nachholbedarf, sowie im Bereich Diversifizierung. Wir haben oft die Situation, dass eine Frau auf dem Betrieb eine tolle Idee für ein eigenes Standbein hat. Bei der Umsetzung steht dann oftmals die Förderung im Weg, weil diese in der Regel über den Mann, den Betriebsinhaber, läuft. So wird das neue Betriebs-Standbein über den Mann beantragt und die Frau ist außen vor. Wir wünschen uns, dass es möglich wird, dass Frauen eigene Betriebsbereiche aufbauen, mit denen sie als Unternehmerinnen in eigener Verantwortung tätig sind und das Einkommen und somit auch   eine eigene Absicherung möglich sind."

"Verankerung von Frauen in Gremien"

agrarheute: Was muss sich ändern, damit wir mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Branche erreichen?

Juliane Vees: "Es geht nicht darum, dass wir nicht auf Augenhöhe mit unseren Männern Hand in Hand, Seite an Seite, auf unseren Betrieben arbeiten und Betriebszweige entwickeln. Es geht um Themen, wie Frauen finanziell beteiligt und abgesichert werden können. Die Frage, was passiert, wenn es zu einer Scheidung oder zum Tod des Partners kommt und Frauen teilweise vor dem Nichts stehen.  Deshalb ist auch die Verankerung von Frauen in landwirtschaftlichen Gremien so wichtig, um dort Themen, die Frauen betreffen, mitzunehmen. Zum Beispiel für die Verteilung der Gelder der zweiten Säule, ist es wichtig, dass Frauen in den ELER-Begleitgremien der Länder mitreden, um Einfluss nehmen zu können auf die Programme, die auf den Weg gebracht werden. Auch in den ländlich-agrarischen Gremien sowie bei LEADER sollten Frauen stärker, am besten quotenmäßig   mitbeteiligt werden. Hier in Baden-Württemberg haben wir im Bereich ländliche Entwicklung, LEADER, festgelegt, dass 40 Prozent Frauen vertreten sein müssen. Die LEADER-Gremien, die das geschafft haben, erhalten eine höhere Bepunktung bei der Entscheidung, ob es LEADER-Gebiet wird oder nicht. "

"Bund und Länder müssen aktiv werden"

agrarheute: Nach diesem Schritt auf EU-Ebene, wie soll es nun mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit weitergehen?

Juliane Vees: "Wir als Landfrauenverband wünschen uns, jetzt wo die GAP auf Bundesebene verabschiedet wird, dass nun auch die Länder aktiv werden und sich Frauen vor Ort einmischen und sagen, wir wollen am Prozess beteiligt werden und mitentscheiden, welche Inhalte bei den verschiedenen Programmen zum Thema Diversifizierung, Beratung, Bildung berücksichtigt werden."

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