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Tierwohl

Kritik für staatliches Tierwohllabel: Unzureichend und nur freiwillig

Julia Klöckner
am
06.02.2019
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Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner erntet viel Kritik: Umwelt- und Tierschutzverbände, Politiker und agrarheute-Leser diskutieren über ihr freiwilliges, staatliches Tierwohllabel.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat die Kriterien für das freiwillige, staatliche Tierwohllabel vorgestellt. Für die Ausgestaltung des Kennzeichens, das ab 2020 auf den Markt kommen soll, erntet sie Kritik von vielen Seiten - für die Freiwilligkeit, für die geringen Unterschiede zu gesetzlichen Vorgaben sowie für die Komplexität und damit Unverständlichkeit für Verbraucher.

Tierschutz- und Ökoverbände: Viele Antworten fehlen

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, kommentiert: "Der Grundfehler bleibt, dass die Ministerin weiter auf Freiwilligkeit setzt, die große Mehrheit der Schweine bleibt damit auf der Strecke." Und weiter: "Bis heute hat Frau Klöckner nichts dazu vorgelegt, wie hoch die Fördermittel sein sollen, aus welchen Töpfen diese kommen und wie sie angewendet werden sollen. Auch fehlen die Antworten auf weitere Fragen, etwa wie Kontrollen gestaltet werden und wer Lizenzen vergibt. Nicht zuletzt fehlt eine grundsätzliche Marschrichtung im Rahmen einer laut Koalitionsvertrag geplanten Nutztierstrategie.

Demeter-Vorstand Alexander Gerber kritisiert: "Nicht einmal der gesetzliche Mindeststandard wird als unterste Stufe transparent dargestellt. Bei jedem Griff ins Kühlregal sollte jedoch auf einen Blick klar sein, unter welchen Bedingungen das Tier gehalten wurde, dessen Fleisch ich kaufe. Das leistet Klöckners Tierwohl-Label leider nicht."

Bioland hätte es lieber gesehen, wenn Klöckner sich am System der Eierkennzeichnung orientiert hätte, dass die Bioerzeugung der höchsten Label-Stufe zuordnet. "Engagierte Biobetriebe finden sich in keinster Weise in diesem System wieder", kritisiert Jan Plagge, Präsident von Bioland. Er fordert, dass die geplanten 100 Millionen Euro gezielt an diejenigen Betriebe fließen, die ein besonders hohes Niveau einer artgerechten Nutztierhaltung umsetzen und entsprechende Stallsysteme um- oder neubauen. Des weiteren seien fünf Trennungsstufen für Verarbeitung und Handel zu teuer: Neben den drei Stufen des staatlichen Labels müssen Fleischverarbeiter und Handel zwei weitere Sortimentsgruppen getrennt verarbeiten und transportieren: Fleisch auf gesetzlichem Mindeststandard und Ökofleisch.

FDP: Verbraucher müssen das Fleisch auch bezahlen

Der agrarpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Dr. Gero Hocker, hält das Tierwohllabel für "nichts Halbes und nichts Ganzes". Ob es sich durchsetze, werde nicht im Ministerium, sondern an der Ladenkasse entschieden. "Höhere Standards in der Tierhaltung sind wünschenswert, kosten aber Geld. Die Verbraucher müssen wissen: Es ist eine Sache, sich in Umfragen für mehr Tierwohl auszusprechen, und eine andere, höhere Preise für Fleisch zu bezahlen."

Der Berichterstatter für Tierwohlfragen in der FDP-Bundestagsfraktion, Karlheinz Busen, gibt zu bedenken, dass es mit dem vierstufigen Haltungskompass des Lebensmittelhandels bereits eine gleichwertige Alternative zum staatlichen Tierwohllabel gebe. Frau Klöckner komme zu spät. "Die Einführung des staatlichen Labels jetzt gegen jede Vernunft durchzudrücken und mit 70 Millionen Euro aufwendig zu umwerben, ist pure Verschwendung von Steuergeldern."

Die Grünen: Label geht nicht weit genug

Martin Häusling, Agrarkoordinator der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, argumentiert: "Mit der Freiwilligkeit des Labels und der Beschränkung auf Schweinehaltung wird nichts Ganzes und nichts Halbes umgesetzt." Der Marktanteil der gekennzeichneten Produkte werde sich voraussichtlich auf lediglich 20 bis 30 Prozent der Schweinehaltung beschränken. Die einzig wirksame Lösung für Tierwohl im Sinne des Verbrauchers stelle eine einheitliche europäische gesetzliche Regelung zum Tierwohl dar.

Nach Ulrike Höfken (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltministerin in Rheinland-Pfalz, hat das Label seine zwei Ziele verfehlt, nämlich "eine eindeutige, verständliche Kennzeichnung für die Verbraucher und eine Verbesserung der Haltungsbedingungen für Nutztiere." Außerdem hält sie das Label für zu komplex: "Ohne eine Bedienungsanleitung werden wir Verbraucher nicht verstehen, was hinter den Stufen genau steht." Zudem habe der Handel gerade eine neue Tierwohlkennzeichnung mit großer Marktabdeckungsmöglichkeit eingeführt, weil Bundesministerin Klöckner so lange untätig war." Höfken fordert zudem: "Wenn Klöckner etwas am Tierwohl liegt, dann muss sie stattdessen gute gesetzliche Standards für Tierwohl bei Transport, Schlachtung und Kastration einführen – ganz losgelöst von einem Label, das die Haltung kennzeichnen sollte."

Verbraucherzentrale: Konzept geht nicht weit genug

Die Verbraucherzentralen begrüßten die Vorlage des lange überfälligen Konzepts, nannten die Verbesserungen aber zu gering. Die in Stufe 1 vorgesehenen 20 Prozent mehr Platz reichten nicht aus, um von mehr Tierwohl zu sprechen.

Der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, Martin Rücker, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Anstatt ein weiteres rein freiwilliges Siegel auf den Markt zu bringen, muss sich Julia Klöckner für gesetzliche Vorgaben einsetzen, damit alle und nicht nur einige wenige Nutztiere tiergerecht gehalten werden."

Leserstimmen: "Verbraucher werden es nicht verstehen"

Auch agrarheute-Leser diskutieren rege über das Thema. So schreibt Markus Baumann auf Facebook: "Ich als Enverbraucher sehe es relativ. Die bisherigen Qualtätssiegel der Hersteller und das CMA-Gütesiegel bieten keine Übersicht."

Ann End sieht das Kennzeichen ebenfalls kritisch: "Mal wieder eins unter vielen Labeln. Keiner der Verbraucher versteht wirklich, was das eine oder andere bedeutet. Und je mehr unnütze Dinge auf den Verpackungen stehen desto weniger wird überhaupt gesehen."

Alexander Frohn stellt sich die Frage: "Wer zahlt dem Landwirt eigentlich die Mehrkosten? So wie ich das sehe, gibt es keine Absatzsicherheit für teilnehmende Landwirte. Zahlen die Kunden den Mehrpreis nicht, dann bleibt der Bauer auf seinen Investitionen sitzen. Und das bei den neuen tollen Düngeplänen."

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Mit Material von dpa, Presseinformationen, Facebook

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