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Greening

Kommentar zu Vorrangflächen: Schaut selbst, wie es brummt und summt

Mohn und anderes Blumen  blühen in einem Blühstreifen am Feld
am Freitag, 21.08.2020 - 08:40 (1 Kommentar)

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) fordert, den Anteil ökologischer Vorrangflächen (öVF) auf 15 bis 20 Prozent zu erhöhen. Das ist realitätsfern. Eine solche Forderung ausgerechnet in einer der ackerbaulich fruchtbarsten Region des gesamten Planeten aufzustellen, ist absurd und engstirnig. Ein Kommentar von agrarheute-Redakteur Karl Bockholt.

Bockholt_Karl

Absurd ist das deshalb, weil es einerseits vom Summen und Brummen auf Blühflächen maximal weit entfernt ist. Andererseits zeigt das, wie groß die Kluft zwischen der Denke am Schreibtisch und der Arbeit auf dem Acker ist. Für mehr Artenvielfalt müssten Landwirte mehr leisten, so der Tenor der Beamten. Verantwortlich für den Verlust an Arten seien hauptsächlich die Bewirtschafter. Doch das ist nicht richtig.

Die Beamten übertünchen bewusst den Fakt, dass öVF dem Artenreichtum auch heute schon nützen. Geschickt vernetzt und richtig in die Produktion und in die Landschaft vor Ort eingebettet, lassen öVF zweifelsfrei mehr Raum für Biodiversität. Allein damit leisten Landwirte bereits jetzt deutlich mehr als Lichtverschmutzer und Vielflieger zwischen Bonn und Berlin.

Engstirnig ist die Forderung des BfN deshalb, weil sie einfach nicht zu Ende gedacht ist. Werden hierzulande landwirtschaftliche Flächen aus der Produktion genommen, muss von woanders Ersatz herkommen. Da viele Nahrungsmittel aber nun mal nicht an den Bäumen wachsen, ist die Erzeugung auf Ackerflächen angewiesen. Und die sind eben nicht vermehrbar, weder hier noch in Übersee, wenn nicht gerade Regenwald brandgerodet wird. Wie die Ökobilanz importierter Lebensmittel ausfällt, ist auch dem BfN bekannt.

Sinnvoller wäre eine Studie zu den Öko-Folgen vom gewaltigen Flächenfraß

Der Artenvielfalt würde es weit mehr nützen, nicht mehr so viel Flächen zu betonieren, weniger Straßen zu bauen und vor allem weniger Büros ­ - gerade auch von Behörden ­ - zu errichten. Täglich etwa 70 Fußballfelder in Deutschland zu versiegeln, das ist eine Schande für ein so fruchtbares Land, die wir in Zeiten des Klimawandels einfach nicht länger hinnehmen dürfen.

Hinzu kommt: Versiegelte Flächen und zwangsweise abgeleitetes Regenwasser senken längst den Grundwasserspiegel. Bei der Trockenheit im Boden zeigt die Alarmstufe längst auf dunkelrot. Der Kampf ums Wasser ist bereits entbrannt. Den von Lebensstil und Dauerkonsum der ganzen Gesellschaft geförderten Raubbau an der Natur kann eine Berufsgruppe niemals allein kompensieren. Ich halte es für eine Anmaßung, das zu suggerieren.

Besser hätte das BfN mal eine Studie in Auftrag gegeben, die klipp und klar aufzeigt, was weniger Flächenverbrauch oder Lichtverschmutzung in der gesamten Volkswirtschaft für Artenschutz und Biodiversität bedeutet. Was dann rausgekommen wäre, wäre wahrscheinlich nicht so herausposaunt worden wie das öffentliche Zerreißen der öVF.

Jeglicher Maßstab ist in der Behörde offenbar verlorengegangen

Die Größenordnung für öVF, von der das BfN träumt, entspricht größenmäßig etwa der Fläche des kompletten Bundeslands Nordrhein-Westfalen. Ich stelle mir gerade vor, wie der Ruhrpott, die Eifel und ganz Ostwestfalen-Lippe und das Rheinland zu einer einzigen Blumenwiese werden. Ob ich die der gepflegten Kulturlandschaft vorziehen würde, kann ich sicher verneinen.

Der Maßstab für das, was wirklich nötig ist, scheint der Behörde komplett verloren gegangen zu sein. Mein Tipp ans BfN: Schaut selbst, wie es summt und brummt, und leistet dann euren  - angemessenen - Beitrag für mehr Artenvielfalt im eigenen Vorgarten. Das würde die Biodiversität unterm Strich wahrscheinlich mehr fördern als jede noch so gut gemeinte Studie.

 

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